Experiment der Uni Münster
Psychologen testen Hilfeverhalten in Deutschland

Münster -

Ein frankierter Brief liegt auf der Straße. Er ist adressiert an ein Projekt zur Flüchtlingsintegration. Wie viele Finder werfen den Brief wohl ab? Und wie viele wären es, wenn der Adressat eine Initiative für Zuwanderungsstopp wäre? Wissenschaftler unter anderem der Uni Münster wollten wissen, ob es bei den Ergebnissen regionale Unterschiede gibt.

Samstag, 19.10.2019, 17:00 Uhr
Wie steht es um das Hilfeverhalten in Ost- und Westdeutschland? Zwischen städtischen und ländlichen Regionen? Wissenschaftler dreier Hochschulen haben es auf ungewöhnliche Weise getestet.
Wie steht es um das Hilfeverhalten in Ost- und Westdeutschland? Zwischen städtischen und ländlichen Regionen? Wissenschaftler dreier Hochschulen haben es auf ungewöhnliche Weise getestet. Foto: Marc Müller

In der Diskussion über Zuwanderung in Deutschland ist es häufig insbesondere der Osten des Landes, den die Bevölkerung mit fremdenfeindlichen Übergriffen und Hetze gegen Flüchtlinge assoziiert. Auch wissenschaftlichen Daten und Umfragen zufolge sind Vorurteile gegen Migranten in Ostdeutschland oft stärker ausgeprägt als in Westdeutschland.

Spiegeln sich solche Unterschiede auch bei alltäglichen kleinen Hilfeleistungen wider? Dieser Frage sind Forscher der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU), der Universität Bielefeld und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW nachgegangen. In zwei Feldstudien verglichen sie laut einer Pressemitteilung der Uni das Hilfeverhalten in Alltagssituationen in Ost- und Westdeutschland.

Zwei unterschiedliche Adressaten

Dazu griffen die Psychologen um Dr. Jens H. Hellmann von der WWU zu einer selten angewandten Methode. Sie legten frankierte Briefe auf der Straße aus: Die Hälfte der verstreuten Briefe war an ein Projekt zur Flüchtlingsintegration adressiert, die andere Hälfte an ein Projekt für Zuwanderungsstopp. Die Wissenschaftler untersuchten, wie viele der Briefe verschickt wurden und berücksichtigten die jeweilige Region – städtisch und ländlich, Osten und Westen.

Das Ergebnis: Es ließen sich keine wesentlichen Unterschiede feststellen. Insgesamt lag der Anteil der eingeworfenen Briefe an das Flüchtlingsintegrations-Projekt jeweils bei rund 45 Prozent, an das Zuwanderungsstopp-Projekt bei rund 25 Prozent. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Social Psychology“ erschienen.

Ergebnisse bestätigen keine Klischees

Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu gängigen Vermutungen und Umfrageergebnissen, dass sich Ostdeutsche eher als Westdeutsche gegen eine Integration von Flüchtlingen aussprechen. „Auch wenn es im Osten Deutschlands mehr rechte Gewalttaten gibt als im Westen, dürfen wir solche Fälle nicht für ganz Ostdeutschland verallgemeinern“, betont Hellmann.

Die Forscher argumentieren, dass Umfrageergebnisse nur teilweise Vorhersagen des Verhaltens im Alltag zulassen. Es lasse sich demnach vermuten: Nicht alle Menschen, die ablehnende Haltungen gegenüber Geflüchteten mitteilen, lassen einen Brief an das Flüchtlingsintegrations-Projekt liegen. Und nicht alle Menschen, die positive Einstellungen gegenüber Geflüchteten berichten, helfen im Alltag.

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