Interview mit Ilgen-Nur
Viel Arbeit trotz des „Hypes“

Münster -

Was für ein Debütalbum: Ilgen-Nur hat mit „Power Nap“ eine der besten Indie-Platten dieses Jahres herausgebracht. Die Wahlberlinerin ist bereits im Vorprogramm von Tocotronic unterwegs gewesen, jetzt kommt sie im Rahmen ihrer Tour auch nach Münster. Wir haben mit ihr gesprochen.

Donnerstag, 21.11.2019, 09:00 Uhr
Ilgen-Nur Borali ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und lebt jetzt in Berlin. Mit ihrem Album „Power Nap“ kommt sie jetzt ins Gleis 22.
Ilgen-Nur Borali ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen und lebt jetzt in Berlin. Mit ihrem Album „Power Nap“ kommt sie jetzt ins Gleis 22. Foto: Constantin Timm

Liest du Rezensionen über dein Album?

Ilgen-Nur: Manchmal, aber nicht alle. Hin und wieder bekomme ich eine zugeschickt oder werde verlinkt. Aber bisher gab es noch keine Schlimmen, deshalb sehe ich das positiv.

Welche Referenzen werden am häufigsten genannt?

Ilgen-Nur: Courtney Barnett, Snail Mail, Kate Nash, Nilüfer Yanya und auch Kurt Vile.

Stört es dich, wenn man dich in Schubladen steckt?

Ilgen-Nur: Manchmal schon, aber in diesem Fall sind es alles Künstlerinnen und Künstler, die ich privat auch gerne höre. Manche Referenzen verstehe ich besser als andere. Zum Beispiel kann ich den zu Nilüfer Yanya nicht nachvollziehen. Ich habe sie zwei Mal live gesehen und ich finde sehr cool, aber wir machen völlig unterschiedliche Gitarrenmusik. Ich habe das Gefühl, ich werde nur mit ihr verglichen, weil sie eine Frau mit einem türkischen Namen ist. Das regt mich etwas auf. Ansonsten finde ich es völlig in Ordnung, in Schubladen kategorisiert zu werden, weil jemand, der etwas über mich in der Zeitung liest, auch Anhaltspunkte braucht.

Welche Referenzen hättest du genannt, wenn du dich mal in die Lage eines Journalisten versetzt?

Ilgen-Nur: Das ist schwierig zu beantworten, weil ich viele Einflüsse habe. Ich höre viel Musik aus den 90er Jahren: Jeff Buckley, Elliott Smith , Hole, Pavement und so weiter. Obwohl ich eher eine Männer-Band-Influence habe, werde ich selten mit welchen verglichen. Zu meinen Konzerten kommen mittlerweile alle Altersklassen, und gerade aus der Gruppe 40+ kommt des öfteren ein The-Cure-Vergleich, über den ich mich sehr freue.

Ich hätte ja eine männliche Band ins Feld geführt, deren Sänger heute vielleicht nicht mehr so gerne genannt wird . . .

Ilgen-Nur: Lass mich raten: The Smiths? Das höre ich oft bei Konzerten.

Genau. Zum einen wegen des 80er-Jahre-Sounds. Zum anderen wegen der Texte. Ich würde dich fast als weibliches Äquivalent zum frühen Morrissey nennen. Empfändest du das als Ehre?

Ilgen-Nur: Voll. Klar, Morrissey ist ein schwieriges Thema im Jahr 2019, vor allem politisch. Ich bin dennoch eher 90er Jahre geprägt, Ende der 80er war ich noch gar nicht geboren. Aber Paul (Bötsch, Gitarrist der Band, Anm. d. Red.) lehnt seinen Sound an The Smiths an. Als Teenager habe ich viel von ihnen gehört. Ich würde mich jetzt nicht als Smiths-Ultra bezeichnen (lacht), aber hin und wieder ziehe ich mir schon „This Charming Man“ rein, weil ich vor allem auch die Gesangsmelodien richtig gut finde und darauf viel Wert lege.

Wie bist du an deine Debütalbum herangegangen? Ist man da in Ehrfurcht erstarrt?

Ilgen-Nur: Es übt schon großen Druck auf einen aus und ich hatte auch Angst davor, weil es eben das große Ding ist. Krass war es auch, als das Album fertig war, denn es ist das Größte, was ich je geschaffen haben. Aber während es entstanden ist, war ich relativ entspannt. Einige Songs auf dem Album wie „New Song II“ oder „You‘re a Mess“ sind bereits vorher — zur Zeit der „No Emotions“-EP — entstanden. Das war ein natürlicher Prozess, weil ich während dieser Zeit einfach weiter Songs geschrieben und viel getourt habe. Und weil noch Songs für das Album fehlten, habe ich mich dann hingesetzt und noch zwei Songs geschrieben, das waren dann: „TV“ und „Nothing Suprises Me“.

Was macht das dann mit dir, wenn das Album fertig ist? Genießt du das? Ist die Tour jetzt das Sahnehäubchen?

Ilgen-Nur: Ich kann es auf jeden Fall genießen, und bin froh, dass die Tour — wir sind jetzt gerade in der dritten Woche — gut läuft. Aber ich checke langsam auch den Unterschied zwischen Großstädten, in den Menschen eher in einer Subkultur verhaftet sind, und außerhalb: Nur, weil Kritikerinnen und Kritiker mein Album in Musikzeitschriften abfeiern, kommen deshalb nicht Hunderte von Leuten zu meinen Konzerten. Im Gegenteil. In Luxemburg haben wir vor zehn Leuten gespielt. In Angers, in Frankreich, vor 20 bis 30. Der ganze sogenannte „Hype“ bedeutet eben nichts, außer, dass ich super viel arbeiten, noch mehr Konzerte spielen und ein neues Album aufnehmen muss. Auf der anderen Seite freut es mich total, wenn wir dann in Paris oder im Paradiso in Amsterdam in einem ausverkauften Laden spielen.

Du schreibst englische Texte: Fällt dir das leichter oder schreibst du erst auf Deutsch und übersetzt es dann?

Ilgen-Nur: Nein, ich schreibe direkt auf Englisch. Ich habe noch nie auf Deutsch geschrieben. Es fällt mir auch leichter, denn obwohl das deutsche Publikum gut englisch spricht, ist gerade bei Konzerten immer noch eine Art Schleier für mich vorhanden, weil ich nicht meine Gefühle direkt auf Deutsch ausdrücke oder aussprechen muss.

Deine Konzerte haben etwas von „Shoegazing“, oder?

Ilgen-Nur: Meinst du wegen der Instrumentalisierung oder wegen der Performance?

Sowohl als auch. Musikalisch ist es ruppiger als auf der Platte und von der Performance etwas zurückhaltender?

Ilgen-Nur: Bei den rockigeren Songs auf jeden Fall. Es gibt Abende, da kann ich mich mehr öffnen, die Leute anschauen und mit ihnen interagieren. Und dann gibt es Abende, an denen ich einfach Abstand halten muss, weil es für mich auch emotional anstrengend ist, diese Songs zu performen. Mann darf nicht vergessen, dass ich das erst seit zwei Jahren machen. Ich bin ja mit der „No Emotions“-EP überhaupt erst live aufgetreten, und ich muss mich erst noch auf der Bühne eingrooven. Auch wenn ich für mich feststelle, dass mir das sehr gut gefällt, sehe ich manchmal andere Künstler, die sich freier bewegen und mit dem Publikum kommunizieren können. An dem Punkt bin ich manchmal noch nicht angekommen.

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Wie geht es für dich dann weiter? Möchtest du in der Musik bleiben oder willst du dir ein zweites Standbein aufbauen?

Ilgen-Nur: Jetzt, wo ich Blut geleckt habe, möchte ich auch in der Musik bleiben. Ich kann mir gerade nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Das macht mich glücklich und erfüllt mich, deswegen möchte ich auch nicht zurück in andere Jobs, die ich mal ausgeübt habe. Ich versuche das jetzt so lange, wie es möglich ist.

Was können wir denn bei deinem Konzert im Gleis 22 erwarten?

Ilgen-Nur: Wir spielen alle Songs vom Album und auch EP-Songs — sehr abwechslungsreich aufgebaut: mal krachiger, mal ruhiger und einmal spiele ich komplett alleine. Es wird nicht die Party des Jahres, wir sind schließlich keine Party-Band. Aber wem das Album gefällt, der kommt auch beim Konzert definitiv auf seine Kosten.

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Samstag, 20 Uhr, Gleis 22, Hafenstraße 34, VVK 12, AK 15

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