Das Experiment
Thilo Sarrazin debattiert mit Mouhanad Khorchide über den Islam

Münster -

Es war ein eigenwilliger Abend in Münster: Der umstrittene Autor Thilo Sarrazin diskutiert seine islamkritischen Thesen mit dem münsterischen Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Wie geht so ein interessantes Experiment aus?

Mittwoch, 20.03.2019, 14:04 Uhr aktualisiert: 20.03.2019, 14:45 Uhr
Debattierten in der Stadthalle in Münster-Hiltrup (v.l.): Autor Thilo Sarrazin, Moderator Klaus Kelle und Professor Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster.
Debattierten in der Stadthalle in Münster-Hiltrup (v.l.): Autor Thilo Sarrazin, Moderator Klaus Kelle und Professor Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. Foto: Matthias Ahlke

Es ist 19.13 Uhr, als Thilo Sarrazin seinen Vortrag startet. Von den rund 100 Demonstranten draußen ist wenig zu hören, rund 350 Teilnehmer haben sich laut Veranstalter in der Stadthalle in Münster-Hiltrup eingefunden. Christophe Lüttmann, Vorsitzender des Hayek-Clubs Münsterland, ruft die Besucher vorsorglich zur Mäßigung auf: „Wir wollen diskutieren, wir möchten keine Beleidigungen hören.“ Sarrazin soll aus seinem islamkritischen Buch „Feindliche Übernahme“ lesen, dann ist eine Diskussion mit Professor Mouhanad Khorchide , dem Leiter des Zentrums für islamische Theologie an der Universität Münster , geplant. Ein Experiment.

Sarrazin zieht alle Register

Moderator Klaus Kelle würdigt zur Einleitung Sarrazins kluge Ideen. Rund eine Stunde hat der umstrittene SPD-Politiker dann Zeit, dem mucksmäuschenstillen Publikum seine Sicht auf den Islam zu präsentieren. Er zieht alle Register. Oft schwingt ein Ton des Beleidigtseins mit: Sowohl seine Partei, die SPD , als auch die Medien würden sein Schaffen ignorieren. Dabei zeigten die hohen Verkaufszahlen die große Resonanz seiner Thesen.

Viel Polemik

Vor acht Jahren schrieb Sarrazin sein migrationskritisches Buch „Deutschland schafft sich ab“. Seine Thesen bleiben ähnlich apokalyptisch, doch nun ist er in die Rolle eines Islamwissenschaftlers geschlüpft. Er habe den Koran komplett gelesen und ausgewertet, betont er immer wieder. Seine Kritiker sehen in ihm den Manipulator mit dürftigem Faktenhintergrund, seine Anhänger jemanden, der Klartext spricht. Dafür sehen sie ihm nach, dass er grenzüberschreitend, verletzend und polemisch formuliert.

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Thilo Sarrazin Foto: Matthias Ahlke

Zum ersten Mal Beifall gibt es, als er sagt: „Der Islam ist keine Religion des Friedens und der Toleranz, sondern eine Gewaltideologie im Mantel der Religion.“ Er spricht von der „Rückständigkeit“ der muslimischen Welt. „Stark sind die islamischen Länder nur beim Bevölkerungswachstum“, urteilt er. Nach rund einer Dreiviertel Stunde kommt seine Hauptthese: Da der Islam durch die Einwanderer nach Europa komme, sei in 40 bis 60 Jahren alles muslimisch geprägt – mit allen negativen Begleiterscheinungen wie einem belasteten Verhältnis der Geschlechter oder Rückständigkeiten bei der Demokratie.

Was Islamwissenschaftler Khorchide zu Sarrazins Thesen sagt

Gegen 20.15 Uhr kommt der „echte“ Islamwissenschaftler Professor Mouhanad Khorchide an die Reihe – für ein paar Minuten. Seine Gegenargumente: Sarrazin lese viel in den Koran hinein und vertrete die Lesart der Extremisten. „Man muss den Koran im historischen Kontext betrachten.“ So kenne man es schließlich ja auch bei der Bibelexegese.

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Mouhanad Khorchide Foto: Matthias Ahlke

Wörtlich genommen stehe in der Bibel weit mehr über Frauendiskriminierung als im Koran. Er selbst stoße derzeit von Münster aus viel an. Beispiel: Die fortschrittliche Ausbildung von Imamen in Ländern wie Ägypten. „All das sind Prozesse in Bewegung.“ Nicht die Religion, sondern der politische Islamismus sei das Problem.

Wenig Gelduld mit kritischem Publikumsbeitrag

Bei den Fragen aus dem Publikum wird es lebendig. Für eine Frau, die sich als „moderne Muslimin“ bezeichnet und moderat Kritik äußert, gibt es wenig Geduld. Sie wird nach kurzer Zeit laut mit einem „Aufhören, Aufhören“-Chor bedacht. Ein Mann zeichnet ihren Auftritt am Mikro per Handy auf – er wird später von den Veranstaltern zur Rede gestellt. Khorchide erhält Beifall, als er nach mehr staatlicher Kontrolle in den Moscheen ruft. Sarrazin tut ihn als „Rufer in der Wüste“ ab – „wie ich in der SPD“.

Ich möchte Verantwortung zeigen und mit Menschen, die ich sonst nicht erreiche, über die einseitige Auslegung des Islams debattieren.

Professor Mouhanad Khorchide

Ein Fragesteller bekommt besonders viel Applaus: „Es gibt nur eine Partei in Deutschland, die die Probleme so anspricht wie Sie, Herr Khorchide. Die AfD.“ Warum er daraus nicht die Konsequenz ziehe? Khorchide kontert souverän: „Weil ich mich nicht instrumentalisieren lasse.“ Am Ende gibt es Beifall, die Veranstalter äußern sich zufrieden, und es gibt Schlangen am Podium, wo Sarrazin Bücher unterzeichnet – auch bei Khorchide, der gegenüber in der Lobby signiert. Warum er sich dieser Debatte gestellt hat, wird Letzterer gefragt. „Ich möchte Verantwortung zeigen und mit Menschen, die ich sonst nicht erreiche, über die einseitige Auslegung des Islams debattieren“, erklärt er. Alle müssten helfen, dass sich alles zum Positiven verändere. Ist das Experiment gelungen? Khorchide nickt: „Ja. Ich würde sagen Ja.“

Protest gegen Thilo Sarrazin vor der Hiltruper Stadthalle

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  • Foto: Matthias Ahlke
  • Vor der Hiltruper Stadthalle haben sich am Dienstagabend Demonstranten versammelt.

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  • Der Anlass: ein Auftritt des Buchautors Thilo Sarrazin. 

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  • Eingeladen nach Münster hatte ihn der „Hayek-Club Münsterland“.

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  • Der umstrittene Autor diskutiert in der Stadthalle mit dem münsterischen Islamwissenschaftler Prof. Dr. Mouhanad Khorchide. 

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  • Thema des Gesprächs ist das neue Sarrazin-Buch „Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“. 

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  • Das Bündnis „Keinen Meter den Nazis“ hatte zum Protest aufgerufen.

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  • „Sarrazin hat sich als geistiger Brandstifter und Stichwortgeber für extrem rechte Parteien wie die AfD betätigt", begründete das Bündnis seinen Protest-Aufruf. 

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  • Rund 100 Personen folgten dem Aufruf und demonstrierten gemeinsam.

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