Interview mit Autor Tim Moritz Hector
„Grundsätzlich kann man Wikipedia vertrauen“

Münster -

Für Tim Moritz Hector ist klar: Dem Online-Lexikon Wikipedia kann man grundsätzlich vertrauen. Im Interview erklärt der Wikipedia-Autor, wieso – und wie die Qualität der Plattform gesichert wird.

Dienstag, 25.06.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 25.06.2019, 18:44 Uhr
Hat in Münster studiert und sich seit Jahren beim Online-Lexikon Wikipedia engagiert: Tim Moritz Hector.
Hat in Münster studiert und sich seit Jahren beim Online-Lexikon Wikipedia engagiert: Tim Moritz Hector. Foto: Carsten Vogel

Tim Moritz Hector hat an der WWU in Münster Germanistik studiert und sich seit seiner Schulzeit bei Wikipedia engagiert. Im Interview spricht er über seinen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weg sowie aktuelle Probleme als Autor einer digitalen Enzyklopädie.

Sie waren jahrelang für Wikipedia tätig. Wie sind Sie überhaupt Autor geworden?

Tim Moritz Hector: Als ich in der 8. Klasse eine Facharbeit über Friedrich Dürrenmatt schreiben sollte, habe ich im Wikipedia-Artikel zur Person einen Zahlendreher entdeckt. Diesen wollte ich ausbessern und habe mich eingearbeitet. Manchmal habe ich so eine Art, dass ich alles, was ich anfange, auch zu Ende bringen will. So wurde ich bereits als Jugendlicher Wikipedia-Autor. Ich hatte nicht das Bestreben, eine längerfristige Sache daraus zu machen. Aber mit so wenig Aufwand für ein breites Publikum zu schreiben, war dann doch ein großes Erfolgserlebnis.

Wie kann Wikipedia die Qualitätssicherung der Artikel gewährleisten?

Hector: Die Schwarmintelligenz der Autorenschaft funktioniert vor allem bei offensichtlichem Missbrauch gut. Wenn jemand in den Artikel über Adolf Hitler „Sieg Heil“ hineinschreibt, dann wird das innerhalb weniger Minuten bemerkt und wieder entfernt. Gerade bei politischen Themen haben wir aber auch beobachtet, dass viele Benutzer strategisch kleine Änderungen vornehmen. Das ist für uns schwieriger nachzuvollziehen. Was uns in letzter Zeit noch mehr zusetzt, ist das Unwesen der PR-Agenturen. Deren Werbung wird dann aber schnell wieder gelöscht. Zwar ist Wikipedia „nur“ eine Tertiärquelle ohne Anspruch auf wissenschaftliche Glaubwürdigkeit. Grundsätzlich kann man Wikipedia aber vertrauen, und zwar gerade den oft gelesenen Artikeln zu Mainstream-Themen. Weniger aufgerufene Artikel sind anfälliger für Manipulation, weil ihr Inhalt nicht so gut überprüft werden kann. Leider werden die Manipulationsversuche in der Zukunft voraussichtlich weiter zunehmen, weil es immer weniger Autoren gibt.

Warum nimmt die Anzahl der Autoren ihrer Ansicht nach ab?

Hector: Das Smartphone ist heutzutage das bestimmende Kommunikationsmedium. Im Gegensatz zum Computer ist es allerdings auf den Konsum und nicht auf die Eingabe von Informationen ausgerichtet. Hinzu kommt: Änderungen, die jemand vornimmt, werden nicht mehr wie früher unmittelbar wirksam oder sichtbar. Es dauert eine Weile, bis sie durch einen erfahrenen Nutzer freigeschaltet werden, und das kann demotivierend auf Autoren wirken.

Welche Leute schreiben eigentlich für Wikipedia?

Hector: Meist haben die Autoren ein spezifisches Interesse. Stark vertreten sind Leute wie ich, die Artikel über ihre eigenen Dörfer und Städte schreiben. Manche verfassen auch mit großem Enthusiasmus Artikel über Bahnstrecken oder Autobahnkreuze. Viele Studierende machen aus dem Thema ihrer Abschlussarbeit einen Artikel. Dabei sind Studierende von Geisteswissenschaften gegenüber Studierende einer Naturwissenschaft deutlich überrepräsentiert. Probleme gibt es immer wieder in der Populärkultur: Viele schreiben eher einen subjektiv gefärbten Fan-Blog als einen objektiven Artikel.

Wie stehen Sie zu den Debatten um Datenschutz und Urheberrecht, die gerade auf europäischer Ebene geführt werden?

Hector: Ich persönlich betrachte die Urheberrechtsreform als großen Rückschritt. Auch wenn die Rechte der einzelnen Urheber gestärkt werden sollten, bleibt die Frage: Warum soll in einem partizipativen Netz die Plattform für das Verhalten der Nutzer verantwortlich sein? Diese Skepsis hat Wikipedia ja auch deutlich gemacht , als sie vor der Abstimmung über die Reform für 24 Stunden vom Netz gegangen ist. Inwieweit Artikel 17, ehemals 13, der EU-Urheberrechtsrichtlinie Wikipedia tatsächlich bedrohen wird, muss sich nun in der Umsetzung des Gesetzes zeigen.

Wie haben Sie ihr vielfältiges Engagement mit dem Studium in Einklang gebracht?

Hector: Vieles hat an meinem heimischen Arbeitsplatz stattgefunden. Ich habe in einer WG in Münster gewohnt. Wenn das Schlafzimmer gleichzeitig auch das Arbeitszimmer ist, kann man auch durcheinander kommen. Manchmal fragt man sich: Bin ich noch im Bett oder schon in einer Telefonkonferenz? Im Homeoffice ist es nicht einfach, Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Man arbeitet überall und jederzeit. Zwischendurch ist man viel unterwegs und verreist. Da fühlt man sich schnell erschöpft und delokalisiert. Das habe ich nur aufheben können, indem ich zum Arbeiten in die Uni gegangen bin. Und wenn ich dann nach Hause gegangen bin, war auch Schluss. Bewusst Pausen einzulegen, musste ich auch erst lernen.

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