„Dom-Gedanken“
„Reaktionärer Idiot“ - Wolf Biermann findet in Münster klare Worte

Münster -

Wolf Biermann zum Finale der Reihe "Dom-Gedanken" nach Münster einzuladen, war ein Volltreffer. Der Lyriker und Liedermacher ist inzwischen 82 Jahre alt und wortmächtig wie eh und je. Eine Stunde lang diskutierte er am Mittwochabend im Paulusdom mit dem Journalisten Michael Rutz. Stand Rede und Antwort, war so witzig wie geistreich und sang seine Lieder.

Donnerstag, 12.09.2019, 05:15 Uhr aktualisiert: 12.09.2019, 18:26 Uhr
Mit Liedern und im Gespräch mit Organisator Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?"
Mit Liedern und im Gespräch mit Organisator Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?" Foto: Gunnar A. Pier

Es sei ihm „ei­ne Herzensfreude“, dort als Wolf heulen zu dürfen, wo einst der Löwe von Münster brüllte. Ein Satz, ein freundliches Lächeln. Das Publikum im Paulus-Dom ist auf seiner Seite, als Wolf Biermann an Clemens August Kardinal von Galen erinnert. Diese Kirche, sagt der Atheist, sei „schon ein besonderer Ort“. Man spürt, er meint das ernst.

Ein Erzähler mit Botschaft

Den Schlussakkord bei der Reihe Dom-Gedanken setzte am Mittwochabend der Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann. 82 Jahre alt ist der inzwischen, man merkt es ihm nicht an. Eine Stunde lang diskutierte Biermann mit dem Journalisten Michael Rutz . Es ging um die Bedeutung der Freiheit und das bewegte, bewegende Leben des Künstlers, aus dem er erzählte, von dem er sang. Allein schon der Auftakt ist Dichter-like. Es sei ihm „ei­ne Herzensfreude“, dort als Wolf heulen zu dürfen, wo einst der Löwe von Münster brüllte. Ein Satz, ein freundliches Lächeln. Das Publikum ist auf seiner Seite. Diese Kirche, sagt der Atheist, sei „schon ein besonderer Ort“. Man spürt, er meint das ernst.

Der Dom ist bis auf den letzten Platz besetzt. Auch hinten im Kirchenschiff stehen die Menschen. Biermann zieht noch immer. Die Zeit, die ihn prägte, ist untergegangen wie die DDR, die ihn rauswarf. Die Themen, die er anspricht, sind jedoch nach wie vor aktuell. Hinzu kommt, dass er ein echter Typ ist.

Geboren 1936 in Hamburg, auf gewachsen in ei­nem jüdisch- kommunistischen Elternhaus, der Vater in Auschwitz ermordet, die Mutter „hatte den Ehrgeiz, aus mir einen echten Kommunisten zu machen“. Biermann „macht rüber“ in den Osten, mit 16 – „ich hatte rote Brause im Kopf“. Der Ärger mit dem System kommt prompt. Er erklärt sich „zum Feind der Bonzen“, die ihn schließlich erst stumm stellen und 1976 ausbürgern.

Wolf Biermann bei den Dom-Gedanken 2019

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  • Am 11. September 2019 war Wolf Biermann im St.-Paulus-Dom in Münster zu Gast.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit Liedern und im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Wolf Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?"

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  • Mit seinem Auftritt beendete Wolf Biermann die Vortragsreihe "Dom-Gedanken" des Bistums Münster.

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  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

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  • Mit Liedern und im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Wolf Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?"

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  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

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  • Wolf Biermann bei den Dom-Gedanken.

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  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit Liedern und im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Wolf Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?"

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit Liedern und im Gespräch mit Prof. Dr. Michael Rutz (rechts) beschäftigte Wolf Biermann sich mit der Frage "Warum ich Europäer bin?"

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  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Wolf Biermann am 11. September 2019 bei den Dom-Gedanken.

    Foto: Gunnar A. Pier

Klare Kante gegen Kommunisten und Rechte

Biermanns Biografie ist auch diesem Abend der rote Faden. Der 82-Jährige erzählt gerne, auch von sich. Weil er eine Botschaft hat. Noch immer ist er stimmmächtig, nach wie vor wortgewaltig und sehr sangesstark. Gegen den alten Haudegen mit der Gitarre, der den Dom so mühelos rockt, wirkt Michael Rutz äußerst blass.

Hier ein Lied von „Oma Meume“, da ein Bonmot von Künstlerkollegen wie Stefan Heym („Wir haben Angst, dass sich das Ausbürgern jetzt einbürgert“) oder Heinrich Böll („Wolf Biermann ist ein in die Heimat Vertriebener“). Wolf Biermann versteht es nach wie vor, das Bedeutungsschwere wortwitzig leicht zu verpacken und sich diebisch zu freuen. Dann lacht er wie ein kleines Kind, auch über sich selbst.

Dabei ist der 82-Jährige natürlich nicht uneitel. Seine Ausbürgerung sei ein „perverses Missverhältnis“ gewesen. Tausende hätten damals rausgewollt aus der DDR und konnten es nicht, während er nach einer Konzertreise im Westen wieder hineinwollte, aber nicht durfte. „Ich hatte dort doch die richtigen Feinde“, erzählt er. Weil er sich spezialisiert habe auf die „Diktatur der Parteibonzen. Was sollte ich da im Westen?“

Klare Kante gegen Hardcore-Linke, klare Kante ge­nauso gegen die extremen Rechten. AfD-Gauland, der die NS-Zeit als Fliegenschiss in der deutschen Geschichte bezeichnet hatte, nennt er einen „reaktionären Idioten“. Biermann geht einem Streit nach wie vor nicht aus dem Weg und traut sich auch, ruppig zu formulieren. Zugleich aber zeigt er Herzenswärme und Verständnis für die Ostdeutschen. „Menschen, die in einer Diktatur deformiert wurden, haben es schwer, Freiheit und Demokratie zu lernen.“

Eine Stunde lang geht das so. Leider nur eine Stunde. Die Zeit vergeht wie im Flug. Zum Finale singt Biermann sein „Lebensliedchen im 82. Jahr“. Darin heißt es, er sei ein „blutjunger Greis“ und ein „Weiser, der wenig weiß“. Das Erste stimmt. Das Zweite nicht.

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