Urteil im Brandstifter-Prozess
Angeklagte ist wegen Psychose nicht schuldfähig

Münster -

Die Angeklagte sagte, Stimmen in ihrem Kopf hätten sie zu der Brandstiftung gebracht. Bei der Urteilsfindung am Landgericht Münster spielte auch die Lebensgeschichte der 60-Jährigen eine wichtige Rolle.

Donnerstag, 04.07.2019, 18:30 Uhr
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(Symbolfoto)  Foto: dpa

Im Fall der schweren Brandstiftung in der Beckhofstraße von Oktober 2018 hat die 9. Strafkammer des Landgerichts Münster das Urteil gefällt: Wegen Schuldunfähigkeit aufgrund einer Psychose ordnete sie die Unterbringung der Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus an, setzte diese Anordnung jedoch zur Bewährung aus. Die 60-Jährige hat laut Gericht im Oktober 2018 ein Feuer in einem dreieinhalbgeschossigen Wohnhaus an der Beckhof­straße gelegt.

Konkret bedeutet dies, dass die 60-Jährige zukünftig in einer Einrichtung des betreuten Wohnens unterkommt. Das Gericht schloss sich der Empfehlung des psy chiatrischen Sachverständigen sowie der Forderung von Staatsanwaltschaft und Verteidigung an.

Lebensgeschichte war maßgeblich

Maßgeblich für die Einstimmigkeit der Prozessbeteiligten war die Lebensgeschichte der Angeklagten, ihre seit Jahrzehnten bestehende paranoide, halluzinatorische Psychose, die demgegenüber nahezu strafrechtliche Unauffälligkeit sowie das krisenhafte Jahr 2018.

Unter schwierigen Bedingungen startete die heutige Münsteranerin 1958 ins Leben. Ihre Mutter war ebenfalls psychisch krank, der Vater unbekannt. Von ihrem ersten bis zum 18. Lebensjahr lebte die Angeklagte in Kinderheimen und wurde bald zur Einzelgängerin.

Mehrere stationäre Behandlungen

Trotz ihres Realschulabschlusses gelang ihr der Abschluss einer Berufsausbildung nicht, denn mit dem Erwachsenenalter kamen bald psychotische Symptome. Mehrere stationäre Aufenthalte in Psychiatrien folgten.

„Die Angeklagte weiß, dass das, was sie getan hat, verboten ist, doch sie konnte sich dem Druck der imperativen Stimmen, die sie hörte, nicht mehr widersetzen. Auch wenn man sich das als psychisch Gesunder nicht vorstellen kann“, erklärte der Sachverständige. Zudem habe 2018 eine situative Verschlechterung für seine Patientin stattgefunden.

Ich komme aus einem Heim, und jetzt gehe ich wieder in ein Heim.

Die Angeklagte

Der Umstand, dass psychisch Erkrankte mit fortschreitendem Alter von Alltagssituationen überfordert sind, zeigte sich bei der Angeklagten darin, dass sie ihre Medikamente nicht mehr einnahm, die Wohnungspfle ge vernachlässigte und die Miete nicht mehr zahlte. Die bevorstehende Wohnungs räumung habe sodann zu einem Stresszustand geführt.

„Ich komme aus einem Heim, und jetzt gehe ich wieder in ein Heim“, sagte die Angeklagte am Ende und weinte. Der Vorsitzende bemühte sich nach der Urteilsverkündung, der 60-Jährigen Sorgen zu nehmen: „Man will Ihnen helfen. Lassen Sie sich helfen.“

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