Rückenwind für geplantes Gesetz zur Organspende
Organ-Mangel: „Die Situation ist dramatisch“

Münster -

Der Organspende-Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn findet in Münster Unterstützung. Für den Transplantationsbeauftragten des Uniklinikums Münster, Prof. Dr. Hartmut Schmidt, zum Beispiel ist er längst überfällig.

Montag, 08.04.2019, 19:00 Uhr
Mehr Organspender sind dringend notwendig: Prof. Dr. Hartmut Schmidt und Dieter Kemmerling, der seit 18 Jahren mit einer transplantierten Leber lebt, sind flammende Befürworter der Gesetzesinitiative von Gesundheitsminister Jens Spahn zur Widerspruchslösung bei der Organspende.
Mehr Organspender sind dringend notwendig: Prof. Dr. Hartmut Schmidt und Dieter Kemmerling, der seit 18 Jahren mit einer transplantierten Leber lebt, sind flammende Befürworter der Gesetzesinitiative von Gesundheitsminister Jens Spahn zur Widerspruchslösung bei der Organspende. Foto: Matthias Ahlke

Künftig soll jeder Erwachsene als Organspender gelten, wenn er dem zuvor nicht ausdrücklich widersprochen hat. Mit dieser sogenannten Widerspruchslösung, die eine Gesetzesinitiative vorsieht, die Gesundheitsminister Jens Spahn ins Rollen gebracht hat, wurden viele kontroverse Diskussionen ausgelöst.

Für den Transplantationsbeauftragten des Uniklinikums Münster, Prof. Dr. Hartmut Schmidt , ist der Vorstoß längst überfällig. „Wir haben eine dramatische Situation, die sich von Jahr zu Jahr verschärft hat.“ 190 Organe seien im vergangenen Jahr am Uniklinikum Münster transplantiert worden, vor allem Nieren (über 100), 56 Lebern, einige Herzen, Lungen und Dünndärme.

Verzweiflung im Klinikalltag

Allein für Lebertransplantationen „standen 136 Patienten auf der Warteliste. Wir haben letzte Woche noch zwei Patienten verloren, weil kein Organ trotz hoher Dringlichkeit zur Verfügung stand“, beklagt der Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am UKM. Aus Verzweiflung würden im Klinikalltag heute „Organe entnommen, die wir vor 20 Jahren nicht entnommen hätten“.

Eine Widerspruchslösung, die im Übrigen in anderen europäischen Ländern in unterschiedlichen Variationen längst praktiziert werde, sei „die stringente Antwort auf das Problem“. Schmidt verspricht sich davon, dass am Universitätsklinikum Münster die Zahl der Spenderorgane auf das Zwei- bis Dreifache steigen werde. „Ideal wäre das Vierfache“, so der Mediziner, der selbst seit Studententagen einen Organspenderausweis im Portemonnaie hat, wie er sagt.

Einer von Schmidts ehemaligen Patienten wirbt seit Jahren unermüdlich für die Bereitschaft zur Organspende: der Musiker Dieter Kemmerling. Der Mitbegründer der münsterischen Initiative „No panic for organic“ lebt seit 18 Jahren mit einer transplantierten Leber, wie er stolz berichtet. Vor dem Hintergrund einer Widerspruchslösung müsse sich jeder mit dem Thema beschäftigen.

Nur ein Prozent der Tode erfüllen die Voraussetzung 

Kemmerling: „Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu benötigen, um ein Vielfaches  höher als der Fall, als Organspender infrage zu kommen.“ Denn: Nur ein Prozent der Sterbenden erleidet laut Schmidt einen Hirntod, der in Deutschland Voraussetzung für eine Organentnahme sei. In vielen anderen Ländern werde dagegen auch der Herztod als Voraussetzung akzeptiert.

In Deutschland werden jährlich rund 3000 Organtransplantationen vorgenommen, Über 10 000 Patienten stehen auf Wartelisten. Schmidt: „Wenn das Problem jetzt nicht gelöst wird, kann keine faire Verteilung der Organe gewährleistet werden.“ Die Verteilschlüssel nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht führten mitunter zu schwierigen Situationen.

Der Mediziner, der zudem einen Lehrstuhl für Transplantationsmedizin innehat, nennt ein Beispiel: Es könne passieren, dass eine 34-Jährige, die nicht der Situation angemessen im Verteilschlüssel berücksichtigt werden könne, kein Organ bekomme, während ein 75-Jähriger, der aufgrund seiner Erkrankung besser abbildbar sei, ein Organ erhalte.

Junge Menschen bejahen die Widerspruchslösung

Die von Gesundheitsminister Spahn bereits vor Monaten ausgelösten Diskussionen haben bereits Bewegung ins Meinungsbild der Bevölkerung gebracht. Besonders junge Menschen zeigten sich aufgeschlossen. Schmidt berichtet von einer Umfrage unter Medizinstudenten an der Uni Münster, in der sich ein Großteil für die Widerspruchslösung ausgesprochen habe.

Ein Schritt auf dem richtigen Weg seien bereits die vom Bundeskabinett beschlossenen Regelungen im Vorfeld des geplanten Gesetzes. Schmidt: „Sie bieten verbesserte Prozesse für Patienten, die im Krankenhaus sterben und klarere Entscheidungen in Abstimmung mit den Angehörigen.“

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