Jubiläen
Vier Kleingartenvereine werden 100 Jahre alt

Münster -

Kleingartenanlagen liegen seit Jahren voll im Trend. Dabei gibt es die Anlagen häufig schon lange – sehr lange sogar zum Teil. In diesem Jahr feiern in Münster gleich mehrere Vereine ihr hundertjähriges Bestehen. Wir haben uns beim Kleingärtnerverein Wienburg, beim Verein BLW Flora Münster sowie bei den Vereinen Morgensonne Post und Lebensfreude Post, einst als eine Genossenschaft gegründet, umgeschaut.

Freitag, 23.08.2019, 10:00 Uhr
Jubiläen: Vier Kleingartenvereine werden 100 Jahre alt
Ein Kleingarten des Lebensfreude Post SV. Foto: Björn Meyer

Lebensfreude Post SV: Bewegte Geschichte mit Ortswechseln

So richtig lückenlos lässt sich die Geschichte des Kleingärtnervereins Lebensfreude Post nicht mehr herleiten. „Die Deutsche Post hat zwar ein Archiv, eine Anfrage hat uns allerdings nicht weitergebracht“, sagt der Vorsitzende des Vereins, Thomas Hilgemeier . Dabei wären Unterlagen zur Vereinsgründung gerade jetzt, 100 Jahre nach der Gründung, so wertvoll. Nur eins scheint klar: „Ich vermute ganz stark, dass lediglich das Thema Ernährung für die Gründung verantwortlich war“, nimmt Hilgemeier Bezug auf den historischen Kontext. Der Erste Weltkrieg war seinerzeit nicht mal ein Jahr vorbei. Die Bevölkerung hungerte.

Ein bisschen was findet sich dann doch in einer alten Vereinschronik zum 60-jährigen Bestehen. Doch bereits dort wird darauf hingewiesen, dass alte Dokumente nicht mehr existent seien. 1919 hätten Postbeamte eine Interessengemeinschaft gegründet, mit „dem Ziele, einen Postgartenbauverein als eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung zu gründen“.

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Der Vereinsvorsitzende Thomas Hilgemeier schaut aus dem Gewächshaus heraus, das sich in seinem Garten befindet. Im Hintergrund leuchten einige reife Tomaten. Foto: Björn Meyer

1920 sei es gelungen dem Grafen Droste zu Vischering ein 21 000 Quadratmeter großes Grundstück abzukaufen, das in der Folgezeit mehrfach erweitert wurde. Im Zweiten Weltkrieg zählte man 21 Bombeneinschläge auf dem Gelände, ab 1954 hatte der Verein mit der Umgehungsstraße zu kämpfen. „Die idyllische Ruhe wurde jäh unterbrochen“, heißt es dazu in der Festschrift. 1978 wurde das Vereinshaus errichtet.

Heute, 100 Jahre nach der Gründung, ist vor allem die große portugiesische Gemeinde im Verein dafür bekannt, die zwischen 320 und 500 Quadratmeter großen Gärten auch für landwirtschaftliche Zwecke zu nutzen. Dort habe ein Vereinsmitglied noch vor kurzem Kartoffeln geerntet, als nächstes komme der Kohl, sagt Hilgemeier bei einem Rundgang durch die Anlage. Besonders freut den Vorsitzenden die Diversität des Vereins. Alteingesessene Kleingärtner treffen auf junge Familien.

Obwohl der Verein 100 Jahre alt ist, befindet sich die Anlage erst seit 1993 am jetzigen Standort. Wegen dem Bau der Umgehungsstraße habe man vom Lütkenbecker Weg zum Lindberghweg umziehen müssen, erzählt, Hilgemeier.

Um die Zukunft muss sich der Verein aber offenbar keine Sorgen machen. Freie Parzellen können sofort besetzt werden – „ich habe immer eine Warteliste“, verrät Hilgemeier mit einem Schmunzeln. Er persönlich bezeichnet die Entscheidung, sich einen Kleingarten zuzulegen, als eine der besten seines Lebens und betont mit Blick auf seinen Garten: „Das hier alles, das verändert einen.“ Björn Meyer


Wienburg: Frauenpower im Garten

Der Erste Weltkrieg mit dem Steckrübenwinter 1917, die unruhigen Jahre, die in der Inflation gipfelten, all das nahm Einfluss auf die Einstellung der Menschen zum Kleingarten. Gärten gegen die Hungersnot – Kleingartenvereine schießen wie Pilze aus dem Boden. Auch die Anlage Wienburg an der Wienburgstraße in Münster wurde im Jahr 1919 gegründet und feiert jetzt ihr 100-jähriges Bestehen.

Richarda Femmer ist die Vorsitzende des Vereins mit seinen 51 Gärten. Für die 62-Jährige ist die Oase zwischen Wienburgstraße und Wienburgpark eine grüne Lunge. Sie lobt die Nachhaltigkeit, auf die beim Gärtnern in der Anlage großen Wert gelegt werde. „Es wird bei uns kein Gift versprüht.“

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Acht Jahre war Annette Krauß (l.) als Vorsitzende für den Kleingärtnerverein Wienburg tätig, jetzt ist Richarda Femmer (r.) am Ruder. Foto: Gabriele Hillmoth

Auch Femmer beackert seit 15 Jahren eine eigene Scholle. Damals hatte sie noch die Wahl zwischen drei Gärten, heute stehen die Bewerber Schlange. 20 bis 30 Adressen finden sich auf der Warteliste für einen der Gärten, die durch Blumenvielfalt und Gemüseanbau bestechen. Die einstige Pflegedienstleiterin ist selbst mit einem großen Garten auf dem Land aufgewachsen. Wenn ihr aber jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, dass sie einen Kleingarten übernehmen soll, dann hätte sie gesagt: „Nie im Leben.“

Heute ist Richarda Femmer begeisterte Gärtnerin, schwärmt vom Böhnchenpflücken mit den Enkeln und sagt: „Ein Garten ist etwas Feines.“ Irgendwie habe er heilende Kräfte.

Die Vorsitzende lobt die Gemeinschaft. Damit diese funktioniert, muss jeder Pächter mit anfassen. Reihum steht ein Thekendienst im Vereinshaus an. Gemeinschaftsarbeit winkt zweimal im Jahr. Femmer freut sich, dass Kleingärtner inzwischen ihr piefiges Image abgelegt haben. Regeln gebe es, doch so eng wie früher werde es heute nicht mehr gesehen.

Die Wienburg-Gärtner ackern auf einem landwirtschaftlichen Grundstück, das einst dem Magdalenenhos­pital gehört hat. 30 Einzelparzellen wurden abgesteckt. 1939 wurde der Gartenverein Wienburg zur Daueranlage erklärt. 1949 erhielt er den Ehrenpreis der Stadt Münster. 1961 wurde die Anlage um ein Areal erweitert, das bis dahin die Clemensschwestern bewirtschaftet hatten. 1983 errichtete der Verein sein Vereinshaus, das in jüngster Zeit gründlich saniert wurde. Das Haus ist Dreh- und Angelpunkt des Jubiläums, das am 6. und 7. September in der Anlage gefeiert wird.

Der offizielle Teil ist am Freitag für geladene Gäste. Am Samstag sind zwischen 14 und 17 Uhr neben den Mitgliedern auch die Nachbarn und interessierte Gäste eingeladen. Viele Gärten öffnen ihre Türen und laden zu zahlreichen Aktionen ein. Es wird gemalt, gebastelt und es werden Märchen vorgelesen. Cocktails gibt es aus einer Heckenbar. Gabriele Hillmoth


Morgensonne Post: Hier blüht das Leben

Im Alter von sieben Jahren spielte Theodor Kuhlenkamp regelmäßig auf dem Spielplatz der Kleingartenanlage Morgensonne Post. Ab 1957 hatte sein Vater dort einen Kleingarten gepachtet. „Im Garten aber konnte ich nicht spielen, der war ja voller Gemüse“, erinnert sich Kuhlenkamp mit einem Lächeln. Heute, 62 Jahre später, hat der Münsteraner die rund 450 Quadratmeter große Parzelle selber gepachtet, irgendwann in den 90er-Jahren hatte er sie sich von seinem Vater umschreiben lassen. Außerdem ist Kuhlenkamp seit über 20 Jahren Vorsitzender des Vereins. Kleingärtnern, so sagt Kuhlenkamp, „will ich so lange machen, wie es mir möglich ist“.

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Theodor Kuhlenkamp in der Anlage von Morgensonne Post, die, wie unschwer am Hintergrund zu erkennen, zwischen Wolbecker Straße und Manfred-von-Richthofen-Straße liegt. Foto: Björn Meyer

Die Vereinsgeschichte von Morgensonne Post ist eng verwoben mit der Geschichte von Lebensfreude Post. Heute zwei eigenständige Vereine, wurden sie ursprünglich als gemeinsame Genossenschaft gegründet. Kuhlenkamp zeigt alte Unterlagen von damals, auch ein paar Niederschriften von Sitzungen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg sind noch dabei. Der Krieg brachte letztlich nicht nur die Auflösung der Genossenschaft, sondern setzte auch der Anlage an der Manfred-von-Richthofen-Straße mächtig zu. 37 Bombeneinschläge zählte man auf dem Gelände. Freilich nicht ohne Grund: In einem Vereinsdokument von 1939 wird bereits auf die Bedeutung der Kleingartenanlagen während der Kriegszeit – unausgesprochen als Nahrungsquelle – hingewiesen.

Mehrere Generationen später erfreut sich die Anlage heute wieder großer Beliebtheit. „Vor zehn Jahren habe ich noch auf die vielen leerstehenden Gärten hingewiesen“, erzählt Kuhlenkamp. Heute gibt es eine Warteliste für Interessenten. Vor allem junge Familien würden die Nähe zur Natur suchen. Dass die ihre Gärten anders gestalten werden, als früher üblich – für Kuhlenkamp kein Problem. „Im Gegenteil, das muss doch auch so sein. Früher war alles sehr steril.

Heute geht der Trend zu naturnahen Gärten. Nur, bearbeitet muss es schon aussehen“, sagt der Vorsitzende. Doch nicht nur die Gärten, auch das Vereinsleben habe sich durch die vielen neuen Mitglieder geändert. „Früher hatten wir einen Vergnügungsausschuss, da wollte niemand rein. Heute haben wir ein engagiertes Orga-Team, das richtig viel auf die Beine stellt“, fasst Kuhlenkamp, merklich froh über diese Entwicklung, zusammen. Schon am Samstag (24. August, ab 15 Uhr) findet ein Sommerfest statt. Im September folgt ein Weinfest. Björn Meyer


Bahn-Landwirtschaft Flora: Gärtnern im kleinen Dorf

„Ich fühle mich wie in einem kleinen Dorf“, beschreibt Andreas Hanel seine kleingärtnerische Arbeit. Fünf Jahre gärtnert der Münsteraner jetzt in der Anlage BLW Flora (Bahn-Landwirtschaft) am Lütkenbecker Weg.

125 Parzellen befinden sich in der Anlage, die am Samstag (24. August) zwischen 11 und 24 Uhr ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Geplant ist ein Sommerfest für alle Generationen – mit Livemusik, Tombola, Hüpfburg und Party am Abend.

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Ingo Kerstein ist Vorsitzender der Kleingartenanlage BLW Flora am Lütkenbecker Weg. Foto: Flora

Die Anlage wurde gegründet, nachdem der Pächter gefragt wurde, ob er das Gelände anstatt als Kuhwiese nicht als Kleingartenanlage verpachten wolle. Der Hintergrund war, erzählt Hanel, für Beamte der Bahn, insbesondere in den Nachkriegsjahren, eine Möglichkeit der Selbstverpflegung bereitzustellen. Auch der Sportverein TUS Saxonia sei früher Teil des Vereins gewesen.

Die Anlage BLW Flora gehört heute zum Bezirk Essen. Dieser vergrößerte sich 1974 durch die Übernahme von rund 400 Hektar unter anderem in Münster. Die Zahl der Mitglieder wuchs auf annähernd 13 000. Der Schwerpunkt bei den Verpachtungen liegt heute auf den kleingärtnerisch nutzbaren Flächen, obwohl auf den ehemaligen Brandschutzstreifen – ein Relikt aus Zeiten, als die Eisenbahn noch mit Dampf fuhr – ebenfalls auch Acker- und Wiesenflächen verpachtet werden. Gabriele Hillmoth

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