Junge Sterbebegleiterinnen
Brennender Stern im Herzen

Münster -

Sie sind jung und haben ihr Leben noch vor sich – dennoch beschäftigen sich Aruna Lehr (20) und Maike Dirksmeyer (25) auch mit dem Tod. Für den Ambulanten Hospizdienst begleiten die beiden andere Menschen beim Sterben.

Freitag, 19.04.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 22.04.2019, 15:22 Uhr
Aruna Lehr und Maike Dirksmeyer (v.l.) arbeiten ehrenamtlich für den Ambulanten Hospizdienst des Johannes-Hospiz in Münster.
Aruna Lehr und Maike Dirksmeyer (v.l.) arbeiten ehrenamtlich für den Ambulanten Hospizdienst des Johannes-Hospiz in Münster. Foto: Björn Meyer

Maike Dirksmeyer (25) und Aruna Lehr (20) sind zwei junge Frauen, die sich einem für ihr Alter ganz ungewöhnlichen Ehrenamt verschrieben haben. Die beiden begleiten Menschen für den Ambulanten Hospizdienst des Johannes-Hospiz Münster beim Sterben. Wie sie dazu kamen, wie aufgeregt sie vor dem ersten Kennenlernen sind und was sie durch Sterbebegleitung zurückbekommen, darüber sprach unser Redakteur Björn Meyer mit den beiden.

Sterbebegleitung – was sagen Ihre Freunde dazu?

Dirksmeyer: Die meisten, die davon wissen, kommen wie ich aus der Pflege. Die finden das gut.

Die davon wissen? Heißt das, Sie erzählen manchen Freunden nicht davon?

Dirksmeyer: Es ist nicht so, dass ich das bewusst nicht erzähle – das Thema kommt eher einfach nicht auf.

Dabei ist Sterbebegleitung eine eher ungewöhnliche Tätigkeit. Wie sind Sie beide dazu gekommen?

Lehr: Als ich 16 war, ist die Tante meines Onkels ins Hospiz gekommen. Ich kannte die Frau nicht, aber ich wollte sie unbedingt sehen und habe ihre Hand gehalten. Danach wollte ich im Hospiz arbeiten. Mit 17 habe ich den Kurs zur Sterbebegleiterin gemacht. Es war wie ein Stern im Herzen, der gebrannt hat. Ich denke einfach, es ist etwas sehr Schönes, dem Sterbenden noch einmal angenehme Augenblicke zu geben.

Dirksmeyer: Ich arbeite auf einer Onkologie. Häufig bleibt wenig Zeit, die Patienten wirklich zu begleiten. Wenn man dann aber doch mal Zeit hat, merkt man immer, wie glücklich die Patienten sind. Immer mehr sind alleine, weil keine Angehörigen da sind oder aber Berührungsängste bestehen. Diesen Menschen, die alleine sind, kann man ganz einfach eine Freude machen, häufig reicht dafür schon ein Gespräch.

Wie viele Menschen haben Sie beim Sterben bereits begleitet?

Lehr: Ich bin derzeit in meiner fünften Begleitung.

Dirksmeyer: Ich bin in der vierten Begleitung. Und die waren immer unterschiedlich. Ein oder zwei Monate, einmal auch nur eine Woche. Jetzt bin ich schon fast ein halbes Jahr in der aktuellen Begleitung.

Es sterben nicht nur alte, sondern auch junge Menschen. Hatten Sie diesen Fall schon?

Lehr: Bei meiner ersten Begleitung, das war noch in meiner Heimat, war er 24. Er hatte Krebs, und ich habe ihn fünf Monate begleitet. Mit seiner Familie habe ich noch eine krasse Verbindung. Ich fahre nie in die Heimat, ohne sie nicht zu besuchen. Seine Mutter nennt mich noch heute „Schatz“.

Vor einer Begleitung für den Ambulanten Hospizdienst gibt es ein Erstgespräch, bei dem auch die Koordinatoren des Hospizdienstes dabei sind. Kann man da auch sagen: „Das will ich nicht machen?“

Dirksmeyer: Kann man, aber die Koordinatoren haben ein ganz gutes Bauchgefühl, ob das passt.

Sind Sie denn aufgeregt vor dem ersten Treffen?

Dirksmeyer: Ja, also ich schon.

Lehr: Vor allem hofft man, dass derjenige einen auch haben will.

Dirksmeyer: Gerade weil wir noch so jung sind, frage ich mich manchmal, was ich in dem Fall denken würde. Aber bis jetzt ist es immer total gut gelaufen.

Manche Begleitungen gehen über viele Monate. Wie ist das Verhältnis zu den Sterbenden? Entstehen da Freundschaften? Man weiß ja, dass der Gegenüber bald sterben wird . . .

Dirksmeyer: Es Freundschaft zu nennen, wäre vielleicht übertrieben. Aber es ist schon so, dass man zum Beispiel eine Postkarte aus dem Urlaub schickt, einfach weil man weiß, dass sich der andere darüber freut. Man vergisst die Menschen nicht.

Lehr: Bei dem jungen Mann, den ich begleitet habe, würde ich sagen, dass ich seine Freundin, er aber nicht mein Freund war. Er hatte überhaupt keine Freunde mehr. Schon vor Jahren hatten sich alle wegen seiner Krankheit von ihm abgewandt. Er war glücklich, dass sich jemand für ihn interessiert. Er hat mich daher als Freundin angesehen. Aber ich empfinde es so, dass man eine gewisse Distanz bewahren muss, denn einen Freund zu begleiten, das funktioniert nicht – glaube ich jedenfalls. Für die Frau, die ich derzeit begleite, bin ich wiederum so etwas wie eine Enkelin. Das ist eine schöne Bindung. Aber Freundschaft ist das auch nicht.

Man geht eine große Verantwortung ein . . .

Dirksmeyer: Stimmt – und man muss genau schauen. Gerade, wenn man merkt, dass es dem Ende zugeht, bin ich auch schon mal ein paar Tage hintereinander hingefahren. Aber auch darauf haben unsere Koordinatoren ein Auge: dass man sich nicht zu sehr verpflichtet fühlt.

Sind Sie gläubig?

(Beide schütteln mit dem Kopf.)

Spielt der Glaube trotzdem häufiger eine Rolle?

Lehr: Wenn man sich für einen Menschen interessiert und nachfragt, dann ist es egal, ob man den Glauben teilt. Zuhören kann man trotzdem. Überhaupt ist es mir wichtig zu sagen, wie viel Spaß das machen kann. Klar ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn der entsprechende Anruf kommt, aber die Leute sind so extrem dankbar. Man erfährt so viel Liebe und Dankbarkeit. Man lernt so viel fürs Leben. Würde ich das nicht tun, ich wäre nicht da, wo ich bin.

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