Amokfahrt in Münster
Opfer erinnern sich - und starten in ein neues Leben

Münster -

Der 7. April 2018 wird den Menschen wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Die Amokfahrt vom Kiepenkerl jährt sich an diesem Sonntag zum ersten Mal. Die Opfer der schrecklichen Tat von Jens R. erinnern sich - und starten gemeinsam in ein neues Leben.

Freitag, 05.04.2019, 17:54 Uhr
Da war die Welt noch in Ordnung: Zwei Stunden vor der Amokfahrt machte Hubert Kastner dieses Selfie von sich und seiner Verlobten Melanie vor der Lambertikirche.
Da war die Welt noch in Ordnung: Zwei Stunden vor der Amokfahrt machte Hubert Kastner dieses Selfie von sich und seiner Verlobten Melanie vor der Lambertikirche. Foto: privat

Der 7. April 2018 ist ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Tausende Menschen sind in der Innenstadt von Münster unterwegs, genießen die Sonne, die von einem makellosen Himmel scheint.

Auch Hubert Kastner aus Salzgitter und seine Verlobte Melanie Muhm , die in Braunschweig wohnt, sind an diesem Tag in der Stadt. Es ist etwa halb zwei, als Kastner vor der Lambertikirche ein Selfie von sich und seiner Freundin schießt. Die beiden wirken glücklich.

Ausflug zu Weihnachten geschenkt

„Da war die Welt noch in Ordnung“, sagt Hubert Kastner. Zwei Stunden später, um 15.27 Uhr, steuert ein 48-jähriger Mann einen Kleinbaus auf den Platz am Kiepenkerl-Denkmal. Er tötet vier Menschen, weitere 20 werden zum Teil schwer verletzt. Unter ihnen ist auch Melanie Muhm.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

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  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Noch am Abend werden Kerzen angezündet und Blumen für die Opfer niedergelegt.

    Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

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  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

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  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

„Das Wetter war so wunderschön“, erinnert sich Hubert Kastner, der als Bauingenieur bei der Salzgitter AG arbeitet. Den Ausflug nach Münster hat er seiner Verlobten zu Weihnachten geschenkt. Die beiden sind Krimi-Fans, lieben „Wilsberg“ und den Münster-Tatort. Am 7. April machen sie eine Krimi-Stadtführung, dann beschließen sie, am Kiepenkerl etwas zu trinken. „Als wir kamen, wurden gerade zwei Plätze frei“, erzählt Hubert Kastner. Seine Verlobte nimmt Platz, er will noch schnell zur Toilette. Kaum hat er den „Kleinen Kiepenkerl“ betreten, hört er draußen einen Knall – „und plötzlich war Totenstille“.

Wo zuvor Tische und Stühle waren, stand nun ein Auto. Und meine Frau befand sich an einer anderen Stelle als zuvor.

Hubert Kastner

Er eilt zurück ins Freie. „Wo zuvor Tische und Stühle waren, stand nun ein Auto. Und meine Frau befand sich an einer anderen Stelle als zuvor.“ Hubert Kastner läuft zu ihr, nimmt sie in den Arm, stellt schnell fest, dass sie bei dem Zwischenfall schwer verletzt worden ist. „Vom Chaos um uns herum habe ich kaum etwas mitbekommen, das war wie ein Blackout. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mich in einem Tunnel befinden.“

„Ich sprach mit meiner Frau, damit sie bei Bewusstsein bleibt, habe zu ihr gesagt: bitte stirb nicht.“ Dann muss er den inzwischen von der Polizei abgeriegelten Platz verlassen. Es wird befürchtet, dass sich im Pkw eine Bombe befindet. „Ich habe der Polizei gesagt: Ich gehe nicht von meiner Frau weg. Doch die Beamten machten klar, dass ich keine Wahl habe.“ Kastner wird zum Dom geleitet, während sich Ärzte unter anderem um seine Frau kümmern. Im Dom werden Kastner die schrecklichen Ereignisse erst so richtig bewusst.

Als Mann und Frau entlassen

„Als mir klar wurde, dass ich vielleicht ums Leben gekommen wäre, wenn ich nicht in Richtung Toilette gegangen wäre, wurde mir übel.“ Hinzu kommt die Ungewissheit über den Zustand seiner Frau. Erst Stunden später erfährt er, dass sie sich in der Raphaelsklinik befindet. Melanie Muhm wird notoperiert, kann aber schon am nächsten Tag die Intensivstation verlassen. Das Krankenzimmer teilt sie sich mit ihrem Verlobten, der wegen Herz-Kreislauf-Beschwerden behandelt werden muss. „Schnell war uns beiden klar: Wir haben Glück gehabt, es hätte schlimmer kommen können.“

Knapp zwei Wochen später werden die beiden entlassen – als Mann und Frau. Denn kurz zuvor haben sie sich im Krankenhaus das Ja-Wort gegeben. „So wurde Münster für uns zu der Stadt, in der wir geheiratet haben, der Stadt unserer Wiedergeburt“, sagt Kastner. „Mit der Heirat wollten wir uns zugleich bei allen Münsteranern bedanken. Sie haben sich so gut um uns gekümmert.“ Das haben sie auch schon im Fernsehen betont, Günter Jauch hatte die beiden im vergangenen Dezember in seinen Jahresrückblick eingeladen.

Rückblick: Ein Jahr nach der Amokfahrt

Bleibende körperliche Schäden

Ein Jahr nach den schrecklichen Ereignissen vom 7. April 2018 arbeitet Hubert Kastner wieder. Melanie Muhm (55) befindet sich in der Wiedereingliederung, die Amokfahrt hat bei ihr bleibende körperliche Schäden hinterlassen, berichtet ihr Mann. Zudem befindet sie sich nach wie vor in psychischer Behandlung. „Nach der Entlassung dachten wir, das wird schon wieder alles gehen“, sagt Kastner. Doch es ging nicht. Der Weg zurück in ein normales Leben – er ist noch lang.

7. April 2018: Die Amokfahrt von Münster

Für rund zwei Stunden herrscht am 7. April 2018 in Münster der absolute Ausnahmezustand, nachdem der Münsteraner Jens R. am Nachmittag mit einem Campingbus in eine Menschenmenge am Kiepenkerl-Denkmal im Herzen der Stadt gefahren ist.  Am Ende sind fünf Menschen tot und mehr als 20 werden schwer verletzt. Unter den Toten ist auch der Täter, der sich danach richtet sich der 48-Jährige selber.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Polizei die Innenstadt komplett abgesperrt. Über 1000 Beamte sind bis in die Nacht hinein im Einsatz. Relativ schnell ist klar: Die Amokfahrt hat keinen terroristischen Hintergrund. Sie ist vielmehr die Tat eines Menschen, der unter erheblichen psychischen und körperlichen Problemen litt.

Deutsche Spitzenpolitiker zeigen sich unmittelbar nach dem schrecklichen Ereignis entsetzt und sprechen Opfern wie Angehörigen ihre Anteilnahme aus. „Die Meldungen, die uns aus Münster erreichen, sind schrecklich“, sagt  Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich „zutiefst erschüttert“ von den „entsetzlichen Geschehnissen“.

Münster trauert: Am Sonntag kommen Hunderte zum Ort des Geschehens, um der Opfer zu gedenken und Blumen niederzulegen. Gekommen sind an diesem Tag auch Bundesinnenminister Horst Seehofer, Landesinnenminister Herbert Reul und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Am Abend findet im Dom ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt, an dem mehr als 1600 Menschen teilnehmen. Die Stadtgesellschaft steht zusammen. (Elmar Ries)

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Immerhin: „Wir leben intensiver als früher“, berichtet der 58-Jährige. „Genießen unsere Freizeit, trinken gerne ein Glas Wein, fahren viel Rad.“ Den Satz „Man lebt nur einmal“ mag er nicht so: „Man stirbt nur einmal – aber man lebt jeden Tag“ ist ihm lieber.

Eine Zeit nach der Amokfahrt

Für die beiden gibt es eine Zeit vor der Amokfahrt – und eine Zeit danach. Heute setzen sie sich nicht mehr einfach in ein Straßencafé, sondern schauen zunächst, ob der Bereich durch Poller geschützt ist. Und wenn ein Auto voll aufdreht, dann zucken beide zusammen. „Diese gellenden Geräusche. . .“ sagt Kastner.

Straßenumfrage - Amokfahrt: Ein Jahr danach

Und noch etwas anderes belastet das Ehepaar: „Arztbesuche und Therapien zerren an den Nerven“, sagt Kastner. Hinzu komme der Kampf um die Erstattung ausstehender Kosten. „Dafür ist mittlerweile sogar ein Rechtsbeistand erforderlich“, sagt er.

Inzwischen waren beide schon wieder in Münster, auch am Ort der Amokfahrt. „Als wir dort standen, dachte ich: Was ist der Platz klein. Und dann: Das ist die Stelle, an der ich Melanie in meinen Armen hielt.“


Die Wunden sind noch tief

Ein Jahr nach der Amokfahrt von Münster mit insgesamt fünf Toten sind vor allem die seelischen Wunden bei vielen Menschen nicht verheilt. Die Opferschutzbeauftragte des Landes, Elisabeth Auchter-Mainz, spricht von 100 Betroffenen, die nach der Tat Hilfe gesucht hätten und unter anderem in Trauma-Ambulanzen vermittelt worden seien. Darunter sind Rettungskräfte und Helfer. „Es sind noch Menschen in therapeutischer Behandlung.“

Die Amokfahrt bleibt für viele ein Albtraum. „Jeder trauert oder verarbeitet das Geschehen anders. Manche Opfer meldeten sich erst viel später“, sagt Auchter-Mainz unserer Zeitung. Sie rechnet damit, dass nach dem Gedenkgottesdienst am Sonntag, an dem mehrere NRW-Minister teilnehmen, weitere von Tat betroffene Menschen den Kontakt zur Opferschutzberatung suchen.

 

Wie wir den 7. April 2018 erlebt haben

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  • Fassungslos im Theater

    Wie die Preußen an dem Samstag  gespielt haben? Ich weiß es nicht mehr. Von der Amokfahrt hörte ich im Stadion, jemand rief mich an. Als ich dann mein Auto am Rathaus parkte, war die Rede von mehreren bewaffneten Attentätern, die noch in der Innenstadt unterwegs seien. Tausende Menschen flanierten an diesem ersten warmen Frühlingstag durch Münsters Fußgängerzone, immer mehr schwer bewaffnete Polizei rückte an. Erst später klärte sich auf, dass es sich um einen psychisch gestörten Einzeltäter ohne politisches Motiv handelte. Im dunklen Foyer des Theaters, nur einige Hundert Meter vom Tatort entfernt, traf ich auf Oberbürgermeister Lewe. So fassungslos hatte ich ihn noch nie gesehen – mir ging es genauso. (Ralf Repöhler)

    Foto: diverse
  • Anruf in der Davert

    Ein Tag, wie geschaffen für eine Radtour. Nach einem Zwischenstopp in einem Eiscafé in Amelsbüren steuerte ich die Davert an. Mitten im Wald, dessen Boden von blühenden Buschwindröschen übersät war, klingelte mein Handy. „Ist bei Dir alles in Ordnung?“, fragte meine Mutter. „Was ist denn los?“ erkundigte ich mich – dort, wo ich gerade war, gab es keinen Internetempfang. Sie berichtete von einem Zwischenfall am Kiepenkerl. Ich machte kehrt, dann klingelte das Handy erneut. Der erste Kollegenanruf. Wo ich sei, wie schnell ich in der Stadt sein könne. Dann Internetempfang: Eil-Nachrichten von Welt, CNN, BBC News ploppten auf. Eine halbe Stunde später traf ich mit dem Rad am Domplatz ein. (Martin Kalitschke)

    Foto: diverse
  • Kein Dienst wie sonst

    Der Frühlingstag fing richtig schön mit Sonnenschein und dem üblichen Samstagseinkauf auf dem Markt an. Nur den geplanten Stadtbummel hatten wir morgens zugunsten der Gartenarbeit verschoben. Dann hörten wir das erste Martinshorn. An sich in der Stadt nichts Ungewöhnliches. Nur das Einsatzhorn hörte nicht mehr auf. Das Telefon klingelte. Mein Bruder, mein Patenkind aus Amerika und Freunde riefen an: „Geht es Euch gut?“ Ein Blick ins Internet genügte.  Ich warf Block und Kamera in die Tasche und raste zum Tibus. Zu Hause hätte ich jetzt nicht bleiben können. Vor Ort traf ich auf Kollegen und auf viel Polizei. Es war kein Dienst wie sonst üblich. Der 7. April 2018 hat mich getroffen und bewegt. (Gabriele Hillmoth)

    Foto: diverse
  • Innehalten im Entsetzen

    Meinen gerade angereisten Wochenendbesuch lasse ich allein auf der Terrasse sitzen, als die ersten Nachrichten im Netz auftauchen. Ich fahre mit dem Rad los. Am Kreisel die erste Sperre, schwer bewaffnete Polizei. Ich darf weiter Richtung Innenstadt, rede mit Passanten, helfe, unseren Live-Ticker zu füllen. Auf der Ludgeristraße registriere ich fast gleichzeitig zwei Tweets. Der eine aus zuverlässiger Quelle  besagt, dass es kein islamistischer Anschlag  war, der andere von AfD-Politikerin von Storch, die „Danke Merkel“ twittert. Innehalten im persönlichen Alarmzustand: Dieser Anschlag ist nicht nur an sich entsetzlich – es ist auch furchtbar, was daraus gemacht wird. Wir Journalisten tragen hier Verantwortung – für besonnenes Berichten. (Karin Völker)

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  • Keine Zeit für Verarbeitung

    Der Grill war gerade angefeuert, die Salate standen auf dem Tisch – dem Tag mit Freunden im Garten stand eigentlich nichts im Wege. Bis ungewöhnlich oft Hubschrauber über uns kreisten. Irgendetwas muss passiert sein, dachte ich, blickte auf das Handy und sah die erste Meldung von der Amokfahrt. Sofort habe ich die diensthabende Kollegin in der Online-Redaktion angerufen, um zu fragen, ob sie Hilfe benötigt. Und die war nötig. In der Redaktion standen die Telefone über Stunden nicht mehr still. Eine Flut von Informationen und Bildern erreichten uns am Online-Desk. Zeit, um die Tragweite dessen zu begreifen, was da eigentlich passiert war, gab es erst nach Mitternacht, als die Arbeit für den Tag getan war. (Pjer Biederstädt)

    Foto: diverse
  • Nationaler Rechenfehler

    Ich könnte hier schreiben, wie ich an jenem Tag über eine Demonstration berichten sollte. Wie ich stutzig wurde, als Polizisten von dort abgezogen wurden. Wie ich unseren Fotografen in die Stadt schickte. Und wie er mich zurückrief und nur sagte: „Komm sofort hier hin!“ Doch eingebrannt hat sich etwas anderes: Nämlich wie plötzlich diverse Medien aus drei Toten vier machten – obwohl der Polizeisprecher lediglich gesagt hatte, dass es drei Tote gebe, der Täter sich selbst gerichtet habe. Sogar in unserer Berichterstattung tauchte der vierte Tote online kurz auf. „Alle schreiben das“, hieß es auf meine Nachfrage. Ich protestierte. Was bleibt ist die Mahnung, dass nicht Schnelligkeit, sondern Genauigkeit das höchste Gut des Journalismus ist. (Björn Meyer)

    Foto: diverse

 

Die Amokfahrt hat eine tiefe Wunde hinterlassen.

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe

Die Amokfahrt von Münster sei für die erst im Jahr 2017 geschaffene Position der NRW-Opferschutzbeauftragten und ihrem Team angesichts der vielen Menschen, die Beratung gesucht hätten, ein Wendepunkt gewesen. „Bis dahin hatten sich nur vereinzelt Opfer gemeldet."

Oberbürgermeister Markus Lewe glaubt nicht, dass die Amokfahrt Münster verändert habe. „Sie hat eine tiefe Wunde hinterlassen“, sagt Lewe. Der Schicksalstag habe bei allem Mitgefühl mit den Opfern auch gezeigt, dass die Resilienz in der Stadtgesellschaft groß sei.

Laschet dankt den Menschen in Münster

Zum ersten Jahrestag der Amokfahrt von Münster mit fünf Toten hat Ministerpräsident Armin Laschet an das Leid der Angehörigen erinnert. „Wir fühlen die Trauer auch ein Jahr nach der schrecklichen Tat mit.“ Laschet würdigte gegenüber unserer Zeitung das besonnene und darum „beispielgebende“ Verhalten der Menschen in der Region: „Sie lehnten sich mit Ruhe und Entschlossenheit gegen den Schrecken, den die Tat auslösen sollte.“

Obwohl anfangs auch ein Terroranschlag möglich erschien und die Lage stundenlang unklar blieb, hatten die Bürger auch in sozialen Netzwerken besonnen reagiert und Spekulationen ins Leere laufen lassen. Zugleich standen Hunderte Menschen Schlange, um Blut zu spenden. „Zu den Lehren von Münster gehört, wie stark das Signal sein kann, wenn eine Gesellschaft der Versuchung von Hetze widersteht“, betonte der Ministerpräsident. „Ich bin den Menschen in Münster dankbar für diese Haltung.“

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