Gedenkstunde zur Reichspogromnacht
Jüdische Gemeinde: Erinnern nach dem Anschlag in Halle

Münster -

Vor 81 Jahren wurde die Synagoge in Münster verwüstet und niedergebrannt. Das Gedenken der Jüdischen Gemeinde in Münster an dieses Ereignis traf am Freitag (8. November) auf das Entsetzen nach dem Anschlag von Halle.

Freitag, 08.11.2019, 20:10 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 20:25 Uhr
Der frühere Aachener Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff entzündete bei der Gedenkstunde in der voll besetzten Synagoge eines der Lichter, neben ihm der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr.
Der frühere Aachener Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff entzündete bei der Gedenkstunde in der voll besetzten Synagoge eines der Lichter, neben ihm der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr. Foto: Oliver Werner

Unter dem Eindruck des Anschlags auf die Synagoge von Halle vor drei Wochen hat die Jüdische Gemeinde gemeinsam mit zahlreichen Vertretern des öffentlichen Lebens am Freitag an die Zerstörung der münsterischen Synagoge an der Klosterstraße vor 81 Jahren durch Nationalsozialisten erinnert. Vor rund 200 Gästen zeichnete der Gemeinde-Vorsitzende Sharon Fehr ein schonungsloses Bild der Situation für in Deutschland lebende Juden: Sie würden beleidigt, bespuckt, bedroht – „oder ihnen widerfährt Schlimmeres“. Fehr stellte fest: „Der Antisemitismus hat sich längst in der Mitte der Gesellschaft breitgemacht.“

Er scheute sich nicht, die „geistigen Brandstifter“ deutlich zu benennen. „Pegida, AfD und Identitäre Bewegung versuchen, unsere bunte, interkulturelle Gesellschaft zu spalten“, betonte der Vorsitzende und verband dies mit einem Appell, gemeinsam „die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft entschlossen zu schützen“.

Bischof spricht Warnung aus

Der frühere Aachener Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff warnte in seiner Ansprache unter dem Titel „Erinnerung mahnt, Verantwortung bleibt, Zukunft schafft Hoffnung“ davor, dass die Erinnerung an die Schoah, „die Vernichtungsorgie der Nazis“, und an die Reichspogromnacht verblasse. „Wir haften für dieses Geschehen.“

Zugleich forderte Mussinghoff verstärkten Einsatz für eine verantwortliche „Erinnerungskultur“. Das müsse unter Einbeziehung der jungen Menschen geschehen. Der frühere Aachener Bischof sprach sich dafür aus, mit dieser Arbeit schon in den Kindergärten zu beginnen. „Damit Verantwortungsbewusstsein neu entsteht und sich festigt.“

Lewe appelliert an die Anständigen

Oberbürgermeister Markus Lewe rief in seinem Grußwort dazu auf, einen „Aufstand der Anständigen“ zu organisieren. Jetzt sei die Zeit dafür. „Es ist eine Grenze erreicht, die niemand tolerieren kann – auch die Gerichte nicht“, erklärte das Stadtoberhaupt in der voll besetzten Synagoge. Lewe warnte in diesem Zusammenhang vor Relativierungen der Nazi-Gräuel.

Kommentar: Es geht mehr denn je um Taten

Es ist erst wenige Tage her, passiert hier in Münster: Mit Hakenkreuzen und Nazi-Symbolen werden zwei Schulgebäude verunstaltet. Wieder nur ein Einzelfall? Nein, diese These zieht so nicht mehr. In Zeiten, in denen es eine Partei gibt, die einen Faschisten als Mitte ihrer Gedankenwelt sieht, scheinen wieder Ansichten in Teilen der Gesellschaft hoffähig zu werden, die man sich eigentlich in Deutschland nicht mehr vorstellen konnte – und wollte. Das ist schlicht beängstigend.

Wenn Menschen jüdischen Glaubens sich heutzutage aus Angst vor Übergriffen nicht mehr trauen, offen auf der Straße einen Davidstern zu tragen, ist in der Gesellschaft etwas aus dem Ruder gelaufen. Wenn Polizeiwagen vor Synagogen zum Alltag gehören, werden die Probleme doch offensichtlich beschrieben. Wenn Gewalttaten wie in Halle passieren, muss jedem klar sein: Der Antisemitismus ist aus seiner dunkelsten Ecke zurückgekehrt, wie es die Vertreter der Jüdischen Gemeinde bei der Gedenkstunde zur Reichpogromnacht am Freitag in der Synagoge mit vollem Recht beklagt haben.

Große Ernsthaftigkeit,  tiefe Betroffenheit und aufrichtige Besorgnis um die Zukunft – in dieser Stimmungslage verlief das Gedenken, das vor dem Hintergrund von Halle zu einem Zustandsbericht über das jüdische Leben in Deutschland wurde. Dass dabei auch die allein im  vergangenen Jahr erfassten 1800 antisemitischen Straftaten Erwähnung fanden, belegt die Dramatik der Situation.

Die Gedenkstunde gab der Erinnerung Raum, räumte der Forderung nach dem Nicht-Vergessen viel Platz ein und machte vor allem bei der Suche nach Lösungen im Kampf gegen den zunehmenden Antisemitismus konkrete Vorschläge. Gerade Letzteres scheint notwendiger denn je, wenn Worte zu Floskeln und Phrasen zu verkommen drohen. Es geht jetzt mehr denn je um Taten.

Der frühere Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff  forderte, bereits in Kindergärten ein Bewusstsein für gesellschaftlichen Anstand zu wecken. Der Oberbürgermeister mahnte an, bei der Wahl der Worte und Witze genau hinzuhören. Und Ruth Frankenthal von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit warb dafür, dass sich doch möglichst viele mit der Aktion „Zusammen gegen Antisemitismus“ gemein machen und sich offen auf die Seite der Menschen jüdischen Glaubens stellen sollen. Nur gemeinsam und kraftvoll kann der Antisemitismus zurückgedrängt werden. Aber es wird so lange dauern, bis sich keine Nazi-Symbole mehr an Hauswänden finden. Auch in Münster. Von Dirk Anger

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Glücklich und dankbar sei er, betonte der Oberbürgermeister, dass es jüdisches Leben in Münster gebe. Unter Bezug auf die schrecklichen Vorgänge in Halle erklärte Lewe: „Ich habe mich geschämt.“

Gespräche zwischen den Religionen 

Mit Ayse Boran nahm eine Vertreterin der am Bremer Platz ansässigen muslimischen Ditib-Gemeinde an der Gedenkstunde teil. Sie wünschte sich Gespräche zwischen den Religionen und ein normales Miteinander. Sie betonte: „Wir Muslime nehmen die Rolle nicht an, die natürlichen Feinde der Juden zu sein.“

Zu Beginn der Gedenkstunde, die von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit organisiert wurde, bedankte sich deren geschäftsführende Vorsitzende Ruth Frankenthal deutlich bei Regierungspräsidentin Dorothee Feller. Nach dem Anschlag von Halle hatte sie einen großen Davidstern an der Glasfassade der Bezirksregierung anbringen lassen. Zugleich verwendet Feller in ihren E-Mails das Logo „Zusammen gegen Antisemitismus“. All das nannte Frankenthal „deutlich sichtbare Zeichen gegen Verrohung der Sprache, gegen Judenhass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“. Sie mahnte, dass „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“ nicht zu Floskeln verkommen dürften.

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