#greenscooterchallenge
Abgasfrei durch Deutschland rollern

Münster -

In Münster haut ein E-Scooter niemanden mehr vom Hocker, in großen Teilen Deutschlands sieht das aber anders aus. Igor Smeljanski rollert deshalb in 30 Tagen von Weil am Rhein nach Kiel – eine nicht ganz uneigennützige Werbetour für die neue Technik.

Donnerstag, 22.08.2019, 07:00 Uhr
Das ist Igor Smeljanski mit seinem E-Scooter; das Muskel-Hemd ist ein Gag seiner Online-Fans – in Wirklichkeit ist die Deutschlandreise auf dem Roller keine allzu große sportliche Herausforderung.
Das ist Igor Smeljanski mit seinem E-Scooter; das Muskel-Hemd ist ein Gag seiner Online-Fans – in Wirklichkeit ist die Deutschlandreise auf dem Roller keine allzu große sportliche Herausforderung. Foto: Oliver Werner

So ein E-Scooter kann viel, aber Grenzen hat er doch. Steigungen zum Beispiel. Acht bis zehn Prozent sind kein Problem, sagt Igor Smeljanski , aber der Akku macht dann schneller schlapp, und die ständigen Pausen an der Ladestation gelten ohnehin als lästigstes Detail dieser Deutschlandreise. E-Scooter-Piloten halten den Ball also gerne flach.

Quer durch Deutschland ohne Steigung? Doch, das geht, sagt der 23-Jährige. Start der „#greenscooterchallenge“ war am 1. August in Weil am Rhein. In Tagesportionen von 60 bis 70 Kilometern führt die 1300-Kilometer-Sause am Fluss entlang bis Düsseldorf, dann einmal quer durchs Ruhrgebiet und in die Zweirad-Hauptstadt Münster. Das Ziel ist Kiel, Ankunft Ende des Monats.

Verleihsystem nicht nachhaltig

Was soll das Ganze? Die jungen Leute – Igor Smeljanski wird von Kimberly Schäfer und Johannes Wahl im Elektroauto begleitet – geben sich als Aktivisten klimafreundlicher Mobilität zu erkennen, sind zugleich aber Werbetrommler eines Öko­strom­­anbieters aus dem Frankfurter Raum, mit dessen Segen sie reisen. E-Scooter, so lautet ihre Botschaft, sind cool, belastbar und emissionsfrei – wenn die Voraussetzungen stimmen.

E-Tretroller: Neue Mobilität oder Sicherheitsrisiko?

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  • E-TRETROLLER ALS ALTERNATIVE: Besonders staugeplagte Großstädter sollen mit «E-Scootern» eine neue Mobilitätsmöglichkeit bekommen. Per E-Roller könnte es zum Beispiel schneller von der U- und S-Bahn oder einer Bushaltestelle weiter nach Hause oder zur Arbeit gehen.

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  • UM DIESE FAHRZEUGE GEHT ES: Die Roller, die oft einige hundert Euro oder mehr kosten, dürfen bis zu 20 Kilometer pro Stunde (km/h) schnell sein. Sie dürfen höchstens 70 Zentimeter breit sein, 1,40 Meter hoch und zwei Meter lang. Maximalgewicht ohne Fahrer: 55 Kilogramm.

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  • WER E-TRETROLLER FAHREN DARF: E-Roller, die nur weniger als 12 km/h fahren können, sollen bereits für Jugendliche ab 12 Jahren erlaubt sein - schnellere Gefährte dann ab dem vollendeten 14. Lebensjahr. Eine Mofa-Prüfbescheinigung oder eine Helmpflicht sind nicht vorgesehen.

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  • WO SIE FAHREN DÜRFEN: Einfach überall herumbrausen dürfen die neuen E-Fahrzeuge, deren Akku nach Branchenangaben an Steckdosen geladen werden können, nicht. Bei weniger als 12 km/h dürfen die Gefährte innerorts nur auf Gehwegen und gemeinsamen Geh- und Radwegen fahren.

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  • WELCHE SICHERHEITS-ANFORDERUNGEN KOMMEN: Pflicht sind zwei unabhängig voneinander wirkende Bremsen und eine Beleuchtung, die auch abnehmbar sein darf. Ebenfalls vorgeschrieben werden seitliche Reflektoren und mindestens eine «helltönende Glocke».

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  • WIE SIE EINEN ZULASSUNGSFÄHIGEN ROLLER ERKENNEN: Nur Elektrokleinstfahrzeuge, die über eine Lenk- oder Haltestange verfügen, sowie E-Tretroller oder Segways ent­sprechen der Verordnung. Die gilt nur für Fahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 20 km/h. Elektrische Fahrzeuge ohne die Haltestange, etwa Hoverboards, Mono­wheels oder E-Skateboards dürfen nicht in den Straßen­verkehr. 

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  • WO GIBT ES DIE NEUEN ROLLER UND WAS KOSTEN SIE? Viele der bisher angebotenen oder verkauften Modelle für 200 bis 2400 Euro erfüllen nicht die Vorgaben und sind nicht im öffentlichen Verkehr zugelassen. Wer damit dort fährt, macht sich strafbar und hat keinen Versicherungsschutz. 

    Modelle wie etwa der Moover von Metz (circa 2000 Euro) und der X2City von Autohersteller BMW (circa 2400 Euro) waren mit Sondergenehmigung schon bisher zugelassen und sind im Fahrradfachhandel zu bekommen. Elektronikmärkte etwa bieten schon straßenzugelassene Modelle zu Preisen zwischen etwa 400 bis 600 Euro an.

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  • DARAUF SOLLTEN SIE VOR DER ERSTEN FAHRT ACHTEN: Bevor Sie sich ins Getümmel des Straßenverkehrs stürzen, raten Experten von ADAC und DVR, sich vorher mit dem neuen Gefährt vertraut zu machen und in ruhiger Umgebung zu üben. Die Kraft des Antriebes beim Anfahren als auch die der Bremsen werden leicht unterschätzt.

    Die Räder sind wesentlich kleiner als bei Fahrrädern. Je größer der Reifendurchmesser, desto sicherer lassen sich Unebenheiten überwinden. Ein Helm ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Doch die Experten raten dazu, nicht ohne einen Kopfschutz zu rollern. 

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  • SO FUNKTIONIERT DIE VERPFLICHTENDE KFZ-HAFTPFLICHTVERSICHERUNG: Die Roller benötigen jährlich ein neues Versicherungskennzeichen – einen Aufkleber. Er ist in den Geschäftsstellen der Versicherungen zu bekommen, lässt sich aber auch online bestellen. Kostenpunkt: circa 40 Euro.

    Benötigt werden die Daten der Fahrzeugpapiere. Den Versicherungsschein muss man beim Fahren nicht dabeihaben.

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  • SO SCHNELL DÜRFEN SIE FAHREN: Die Roller dürfen bauartbedingt nicht schneller als 20 km/h fahren können. Experten raten, das Tempo stets an die je­weilige Situation anzupassen und Rücksicht zu nehmen.

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  • DÜRFEN SIE DEN ROLLER IM ÖFFENTLICHEN NAHVERKEHR MITNEHMEN? Das kommt auf die Situation vor Ort an. Letztendlich ­müssten die Mitgliedsunternehmen und Verbünde entscheiden, ob und in welcher Form sie die Mitnahme gestatten.

    Der VDV hat seinen Mitgliedsunternehmen empfohlen, die Mitnahme von elektrischen Tretrollern in Bussen und Bahnen zuzulassen – unter der Bedingung, dass diese nicht zu schwer sind und im Fahrzeug zusammenklappt werden.

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  • DÜRFEN SIE DIE ROLLER IN ZÜGEN DER DEUTSCHEN BAHN MITNEHMEN? Ja, kostenfrei als Handgepäck. Aber das knüpft die Bahn an Voraussetzungen: Der E-Tretroller muss zusammengeklappt mitgenommen werden und über oder unter dem Sitz verstaut werden. Die Mitnahme von Ersatzakkus ist nicht möglich. Diese stuft die Bahn als Gefahrgut ein.

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  • SO KÖNNEN SIE IHREN ROLLER VOR DIEBSTAHL SCHÜTZEN? Je nach Modell bieten sich Schlösser wie bei Fahrrädern an – ausziehbare Stahlkabel mit Zahlenschloss, Bremsscheibenschlösser mit Stahldraht und Diebstahlsicherungen in O-Form, rät der DVR. Manche Roller lassen sich per App elektronisch sichern und per GPS orten.

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  • ZAHLT DIE HAUSRATSVERSICHERUNG EINEN DIEBSTAHL? Nein, E-Tretroller sind keine Fahrräder, sondern Fahrzeuge. Der GDV geht aber davon aus, dass einige Versicherungen entsprechende Kaskopolicen anbieten werden.

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  • EIN PAAR BIER UND DANN MIT DEM TRETROLLER HEIM - KEIN PROBLEM? Doch, die Promillegrenze liegt für Fahrer ab 21 Jahren bei 0,5 Promille. Wer mit 0,5 bis 1,09 Promille fährt und keine alkoholbedingte Auffälligkeit zeigt, bekommt einen Bußgeldbescheid. Das bedeutet regelmäßig 500 Euro sowie einen Monat Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg. Wer mit mindestens 1,1 Promille unterwegs ist, begeht eine Straftat. Das kann aber auch schon ab 0,3 Promille bei alkoholbedingten Ausfallerscheinungen der Fall sein. Die Null-Promille-Grenze gilt bei jüngeren Fahrern bis einschließlich 20 Jahre.

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  • WELCHE BUßGELDER GELTEN FÜR E-TRETROLLER? Wer ohne Betriebserlaubnis fährt, muss mit einem Bußgeld von 70 Euro rechnen, berichtet der DVR. Wer damit auf dem Gehweg rollert, riskiert zwischen 15 und 30 Euro. Fehlen erforderliche technische Teile wie das Licht, können 20 Euro Bußgeld folgen. Wer ohne den nötigen Aufkleber der Ver­sicherung unterwegs ist, muss mit 40 Euro rechnen.

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  • WAS SCHEUER NOCH PLANT: Die Bundesregierung bereitet auch Regelungen für E-Gefährte ohne Lenkstange vor - das sind Hoverboards oder Skateboards mit Elektromotor. Hier plant Minister Scheuer eine Ausnahmeverordnung. An den Details dazu wird derzeit noch gearbeitet.

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Das hierzulande übliche Verleihsystem sei nicht eben nachhaltig, meinen die drei; da würden Schiffsladungen preiswerter Scooter binnen Kurzem verschlissen. Stabile Roller aus hiesiger Produktion seien viel dauerhafter, und als Eigentümer gehe man damit auch pfleglicher um. Zugegeben: So ein Qualitätsgerät sei weder ein Schnäppchen noch ein Fliegengewicht, aber das Angebot werde sicher bald größer und günstiger.

Langstrecke ist nicht sein Job

Noch schwieriger ist es mit dem Ökostrom, der nicht überall und ohne weiteres zu haben sei. Dabei will selbst der Superroller nach einer Stunde und 20 Kilometern für 90 Minuten ans Netz, die Langstrecke ist ja eigentlich nicht sein Job.

Neue E-Scooter-Anbieter für Münster

Bislang gibt es mit „Tier“ nur einen E-Scooter-Verleih in Münster. Nun stehen allerdings zwei weitere Unternehmen auf dem Sprung nach Westfalen. Im Internet suchen sowohl das schwedische Unternehmen „Voi“ als auch das Berliner Start-Up „Circ“ Mitarbeiter für Münster. Wann genau Voi und Circ nach Münster kommen, steht allerdings noch nicht fest.

Das Ordnungsamt bestätigt, dass es in letzter Zeit mehrere Anfragen von Elektroroller-Anbietern gegeben habe, diese seien allerdings „eher vage“ gewesen. Firmen, die neu nach Münster kommen, brauchen keine Genehmigung, sondern können laut Stadt einfach ihre Roller in der Stadt verteilen. Ziel sei es, mit jedem Anbieter eine „Good-Will-Vereinbarung“ abzuschließen, die eine gute Zusammenarbeit sicherstellen soll. Martin Kalitschke

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In Münster, wo E-Scooter in Rekordzeit das Stadtbild eroberten, sei das kein Problem; da müsse man auch niemandem Technik und Spielregeln erklären. Aber auf dem Land, wo das Staunen noch groß ist, gebe es nicht viele Ladestationen, und wenn, dann eher mit konventionell erzeugtem Strom. Für den Fall der Fälle haben Kimberly und Johannes ein Ladegerät im Auto.

Die Freude am Fahren ist Igor Smeljanski dennoch nicht vergangen: Drei bis vier Mal täglich für eine Stunde auf dem Roller stehen sei weniger anstrengend als die selbe Strecke auf dem Fahrrad zurückzulegen, sagt er. So bleibe genug Atemluft, bei Zwischenstopps Fragen zu beantworten oder Probefahrten anzubieten.

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