Die Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft
Unterschätztes Leiden

Münster -

Autismus, ADHS, Dys­praxie? Das könnten häufig Ersatzdiagnosen sein für das Fetale Alkoholsyndrom (FASD). Das tritt bei Kindern durch Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft auf, werde aber häufig nicht diagnostiziert – aus verschiedenen Gründen.

Sonntag, 25.08.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 25.08.2019, 17:51 Uhr
Britta Andreas, Julia Kilp und Ralf Neier (v.l.) widmen sich FASD, einer Behinderung, die häufig gar nicht erkannt oder fehldiagnostiziert werde, so das Trio.
Britta Andreas, Julia Kilp und Ralf Neier (v.l.) widmen sich FASD, einer Behinderung, die häufig gar nicht erkannt oder fehldiagnostiziert werde, so das Trio. Foto: pd

Mit ihrem „Institut für FASD – Werkstatt für angewandte Strategien“ wollen Britta Andreas , Julia Kilp und Ralf Neier auf das Fetale Alkoholsyndrom (FASD) und seine Folgen aufmerksam machen. Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann schwerwiegende hirnorganische Folgen auf das ungeborene Leben haben. Die Betroffenen leiden ein Leben lang darunter. Unser Redakteur Björn Meyer sprach mit dem Trio über vermeintliche Expertenmeinungen, Therapie-Probleme und das Gläschen in Ehren, das man eben doch verwehren sollte.

Trinken Sie Alkohol?

Kilp: Wir werden das natürlich oft gefragt. Und ja, ich trinke Alkohol. Aktuell aber nicht, weil ich stille. Das ist auch ein Punkt, der mir persönlich ganz wichtig ist: Auch in der Stillzeit ist Alkohol überhaupt nicht angesagt. Sicherlich sind die Auswirkungen nicht so massiv wie beim Konsum in der Schwangerschaft. Trotzdem hat es Auswirkungen. Das alkoholfreie Bier ist nicht alkoholfrei, sondern alkoholarm. Auch darauf gilt es zu verzichten.

Warum trinken Frauen, die schwanger sind, überhaupt Alkohol?

Andreas: Dafür gibt es ganz viele Gründe. Die Frau weiß vielleicht gar nicht, dass sie schwanger ist. Sie weiß vielleicht nicht, dass Alkohol ihrem ungeborenen Kind schadet. Und es gibt natürlich das Thema Sucht.

Neier: Es ist auch so, dass heute noch, im Jahr 2019, schwangere Frauen fehlberaten werden durch Gynäkologen oder Hebammen. Da wird dann schon mal gesagt, dass so ein Glas Wein am Abend oder morgens der Prosecco kein Drama sei. Andersherum wird vielfach davon ausgegangen, dass alle wissen, dass Alkohol und Schwangerschaft nicht zusammenpassen. 2016 gab es dazu eine Umfrage von Emnid, da wussten über 90 Prozent der Bevölkerung, dass Autofahren und Alkohol keine gute Idee ist, aber nur 47 Prozent der Bevölkerung wussten, dass Alkohol und Schwangerschaft nicht zusammenpassen.

Was ist denn Folge von Alkohol in der Schwangerschaft? Und ab wann wird es gefährlich?

Neier: Die Tragweite ist den meisten nicht bekannt. Das ungeborene Kind baut den Alkohol etwa zehn Mal langsamer ab als seine Mutter. Bei 1,1 Promille der Mutter braucht die Frau dafür elf Stunden, gleichzeitig bedeutet es, dass das Kind schon fünf von sieben Tagen in der Woche unter Alkoholeinfluss steht. Der Alkohol hat Auswirkungen auf das Zellwachstum. Er wirkt wie eine Stopptaste. Genau dieses Zellwachstum ist aber in der Schwangerschaft das A und O.

Kilp: Es gibt keine bekannte Menge, deswegen ist die Empfehlung tatsächlich 0,0 Prozent . . .

Andreas: . . . und das schon, wenn man schwanger werden möchte. FASD ist eine Hirnschädigung, das wissen viele Leute nicht. Häufig sieht man das den Betroffenen später nicht an, es können aber auch Gesicht- oder Wachstumsauffälligkeiten auftreten. Je nachdem, in welcher Schwangerschaftsphase der Alkohol konsumiert wurde.

Kilp: Es gibt dieses ganz hartnäckige Gerücht des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Das kultivieren Frauenärzte ganz häufig. Ich kann das verstehen, da sitzt eine Mutter vor einem und stellt fest, ich bin schon in Woche fünf und war letzte Woche auf der Party. Da sagen die Frauenärzte ganz gerne: „Solange Sie nicht wussten, dass Sie schwanger sind, macht das gar nichts“. Das macht inhaltlich natürlich gar keinen Sinn, denn der Uterus weiß ja, dass ich schwanger bin, auch wenn der Kopf das noch nicht weiß.

FASD-Betroffene leiden unter ganz unterschiedlichen Symptomen.

Kilp: Genau, wenn man einen FASDler kennt, kennt man einen FASDler – nicht alle. Was alle aber eint, ist, dass das Gehirn irreversibel geschädigt ist.

Andreas: Alle Betroffenen haben eine Störung des zentralen Nervensystems, welche wiederum Verhaltensauffälligkeiten und Lernbehinderungen hervorruft – bis hin zu geistiger Behinderung.

Neier: Das heißt nicht, dass alle Menschen mit FASD kognitiv schwach sind. Ein ganz zentraler Punkt in der Hirnschädigung ist aber, dass weniger Nervenverbindungen vorhanden sind. Das gesamte Hirnvolumen ist dadurch sieben bis 18 Prozent kleiner. Daher funktioniert unter anderem die Verarbeitung von Informationen zwischen den beiden Hirnhälften nicht sonderlich gut.

Wer ist betroffenen? Sind das überwiegend Kinder aus prekären Lebensverhältnissen?

Kilp: Das ist ein großes Vorurteil. Gerade höher gebildete Schichten sind betroffen, das sind Akademikerprobleme. Alkohol ist einfach eine sozial akzeptierte Droge.

Wie häufig ist FASD denn?

Neier: Es gibt keine belegbaren Zahlen dazu. Frau Mortler (Anm. der Redaktion: Drogenbeauftragte der Bundesregierung) hat 2016 von 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland gesprochen. Jetziger Stand ist aber, dass wir pro Kind mit Diagnose zwei ohne Diagnose haben. Das würde bedeuten, dass wir knapp fünf Millionen Menschen in Deutschland haben, die von FASD betroffen sein könnten. Dazu muss man wissen, dass wir viele Ersatzdiagnosen haben. Autismus, ADHS, Dys­praxie, Borderline – es gibt viele Diagnosen, die statt FASD gestellt werden, weil es die Kinderärzte vielleicht nicht besser wissen. Vielleicht aber auch, weil FASD immer eine Diagnose für zwei ist. Man sagt dem Kind, dass es eine lebenslange Beeinträchtigung hat, und gleichzeitig der Mutter: Das ist dein Bier – also im übertragenen Sinne.

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