Das Theater Gloster mit „Hartreiser­knopfschrecksprach“ in der Studiobühne
Ein Hypochondrist feiert die Wonne des Denkens

Münster -

Wer sich mit dem Dichter Karl Philipp Moritz befasst, landet womöglich bei einem Abend mit dem schönen Titel „Hartreiser­knopfschrecksprach“.

Sonntag, 17.11.2019, 15:22 Uhr aktualisiert: 17.11.2019, 15:36 Uhr
Shaun Fitzpatrick und Carsten Bender flanierten, assisitiert von drei Musikern, durch die Welt des Karl Philipp Moritz.
Shaun Fitzpatrick und Carsten Bender flanierten, assisitiert von drei Musikern, durch die Welt des Karl Philipp Moritz. Foto: Jörg Kersten

Kein großer Dichter macht es sich und andern leicht: Weil die Dinge immer schwieriger sind. Zu denen gehörte auch Karl Philipp Moritz (1756-1793), der sich wüst und empfindsam zugleich durch Leben und Literatur kämpfte. „Hartreiser­knopfschrecksprach“ von Gloster Productions schien im Titelungetüm biografisch-sensorische Eckdaten jenes Mannes zu übernehmen, der für seinen (Weltliteratur-)Roman „ Anton Reiser “ kaltblütig die eigene Biografie zur Disposition stellte – jetzt folgte die Uraufführung des Stücks an der Studiobühne.

Im nüchternen Dunkel schien ein fantastischer Pianissimo-Himmel aufzutauen: Posaune (Helmut Buntjer), Akkordeon (Laurent Leroi) und Schlagzeug (Hirzel Hirzelnsen) und Flöte (Gugula Rosa) intonierten triste Akkorde vor goldenem Abendrot, das meditativ wie ein Lebenszwielicht zweier Leben verlöschte. Bald betraten Carsten Bender und Shaun Fitzpatrick die Szene, die vor der Bühne spielte – (fast) ohne jegliche Requisiten (Regie und Stückentwicklung: Manfred Kerklau): Eine sensationsfreie Zone für theatralisch-szenische Darstellung, die im Labyrinth einer Zitaten-Collage durch die Vita des Autors – über Schlaglöcher unvermeidlicher Auslassungen hinweg – ebenso raste wie durch Gedankenwelten seines Alter-Ego Anton.

Moritz’ Kunstreligion über vernachlässigte Leben sozial Benachteiligter, über Aufklärung und (Sprach-)Reflexion, über Sprechen und Besprechen, Seelenkunde und die „Wonne des Denkens“, entfaltete sich stichwortartig, mal aus dem dramaturgischen Off (vor-)witzig („KPM brach sich sein Schlüsselbein in Rom“), mal original gewichtig („Ich habe alles, was ich bin, aber ich bin nicht alles, was ich habe“). Die improvisative Musik blieb den Planetenwechsel dieses Lebens dicht auf den Fersen, bog ins Agitato, kaum dass Moritzs vielfältige Interessen, Aktivitäten und Marotten („Hypochondrist“) ins Bild gerieten.

Sprachliche Artistik ließ Zitate, postmoderne Ergänzungen und Geborgtes aus Münster & Co aufs Publikum im Prest-Parlando-Furioso niederprasseln, kein Atemzug lang herrschte Windstille im Schauspiel-Treiben und doch auch gelassene Einkehr. Choreographische und tänzerische Rezitation beider Akteure ähnelte divers formatierten (Bilder-)Rahmen, in denen der Text wie mit der Lupe vergrößert schien. Dem Publikum wurden Rettichscheiben serviert, die Posaune imitierte verdächtige Winde, tonlos atmete das Akkordeon tief durch, fiel ein unsterblicher Satz: „Das Sein ist der Stift im Wirbel“. Ein Lehrstück über Dämonen und Ekstasen des Schwierigsten: das menschliche Innenleben. Herzlicher Beifall.

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