Interview mit der Seniorenvertretung
Hans Kurth spricht Klartext: Schluss mit Jugendwahn!

Münster -

Die Menschen werden immer älter, aber Alte haben ein denkbar schlechtes Image. Wie damit umgehen? Hans Kurth ist 71 Jahre, engagiert sich ehrenamtlich – und streitet gern für Senioren!

Samstag, 16.03.2019, 19:00 Uhr
Hans Kurth ist neuer Vorsitzender der Kommunalen Seniorenvertretung. Leidenschaftlich bricht er eine Lanze für seine Altersgenossen.
Hans Kurth ist neuer Vorsitzender der Kommunalen Seniorenvertretung. Leidenschaftlich bricht er eine Lanze für seine Altersgenossen. Foto: kb

Am kommenden Mittwoch (20. März) findet der Seniorentag 2019 statt. Der Festakt beginnt um 15 Uhr im Rathausfestsaal. Wenn es um Senioren und ihre Sicht auf die Welt geht, spricht Hans Kurth , Vorsitzender der Kommunalen Seniorenvertretung, Klartext. Ihn hat unser Redakteur Klaus Baumeister befragt.

Senioren sind eine wachsende Bevölkerungsgruppe. Warum braucht die Stadt Münster eine kommunale Seniorenvertretung?

Kurth: Die Gruppe der Senioren gewinnt zwar quantitativ an Bedeutung, aber ansonsten verliert sie an Bedeutung und vor allem an Ansehen. In unserer Gesellschaft hat körperliche und geistige Leistungsfähigkeit einen ganz hohen Stellenwert. Ältere Menschen können da im Bewusstsein der Gesellschaft nicht mithalten. Da hilft ihnen auch ihre Erfahrung nur wenig. Ältere Frauen zum Beispiel klagen oft darüber, dass Menschen auf der Straße schlicht durch sie hindurchsehen. Bei Männern kommt es meist zu einem Bruch, wenn sie den Beruf aufgeben, weil sie sich häufig über ihren Beruf definiert haben. Alleinstehende ältere Männer haben besonders viele Probleme. Generell erleben wir eine ständige Entwertung des Alters. Eine wichtige Aufgabe der Kommunalen Seniorenvertretung ist es, die Würde und das Ansehen der älteren Menschen in der Gesellschaft zu wahren.

War die Situation früher anders?

Kurth: Das muss man differenziert sehen. Unsere Geschichte kennt viele Phasen, in denen Lebenserfahrung für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens eine zentrale Funktion hatte. Dieser Umstand ging einher mit einer hohen Wertschätzung für ältere Menschen. In einer Zeit des Wandels zählt Erfahrung weniger. Heute herrscht in Unternehmen und Parteien – unbeschadet der Tatsache, dass dort auch Ältere anzutreffen sind – ein regelrechter Jugendwahn.

Woran liegt das?

Kurth: Junge Menschen sind leichter zu beeinflussen. Es mag Momente geben, in denen das von Vorteil ist. Aber die Folgen können auch katastrophal sein.

Was meinen Sie damit?

Kurth: Der Nationalsozialismus war – überspitzt ausgedrückt – eine Jugendbewegung. Die NS-Verantwortlichen haben junge Menschen in ihren Bann gezogen und ihnen ganz bewusst nahegelegt, ältere Menschen zu verachten. Die Generation der Eltern und Großeltern wurde ganz gezielt als jene diffamiert, die den Ersten Weltkrieg verloren habe. Meine Mutter hat häufig erzählt, dass Senioren während der NS-Zeit gern als „Friedhofsgemüse“ tituliert wurden. Das Ungestüme der Jugend und der Verzicht auf die Erfahrungen der Älteren haben zu der Katastrophe beigetragen, die wir Deutschen 1945 erlebt haben.

Alle wollen alt werden, niemand will alt sein. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Kurth: Wir müssen unterscheiden zwischen Image und Selbstwahrnehmung. Das Image des Alters ist denkbar schlecht. Sobald man sich als alter Mensch definiert, übernimmt man auch dieses Image. Meine Selbstwahrnehmung indes ist eine ganz andere. Ich bin 71 Jahre alt und habe mich selten in meinem Leben so gut gefühlt wie heute. Als junger Mensch wollte ich mich immer selbst verwirklichen. Heute tue ich es.

Erfahrungsgemäß steigt mit dem Alter das Bedürfnis nach Kontinuität. Zugleich aber beschleunigt sich der Wandel. Konflikte sind programmiert . . .

Kurth: Auf jeden Fall. Der Populismus, den wir aktuell in der Politik erleben, ist eine Reaktion auf das Verlangen nach Überschaubarkeit, nach Vertrautem. Die Menschen wollen eine Heimat haben. Wir sollten die Aufgabe, das Bedürfnis nach Heimat zu befriedigen, nicht den Populisten überlassen. Der Mensch braucht beides, Kontinuität und Wandel.

Stichwort Wandel. Der demografische Wandel ist unaufhaltsam. Werden wir demnächst eine Rente mit 70 haben?

Kurth: Ich kann es mir vorstellen. Eine wichtige Voraussetzung für eine längere Erwerbstätigkeit wäre aber, dass den Mitarbeitern im Alter – zumindest jenen, die dafür die Voraussetzungen mitbringen – eine größere Eigenständigkeit eingeräumt wird. Wenn ich als Pensionär meine ehrenamtlichen Tätigkeiten betrachte, dann reicht die zeitliche Inanspruchnahme durchaus an eine Berufstätigkeit heran. Aber es sind selbstbestimmte Tätigkeiten, das hilft gegen den Stress und motiviert.

Stichwort Ehrenamt. Es gibt so viele gesellschaftliche Aufgaben, die unerledigt bleiben, weil Engagement fehlt. Sind Senioren in dieser Hinsicht ein ungehobener Schatz?

Kurth: Ja, unbedingt. Der allgemeinen Klage über das nachlassende ehrenamtliche Engagement kann ich nicht zustimmen – zumindest nicht, was Senioren betrifft. Entscheidend sind die persönlichen Beziehungen und genügend Gestaltungsfreiraum. Ehrenamtliche wollen das Gefühl haben, mitbestimmen zu können, und wollen auch planen.

Ein Ehrenamt ist also keine Frage des Alters . . .

Kurth: In der Begegnungsstätte Altes Backhaus, die ich neun Jahre lang geleitet habe, arbeitet eine Kursleiterin, die ist 91. Warum nicht? Ich selbst gebe dort Smartphone-Kurse. Das macht richtig Spaß, die Stimmung ist gut. Vielen der Teilnehmer geht es nicht allein um das Smartphone, es geht auch um das Zusammensein. Und genau darauf kommt es doch an.

Viele Senioren aus dem Umland ziehen nach Münster. Ist das für Sie eher eine Chance oder eine Gefahr?

Kurth: Ich sehe eher die Chance. Die Senioren, die zu uns kommen, interessieren sich für spezielle Eigenschaften der Stadt, beispielsweise das üppige Bildungsangebot der Hochschulen. Es sind meist Menschen, die es lieben, in einer Stadt zu leben, deren historische Strukturen man erkennen kann. Kurz und gut: Wir reden hier über Menschen, die häufig an Bildung interessiert sind. Warum sollte das Münster schaden?

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