Management-Guru im Interview
Was Algorithmen nicht können

Münster -

Er gilt als profiliertester Führungsexperte der Republik und sagt: Die Digitalisierung ist eine soziale Revolution. Deshalb rückt Dr. Reinhard K. Sprenger wieder den Menschen in den Mittelpunkt.

Mittwoch, 13.03.2019, 08:00 Uhr
Gilt als einer der profiliertesten Führungsexperten in Deutschland: Dr. Reinhard K. Sprenger
Gilt als einer der profiliertesten Führungsexperten in Deutschland: Dr. Reinhard K. Sprenger Foto: Mareycke Frehner

Er gilt als Deutschlands Management-Guru, als profiliertester Führungsexperte der Republik und ist zugleich erfolgreicher Autor von Managementliteratur: Dr. Reinhard K. Sprenger stellt den Menschen als Freiheitswesen in den Mittelpunkt seiner Führungstheorie. Am Montag (18. März) hält er bei den WN-Wissensimpulsen einen Vortrag zum Thema „Radikal Digital. Weil Menschen den Unterschied machen“. Was er damit meint, verrät Sprenger im Interview mit unserem Redakteur Dirk Anger .

Allenthalben ist zu hören, dass der Mensch in der digitalen Welt eine geringere Rolle spielen wird. Sie sagen, der Mensch macht den Unterschied. Passt das zusammen?

Sprenger: Die Digitalisierung ist keine technische Revolution, sondern eine soziale. Es geht um die Wiedereinführung des Menschen, der ja im alten Maschinenmodell der Unternehmensführung ausgegrenzt wurde. Auf der Außenseite der Unternehmen der Kunde, der immer individueller wird. Auf der Innenseite der Mitarbeiter, der mit Kollegen zusammenarbeiten muss, von deren Existenz er noch gar nichts wusste. In der Summe ist das die Wiedereinführung des Kunden, der Kooperation und der Kreativität.

Kunde, Kooperation und Kreativität: Auf diese Kernaufgaben sollen sich Ihrer Meinung nach Führungskräfte konzentrieren. Warum?

Sprenger: Weil diese Kernaufgaben im Prozess des modernen Organisierens sukzessive zurückgedrängt wurden. Der Kunde war zwar einst der Motor des Unternehmens. Dann aber wurden die Unternehmen größer und drehten sich zunehmend um sich selbst. Jetzt aber geht es darum, das ganze Unternehmen vom Kunden her zu denken. Auch die Kooperation wurde im Prozess des Organisierens immer mehr geschwächt – zugunsten der Spezialisierung, des Expertentums, der Koordination. Die Digitalisierung fordert heute von den Mitarbeitern ganz neue Formen der Zusammenarbeit, hierarchieübergreifend, funktionsübergreifend, abteilungsübergreifend. Sogar unternehmensübergreifend.      

Und die Kreativität?

Sprenger: Die Kreativität war das größte Opfer des Effizienz-Paradigmas. Sie wurde dem Unternehmen zunehmend wesensfremd und deshalb ausgelagert an spezielle Institutionen – an Universitäten, Labors und Start-ups. Das kann sich heute kaum noch ein Unternehmen leisten. Weil nicht Technologie Ideen erzeugt, sondern Ideen Technologie.

Welche Fähigkeiten und Talente helfen eigentlich in der digitalen Welt von heute weiter?

Sprenger: Menschliche Intelligenz ist der maschinellen überlegen, wenn es um das Kreative geht, das Individuelle, das Komplexe, das Besondere, das Abwägen, Spüren, Bewerten. Auch das Soziale gehört dazu: Gespräche etwa, Zuwendung, Kontakt. Auch Urteilskraft in einem starken Sinne, das Trennen von Wesentlichem und Unwesentlichem – alles nicht programmierbar.

Vor allem aber der Widerspruch! Die Fähigkeit, sich selbst zu widersprechen, sie wird wohl immer dem Menschen vorbehalten bleiben. Das betrifft auch den Vorwurf, unser Bildungssystem qualifiziere vorrangig für wegfallende Berufsbilder. Bildung kann Menschen vielmehr auf genau jene Situationen vorbereiten, die von Algorithmen nicht zu entscheiden sind. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was `Alexa` noch nicht weiß.

Stichwort Motivation: Welches Umfeld muss denn ein Unternehmen seinen

Sprenger: Ach, die Motivation. Es gibt keine allgemeingültigen Faktoren, die für Engagement sorgen. Man kann nicht sagen: Wenn ich diesem Menschen Freiraum einräume, ist er motiviert. Dazu ist die Motivation eines Menschen zu individuell und autonom. Einfacher ausgedrückt: Was den einen Menschen motiviert, kann für einen anderen bedeutungslos sein. Als Führungskraft können Sie ohnehin nur die Bedingungen der Möglichkeit motivierten Handelns schaffen. Der Mensch ist ein Freiheitswesen, und an seiner Freiheit kommen Sie nicht vorbei.   

Sie haben Kontakt zu den Hopi-Indianern in Arizona. Was kann ein erfolgreicher Autor von Managementliteratur wie Sie dort lernen?

Sprenger: Der Kontakt liegt lange zurück. Der Stamm hat damals akzeptiert, dass ich an seinen Beratungen und Festen teilnehmen durfte. Ich lernte viel über das, was man früher in den 60ern über Drogen erreichte: zirkuläre Denkfiguren, das Anerkennen von anderen Realitäten, Zeit nicht als Linie, sondern als Kreis. Alles das lüftet den Kopf, entwickelt Möglichkeitsbewusstsein. Und das ist Zukunftsfähigkeit.    

Wenn es auf den Menschen ankommt: Wie gehen Sie mit der digitalen Reizüberflutung um und konzentrieren sich auf das Wesentliche?

Sprenger: Zunächst bin ich mir nicht sicher, ob mir das immer gelingt. Ich lese aber gerne Bücher, vor allem alte, mache Musik und trete auf mit meiner Band, schreibe meine Texte in der Abgeschiedenheit New Mexicos. Auf die sogenannten sozialen Medien verzichte ich – das ist die Freiheit, die ich mir selber gebe.

In der heutigen Zeit sind prägnante Aussagen gefragt. Helfen Sie mir bei diesem Satz: Ich werde erfolgreich, wenn…

Sprenger: . . . Sie den Erfolg nicht direkt anstreben. Es ist ein Nebenprodukt dessen, was Sie lieben zu tun. Erfolg ist, was folgt.

Zum Thema

Die WN-Wissensimpulse finden jeweils im Veranstaltungsort „Cloud“ des Factory Hotels, An der Germania Brauerei 5, im alten Brauereigebäude statt und dauern von 19.30 bis 21 Uhr. Einlass ist ab 19 Uhr. Die Referenten stehen später für Buchsignierungen und persönliche Gespräche zur Verfügung. Eintrittskarten unter ' 0 25 61/9 79 28 88.   | www.sprecherhaus.de

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