Wochen gegen Rassismus
Wenn Migranten Polizisten sind: Pöbelei und Anerkennung

Münster -

Polizei und Rassismus: Dieses Verhältnis wird meistens mit Blick auf mögliche Täter diskutiert. Vier münsterische Polizisten mit Migrationsgeschichte erzählten bei einer Veranstaltung des Polizeipräsidiums aus einer anderen Perspektive.

Mittwoch, 13.03.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 13.03.2019, 20:58 Uhr
Diskussion mit vier Polizisten mit Migrationsgeschichte (v.l.): Marie Schmitz-Moormann, Ali Tuztekin, Milad Ibrahim, Yusra Altun.
Diskussion mit vier Polizisten mit Migrationsgeschichte (v.l.): Marie Schmitz-Moormann, Ali Tuztekin, Milad Ibrahim, Yusra Altun. Foto: Karin Völker

Wenn Ali Tuztekin, Polizeikommissar am Präsidium in Münster, in seiner Freizeit in Zivil zusammen mit uniformierten Kollegen gesehen wird, hat er schon häufiger mitbekommen, was manche Leute dann denken: „Da haben sie mal wieder einen geschnappt.“ Kommissarin Marie Schmitz-Moormann musste sich mit einem Mann auseinandersetzen, der öffentlich pöbelte: „Seit wann dürfen Nigger Polizisten sein?“ Kommissar Milad Ibrahim schritt bei einem Schalke-Spiel gegen einen gewaltbereiten Fan ein – und musste sich anhören: „In meinem Land bedrohst du mich nicht“.

Während in Deutschland darüber diskutiert wird, dass Migranten zu häufig ohne Anlass von der Polizei überprüft und unverhältnismäßig hart angefasst werden, sind Polizisten, die erkennbar aus Zuwandererfamilien stammen oder farbige Eltern haben, nicht selten selbst Zielscheibe von Rassismus.

Die Polizei Münster hatte als Beitrag zum Veranstaltungsprogramm der Wochen gegen Rassismus zu einer Diskussion mit vier Kollegen ins Präsidium eingeladen, der Raum war mit rund 100 Besuchern – Migranten und sogenannte „Biodeutsche“ – dicht besetzt. Moderatorin Anja Wengenroth zitierte eingangs eine Studie nach der ein vom mitteleuropäischen Erscheinungsbild abweichendes Aussehen, verstärkt Diskriminierungserfahrungen hervorrufe.

Wie ist das bei Polizistinnen und Polizisten mit einem in Polizeiberichten offiziell häufig als „südländisch“ bezeichneten Aussehen? Wie finden Frauen und Männer mit Zuwanderungsgeschichte zur Polizei – und wie geht es ihnen als Staatsdiener, bei der Aufgabe Recht und Ordnung durchzusetzen? Polizeipräsident Hajo Kuhlisch zeigte sich sehr dankbar für die Kollegen, die interkulturelle Brücken bildeten und viele Aufgaben – gerade im Migrantenmilieu besonders kompetent lösen könnten. Die vier Hauptpersonen des Abends erzählten aber nicht nur von feindseligen Reaktionen: „Wir erleben viel Anerkennung“.

Polizisten mit Zuwanderungsgeschichte erzählen von ihren Erfahrungen : "Jetzt sind alle stolz auf mich"

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  • Marie Schmitz-Moormann

    Marie Schmitz-Moormann (33) wuchs in Nottuln-Darup auf – weit und breit das einzige farbige Kind. Ihr Vater, ein Ghanaer, starb, als sie ein Kleinkind war. Die Familie hat sich zuerst gewundert über ihre Berufswahl: „Jetzt sind alle stolz auf mich“, sagt sie. Die Meinung ihrer Freunde, die sagen, sie sei „deutscher als deutsch“ kommentiert die Kommissarin so: „Ja, ich mag gerne Regeln“. Es kommt vor, dass männliche Migranten bei Einsätzen ihre Autorität nicht respektieren. Das nimmt Marie Schmitz-Moormann gelassen: „Die Menschen müssen lernen: Das ist hier so.“ Wenn sie gelegentlich das Schimpfwort vom „Nigger“ hört, macht sie das traurig – „darüber, dass es so viel Dummheit gibt.“ Was sie auch erlebt, sind aber auch seltsame Hemmungen. Wenn Zeugen, die sie vernimmt, farbige Täter beobachtet haben, hört sie bisweilen: „Ich weiß gar nicht, ob ich das Ihnen gegenüber sagen darf.“ 

    Foto: Karin Völker
  • Milad Ibrahim

    Milad Ibrahim (27) ist Sohn syrischer Einwanderer und kam 2001 nach Deutschland. Er ist das älteste von sieben Geschwistern – und sein Vater schrieb ihm Verantwortung für die Entwicklung der Jüngeren zu. „Du gehst voran.“ Eigentlich wollte er Ingenieur werden, Freunde regten ihn an, sich bei der Polizei zu bewerben. „Ich war lebenslang schon Polizist“, sagt Ibrahim, der sechs Jahre Schiedsrichter im Sport war, „ist ja auch eine Art Polizist“. Ibrahim spricht neben deutsch, arabisch, türkisch und kurdisch. Er ist stellvertretender Kontaktbeamter des Präsidiums zu den muslimischen Organisationen. Seit 2015 war er war als solcher viel in Flüchtlingsunterkünften zu Gast. Die Leute da sind froh, in ihm die Polizei in einer anderen Rolle zu erleben als in den Heimatländern, erzählt er. „Wenn ich komme,  begrüßen sie mich mit ‚hey Bruder‘“.

    Foto: Karin Völker
  • Ali Tuztekin

    Ali Tuztekin (37) ist Sohn von Einwanderern aus der Türkei und kommt aus dem Kreis Steinfurt. Lange war er in seinem Heimatort der einzige Polizist mit Migrationsgeschichte. Er kam über den zweiten Bildungsweg nach einer handwerklichen Ausbildung und Abitur am Abendgymnasium zur Polizei – „mittlerweile könnte ich als Einstellungsberater bei Jugendlichen arbeiten“, erzählt er von großer Anerkennung und Stolz, die ihm aus der Gemeinde der türkischstämmigen Zuwanderer entgegengebracht wird. „Ich habe das Gefühl, die Tür geöffnet zu haben“, sagt er, „viele Jugendliche trauen sich jetzt, es auch zu versuchen“. Bevor Ali Tuztekin bei der Polizei war, dachte er auch immer, Polizisten gingen gegen Ausländer besonders hart vor. „Das stimmt nicht“, betont er heute. Wie die deutschstämmigen Kollegen reagieren, wenn es rassistischen Pöbeleien gegen ihn gibt? „Sie sind  noch wütender als ich.“

    Foto: Karin Völker
  • Yusra Altun

    Yusra Altun (25) ist seit 2013 bei der Polizei. Ihre Mutter stammt aus Tunesien, der Vater aus der Türkei. Sie spricht neben deutsch, türkisch und ein bisschen arabisch – das helfe bei manchen Einsätzen. „Eigentlich wollte ich Erzieherin werden“, erzählt sie – aber Freunde gaben ihr den Tipp, sich bei der Polizei zu bewerben. „Du bist zuverlässig und durchsetzungsstark“, sagten die Freunde – und Yusra Altun widersprach nicht. Ihr Vater hat ihr die Laufbahn zuerst nicht zugetraut, erzählt sie, „jetzt ist er stolz.“ Bei der Polizei hat sie sich „vom ersten Tag an zugehörig gefühlt. Es spielt keine Rolle, dass meine Eltern nicht aus Deutschland kommen“, sagt sie. Wenn von irgendwo her trotzdem auf ihre Herkunft angespielt wird, nimmt sie es gelassen: „Rheinländer, Ostwestfalen oder Ostdeutsche müssen sich auch Sprüche anhören.“ 

    Foto: Karin Völker
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