"Wilsberg" und "Tatort"
Das Super-Krimi-Wochenende aus Münster

Bielefeld/Münster -

Krimifreunde können sich an diesem Wochenende auf gleich zwei TV-Krimis aus Münster freuen - fast. Denn während der Münster-Tatort "Lakritz" am Sonntag wie immer in der Westfalenmetropole spielt, ermittelt Privatdetektiv Georg Wilsberg am Samstag erstmals in Bielefeld.  

Dienstag, 29.10.2019, 11:35 Uhr aktualisiert: 29.10.2019, 15:46 Uhr
"Wilsberg" und "Tatort" : Das Super-Krimi-Wochenende aus Münster
In der neuen Wilsberg-Folge "Ins Gesicht geschrieben" (links) ermitteln Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) und Georg Wilsberg (Leonard Lansink) erstmals in Bielefeld. Im neuen Münster-Tatort "Lakritz" >(rechts) geht es um Professor Boernes (Jan Josef Liefers) Vergangenheit, die der Geruch von Lakritze wachruft. Foto: ZDF/ARD/WDR

Na endlich. Seit 25 Jahren wird Bielefeld in jeder Wilsberg-Folge erwähnt. Jetzt spielt der ZDF-Samstagskrimi (2. November) erstmals in Ostwestfalen. Der Münster-Tatort hingegen bleibt in der Westfalenmetropole und begibt sich dieses Mal (3. November) auf die Spuren von Boernes Jugend. 

Die 64. Wilsberg-Folge hat einen fast 25 Jahre dauernden Vorlauf. In jeder seit 1995 ausgestrahlten Episode über den kauzigen und ständig klammen Privatdetektiv Georg Wilsberg wurde Bielefeld erwähnt - nur die wenigsten Zuschauer werden das bemerkt haben. Der ZDF-Krimi spielt eigentlich in Münster. Die Einwohner der beiden Oberzentren im Münsterland und Ostwestfalen verbindet eine immerwährende Rivalität. Martin R. Neumann ist der zuständige Redakteur beim ZDF . Als gebürtiger Bielefelder konnte er sich den Einbau der ständigen Erwähnung nicht verkneifen.

Wilsberg: Ins Gesicht geschrieben

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  • Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) bittet Georg Wilsberg (Leonard Lansink) um Hilfe. Irgendwas scheint am Tod von Alex' Geliebten nicht zu stimmen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Auf ihren Patenonkel Georg Wilsberg (Leonard Lansink) kann Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) sogar im fernen Bielefeld zählen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) sucht Trost bei Georg Wilsberg (Leonard Lansink).

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Internet Guru Benjamin Heller (Jörg Pintsch) stellt seine neue App FACE 23 vor und lässt sich vom Publikum feiern.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Kommissar Drechshage (Stefan Haschke) setzt Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) im Verhör nach Benjamin Hellers Tod unter Druck. Hätte sie Hellers Tod verhindern können?

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Laut Gesetz darf die Heimatpolizeidirektion sich an den Ermittlungen beteiligen, argumentiert Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) um Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) beim Verhör mit Kommissar Drechshage (Stefan Haschke) zur Seite zu stehen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Noch in ihrer Trauer gefangen, durchsucht Alex Holtkamp (Ina Paule Klink) die persönlichen Dinge ihrer verstorbenen Jugendliebe Benjamin Heller nach Hinweisen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Durch ein Missverständnis bei dem Karten-App-Dienst wird Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) fälschlicherweise zum Grillparadies statt zur Präsentation der App FACE23 gelenkt.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Selbst über Offliner Georg Wilsberg (Leonard Lansink) findet die App FACE 23 einige wenige Treffer im Netz. Dadurch erscheint Wilsberg wie ein ganz krummer Hund.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Georg Wilsberg (Leonard Lansink) und Ekki Talkötter (Oliver Korittke) tricksen Mittelsmann Jellinek (Timo Hübsch) aus, um die Zugangsdaten zu dem geheimen Meeting von FACE23 zu bekommen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Georg Wilsberg (Leonard Lansink) findet ein geheimes Zimmer im Haus der Koratis. Viel Zeit, um seinen Fund genauer zu betrachten, hat er allerdings nicht: Katty Korati (Suzan Anbeh) hat Eindringling Wilsberg bereits bemerkt.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Bei seiner Ankunft in Bielefeld wird FACE23-Gründer Benjamin Heller (Jörg Pintsch) bereits von der Presse in Empfang genommen.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Eigentlich wollte Georg Wilsberg (Leonard Lansink) seinen Freund Manni Höch treffen, doch wie ihm Imbissbudenbesitzerin Elvira (Martina Eitner-Acheampong) mitteilt, hat er ihn knapp verpasst.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Elmar Barnack (Christian Näthe) ist verzweifelt: Die neue App FACE23 hat pikante Geheimnisse aus seiner Jugend freigelegt, die ihn jetzt nicht nur seinen Job, sondern auch seine Familie kosten könnten.

    Foto: ZDF/Thomas Kost
  • Bruno Korati (Arnd Klawitter, l.) zeigt Georg Wilsberg (Leonard Lansink, r.) eine seiner Erfindungen: Eine Ansteck-Blume, mit der man jemanden überwachen kann.

    Foto: ZDF/Thomas Kost

„Ins Gesicht geschrieben“

Und jetzt das. Die nächsten zwei Folgen spielen komplett in Bielefeld - rund 80 Kilometer entfernt von Wilsbergs Antiquariat. Los geht es am Samstag (ZDF, 20.15 Uhr) mit Folge 64 und dem Titel „Ins Gesicht geschrieben“. Dabei packen Dominic Müller (Regie) und Mario Sixtus (Drehbuch) ein brandaktuelles Eisen an. Es geht um Datenschutz und all das, was jeder freiwillig über sich im Internet preisgibt. Die App Face23 sammelt alles zusammen und spuckt Erschreckendes nach einem Gesichtsscan über die Person aus.

Sixtus, Grimme-Online-Preisträger 2007 für den Handelsblatt-Video-Blog „Elektrischer Reporter“, ist nicht nur Drehbuchschreiber, sondern auch Filmemacher und Journalist. Er weiß, dass der Stoff dieser Wilsberg-Folge keine Zukunftsvision ist, sondern längst Realität. Die Algorithmen von Facebook, Amazon, Google und Co. wissen bereits mehr über uns als uns lieb ist. Der in Bielefeld ansässige Verein Digitalcourage wird sich freuen. Er vergibt einmal im Jahr den Negativ-Preis „Big Brother Award“ und beklagt genau das, was diesen ZDF-Samstagskrimi im Kern ausmacht.

Und so fährt das Wilsberg-Team erstmals nach Bielefeld. Der eine (Oliver Korittke als Ekki Talkötter) will einen alten Kumpel beim Finanzamt treffen, der andere (Roland Jankowsky als Overbeck) sich in Sachen Digitale Ermittlungen bei der Polizei profilieren und Ina Paule Klink als Alexandra Holtkampf wirft sich als Bettgespielin in die Arme des schmierigen Firmenchefs und späteren Opfers. 

Drehbuch will zuviel auf einmal

Für Kommissarin Springer, gespielt von Rita Russek, war kein Platz mehr in den verworrenen Erzählsträngen. Sie darf Urlaub machen auf Borkum. Denn in Bielefeld ermittelt nun einmal die ortsansässige Polizei. Eine Auszeit wäre auch für Wilsbergs Patenkind Alex besser gewesen, denn das Drehbuch will zuviel auf einmal. Was nicht passt, wurde passend gemacht. Jörg Pintsch spielt den unsympatischen Benjamin Heller zwar hervorragend, aber dass Alex mit diesem Ekel ins Bett geht - schwer vorstellbar.

Schade, denn die Folge hat gute Ansätze. Dass Wilsberg (Leonard Lansink) sich als digitaler Nichtsnutz outet, deutet ein Programmierer der umstrittenen App als Problem. „Sie teilen nichts, sie posten nichts. Da kann der Algorithmus nur noch raten und das macht Sie verdächtig.“ Der Privatdetektiv ist verzweifelt: „Wenn man am dem ganzen Internetquatsch nicht teilnimmt, wird man gleich verdächtig?“ Selbst Programmierer Bruno Korati (Arnd Klawitter) kommen da Zweifel: „Für diese App hier schon. Für die sind Sie ein richtiger krummer Hund.“

Die Grundidee und die Kritik an der schönen neuen Datenwelt ist passend - aber Folge 64 will zu viel auf einmal. Schließlich musste auch noch Bielefeld vorkommen. Und so durfte die Sparrenburg als Wahrzeichen der Stadt nicht fehlen und gleich zweimal fuhr Wilsberg im Auto vor dem Alten Rathaus in der Innenstadt vorbei. Den in Sachen Münster und Bielefeld neutralen Zuschauern wird es egal sein. Die Auflösung der Geschichte am Ende kam überraschend gelungen daher.

Lakritznostalgie am Sonntag

Weniger zukunftsorientiert ist dagegen der neue ARD-Tatort aus Münster. Für Rechtsmediziner Prof. Boerne wird die Folge "Lakritz" vielmehr zur Reise in die Vergangenheit. Zyankali im Lakritz, ein toter Marktmeister und bittersüße Erinnerungen eines pummeligen Besserwissers spielen dabei eine Rolle. 

Das passiert in der Folge "Lakritz"

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  • Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, rechts) ermitteln im neuen Münster-Tatort in der traditionellen Manufaktur Maltritz. Dort wird das für die Folge namensgebende Lakritz hergestellt.

    Vorsicht, in dieser Fotostrecke werden einige Details der Folge verraten.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Marktmeister Hannes Wagner (Pierre Siegenthaler) wird am Morgen nach seinem 40. Dienstjubiläum tot in seiner Villa gefunden.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Riecht verdächtig: Boerne untersucht eine Dose Lakritz im Haus des Opfers.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Thiel ermittelt auf dem Wochenmarkt. Beinahe jeder der Marktbeschicker hätte guten Grund, Hannes Wagner ins Jenseits zu befördern. Gar nicht erst zu reden von denen, die Wagner in den Jahrzehnten seiner Herrschaft nicht mit einer der begehrten Lizenzen für einen Stand auf dem Markt beglückt hat. 

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Lakritzhändler Cornelius Bellekom (Ronald Top, l) muss sich an seinem Marktstand den Fragen des Kommissars stellen.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Thiel verhängt einen Verkaufsstopp und lässt verdächtige Waren sicherstellen.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Der Geruch von Lakritz ruft bei Karl-Friedrich Boerne keine angenehmen Erinnerungen hervor. Doch das ist nicht das einzige, was dem Gerichtsmediziner in die Nase steigt.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Silke „Alberich” Haller (ChrisTine Urspruch, l) und Boerne sind sich einig: Das Todesopfer, Marktmeister Wagner (Pierre Siegenthaler, m), riecht nach tödlicher Blausäure.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Silke Haller untersucht das Lakritz von Bellekoms Marktstand.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Kommissar Thiel versucht unterdessen im Polizeipräsidium alle Spuren im Blick zu behalten.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Sascha Bernbach (Jan Dose, l) ist jetzt der neue Marktmeister des Wochenmarktes.

    Foto: WDR/Willi Weber
  •  Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) steht in Kontakt mit den Stadt-Oberen. Die fordern Ergebnisse. 

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Die Staatsanwältin bittet Thiel wegen der politischen Dimension des Falls um Diskretion.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Auch Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer, r) taucht in der Folge auf. 

    Foto: WDR/Willi Weber
  • „Vaddern” verkauft an Senioren selbst gebackene Kekse.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • In der Lakritz-Manufaktur trifft der Professor Monika Maltritz (Annika Kuhl, r) wieder – zum ersten Mal seit vielen Jahren. Bei Boerne werden alte Erinnerungen geweckt:

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Harald Maltritz (Sascha Tschorn, l) ließ den jungen Karl-Friedrich (Vincent Hahnen, r) selbstgemachtes Lakritz probieren.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Als Vierzehnjähriger wurde Boerne (Vincent Hahnen) von Bernhard Wesskamp (Justus Czaja) in flüssiges Lakritz getaucht.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Thiel findet in den Unterlagen unterdessen einen möglicherweise entscheidenden Hinweis.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Thiel und Boerne stöbern im Keller nach Spuren aus der Kindheit des Professors.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Boerne macht beim Kramen in den Kisten eine Entdeckung.

    Foto: WDR/Willi Weber
  • Ob Boernes Detektivtagebuch aus Kindertagen bei dem aktuellen Fall helfen kann?

    Foto: WDR/Willi Weber

„Er ist tot, endlich“, spricht die Haushälterin ins Telefon, ein kurzes Lächeln umspielt ihre Lippen. Den selbstverliebten Hannes Wagner tot zu sehen, ist für niemanden ein echter Verlust. So viel jedenfalls ist klar nach der fast schon klassischen Krimieinstiegsszene der neuen Episode der ARD-Tatort-Ermittler aus Münster (Erstausstrahlung am Sonntag, 3. November, 20.15 Uhr). Auch was dann folgt, ist klassische Thiel-Boerne-Unterhaltung: Der 35. Fall, irgendwo zwischen solide gestrickt und skurril-verworren, tritt zurück hinter pointierte Dialoge mit Wortwitz.

Es zählen vor allem Hauptfiguren, die der Zuschauer entweder in ihrer Schrulligkeit und Überzeichnung schätzt wie alte Bekannte - oder immer schon belanglos findet.Der Mordfall führt das Ermittler-Duo abermals in Münsters bürgerlich-gehobene Schicht: Jahrelang hatte der nun tot auf dem edlen Parkett seiner üppig ausgestatteten Stadtvilla liegende Wagner die prestigeträchtige Position des Marktmeisters inne - und damit das Sagen über den weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Wochenmarkt der Stadt. Doch nun hat es ihn dahingerafft, weil er mit Zyankali vergiftetes Lakritz genascht hat.

Bittersüße Erinnerungsreise

Klar, dass auch Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) seine Nase tief in den Fall hineinsteckt. Buchstäblich - denn ausgerechnet der spezielle Geruch der schwarzen Süßigkeit sorgt für eine bittersüße Erinnerungsreise weit zurück in Boernes Teenagerzeit. In Rückblicken lernen die Zuschauer den 14-jährigen Karl-Friedrich kennen (Vincent Hahnen): Ein pummeliger Klugscheißer mit zu großer Brille, unglücklich verliebt in die Tochter der Lakritzmacher-Familie Maltritz.

Am Anfang seiner Arbeit für diese Folge habe für ihn die Frage gestanden, wie Boerne zu Boerne wurde, verrät Drehbuch-Autor Thorsten Wettcke im Presseheft zum Film: „Gab es ein Ereignis in seinem Leben, das ihn zu diesem liebenswert narzisstischen Ekelpaket werden ließ?“, schildert er.

Während also Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und seine Kollegin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) den Mörder des Marktmeisters suchen, wandelt der Rechtsmediziner auf den Spuren der eigenen Vergangenheit - und zu einem Schlüsselmoment: Ein rätselhafter Selbstmord weckt nicht nur die rechtswissenschaftliche Neugier des jungen Boerne, es finden sich auch verdächtig viele Verbindungen in die Gegenwart.

Retro-Rückblenden voller nostalgischer Gefühle

Thiel interessieren Boernes Geister vergangener Tage eher weniger: Was, wenn das vergiftete Lakritz nur der Anfang war und jemand weitere Giftanschläge auf dem Wochenmarkt plant? Gleichzeitig werfen Wagners Wohlstand und seine beträchtliche Machtfülle allerlei Fragen auf. Immerhin war er auch jahrzehntelang für die Vergabe der heiß umkämpften Standlizenzen zuständig. Und welche Rolle spielt der übertrieben freundliche Holländer, der erst seit Kurzem die begehrte Markterlaubnis hatte?

Die Folge entfaltet ihren Charme vor allem in den Retro-Rückblenden voller nostalgischer Gefühle. Dass die nach Lakritz schmeckende Vergangenheit auch beim aktuellen Fall eine große Rolle spielt, vermag zwar nicht zu überraschen, stört aber auch nicht weiter das muntere Geschehen dieser typischen Thiel-Boerne-Krimikomödie.

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