Ganzkörperverschleierung
Warum tragen einige Musliminnen eine Burka, andere nicht?

Lamya Kaddor wurde 1978 im westfälischen Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geboren. Heute ist sie Publizistin und Islamwissenchaftlerin an der Universität Duisburg-Essen. Sie erklärt, warum sich Musliminnen so unterschiedlich oder gar nicht verschleiern. Das Burka-Verbot in den Niederlanden hält sie für reinen politischen Aktionismus.

Montag, 12.08.2019, 16:29 Uhr aktualisiert: 13.08.2019, 13:17 Uhr
Lamya Kaddor - Publizistin, Lehrerin und Islamwissenschaftlerin
Foto: Fredrik von Erichsen

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor kennt selbst ein paar Musliminnen in Deutschland, die sich voll verschleiern. „Es ist meist eine Entwicklung - keine Muslimin beginnt mit der Vollverschleierung", sagt die 41-Jährige. In 99 Prozent der Fälle trage die Frau zuerst ein Kopftuch, dann verschleiere sie sich zunehmend. Kaddor könne nicht für alle sprechen, aber die, die sie kenne, täten dies freiwillig.

Wieso tragen die Burka statt eines einfachen Kopftuches ?

Dazu bedarf es einer sehr konservativen, traditionellen, fundamentalistischen Auslegung des Korans, so Kaddor. Es stehe nicht schwarz auf weiß im Koran, dass eine Vollverschleierung nötig ist. Das sei Auslegungssache. Die meisten Musliminnen mit Vollverschleierung in Deutschland sind Kaddor zufolge zudem konvertiert, also zum islamischen Glauben übergetreten. „Die konvertierten Musliminnen haben den Drang, sich zu beweisen. Man könnte es 'Glaubenseifer' nennen. Sie wollen zeigen, dass sie den Koran verstanden oder sogar besser verstanden haben, als andere“, so Kaddor.

Nicht jede Muslimin ist unterdrückt

Für ein Verbot der Burka sieht Kaddor hingegen keine Relevanz - weder in den Niederlanden, noch in Deutschland. „Wir sprechen hier von einer Minderheit der Musliminnen. Bundesweit schätzungsweise ein paar Hundert Frauen wären überhaupt von dem Verbot betroffen.“ Es sei politischer Aktionismus, der diese Frauen zudem nur gesellschaftlich weiter ausgrenze. Ihnen das Recht zu verweigern, öffentliche Plätze zu besuchen wie Krankenhäuser oder Züge, hält Kaddor letztlich auch für Diskriminierung. 

Es handelt sich bei den Vollverschleierten um eine Tradition, einen Brauch wenn man so will, der in jedem Land anders ist. „Das ist ähnlich wie mit dem rheinischen Karneval . Es ist ein Brauch, der sich bei uns etabliert hat. Wobei Karneval natürlich immer etwas freiwilliges und vorübergehendes ist. Das ist klar. Doch geht man beispielsweise nach Polen, werden es die meisten ablehnen oder anders feiern. Die eigentliche Burka ist traditionell in Afghanistan zu finden, weil es sich da über die Zeit dort etabliert bzw. aufgezwungen wurde", erklärt Kaddor. Tradition und Religion sind der Islamwissenschaftlerin zufolge an dieser Stelle klar zu trennen.

Futter für Rechts

Das Verbot in den Niederlanden befeuert erneut die öffentliche Debatte über ein mögliches Verbot in Deutschland. Viele Rechtsextremisten sehen sich durch das Verbot bei den niederländischen Nachbarn in ihrer Meinung bestätigt - Burka-Trägerinnen sollten sich anpassen. Kaddor mahnt, dass nicht die Vollverschleierten und damit in der Erweiterung der Islam an sich das Feindbild darstellten, "sondern der Islamismus und Terrorismus. Das wird häufig bewusst mit Islam verwechselt". Parolen von Seiten der AfD oder ähnlichen Gruppierungen fütterten lediglich die Angst und das Misstrauen in der Bevölkerung.

Welche Gründe Frauen für das Tragen eines Kopftuches nennen, lesen Sie hier.
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