WN-Spendenaktion
Ein Zuhause für verlassene Säuglinge

Münster -

Mütter, die ungewollt schwanger werden, werden in Teilen Tunesiens noch immer geächtet. Einige lassen gar ihre Neugeborenen in Entbindungshäusern zurück. Ein Projekt in Münsters tunesischer Partnerstadt Monastir kümmert sich um die Kleinen.

Samstag, 30.11.2019, 10:00 Uhr
In der Einrichtung „Stimme der Kinder“ werden Säuglinge, die von ihren Müttern im Entbindungskrankenhaus zurückgelassen wurden, betreut. 
In der Einrichtung „Stimme der Kinder“ werden Säuglinge, die von ihren Müttern im Entbindungskrankenhaus zurückgelassen wurden, betreut.  Foto: Monika Wullen-Engel

Jahr für Jahr werden in Tunesien rund 250 Säuglinge nach der Geburt von ihren Müttern in den Entbindungshäusern zurückgelassen – weil die Frauen unverheiratet sind oder durch Missbrauch oder Vergewaltigung schwanger wurden. „Sie haben vor Ort keinerlei Anerkennung“, sagt Dr. Monika Wullen-Engel vom Freundeskreis Münster-Monastir. „Sie existieren in der Gesellschaft nicht. Sie werden verachtet.“

Die Einrichtung „Stimme der Kinder“ hat es sich in der münsterischen Partnerstadt Monastir zur Aufgabe gemacht, sich um die verlassenen Säuglinge zu kümmern sowie allein stehende Frauen zu fördern. 14 gesunde Kinder können hier zeitgleich betreut werden. „Ziel ist es, sie nach spätestens 18 Monaten in gute Verhältnissen zu entlassen“, sagt Wullen-Engel.

300 Babys versorgt

Seit ihrer Gründung im Jahr 2007 lebten in der Einrichtung 300 Babys. Nur etwa jedes zehnte Baby kehrt nach 18 Monaten zu den biologischen Verwandten zurück. Die meisten ziehen in SOS Kinderdörfer um, einige wenige werden in eine Adoption vermittelt – oder landen in Waisenhäusern.

Offiziell sind Frauen und Männer in Tunesien gleichberechtigt – doch die Realität sehe oft anders aus, sagt Petra Reinhold-Kollmann vom Freundeskreis. „Frauen in Ausnahmesituationen werden vielfach geächtet. Sie müssen ihre Familien verlassen, leben mit ihren Säuglingen auf der Straße – oder legen sie heimlich vor der Einrichtung ,Stimme der Kinder‘ ab.“ Weil sie es nicht schaffen, für ihr Baby zu sorgen.

  Foto: Monika Wullen-Engel

Erst kürzlich habe in Monastir eine verzweifelte Mutter ihre Zwillinge in einen Brunnen geworfen, ein Säugling starb, der andere wurde schwer verletzt. Nicht selten landen Mütter, die ihre Säuglinge fortgegeben haben, in der Prostitution, denn die jungen Frauen haben in der Regel keinen Beruf erlernt, berichtet Dr. Fatma Bhouri, die Ansprechpartnerin in Monastir.

Liebevolle Betreuung

In der Einrichtung „Stimme der Kinder“ werden die verlassenen Säuglinge rund um die Uhr liebevoll gefördert, berichtet Wullen-Engel. Tagsüber kümmern sich drei Frauen um die Kinder, nachts zwei – für eine geringe Bezahlung. Die ärztlichen und psychologischen Untersuchungen der Kleinen erfolgten ebenso ehrenamtlich wie juristische Begleitung.

Seit ein paar Jahren ist der Einrichtung ein Sozialzentrum angegliedert, das sich um Frauen in Not kümmert. Praktika und Zertifikate, die sie hier erwerben können, sollen es ihnen ermöglichen, sich nach einiger Zeit selbst zu versorgen. Ziel sei die Re-Integration der Mütter, auch nach der Rückführung des Kindes, so Wullen-Engel.

Vier Projekte, ein Konto

► Projekte: Nimas (Bildungsförderung für Kinder in Problemlagen), Tilbeck (Beratungsangebot, um technische Produkte zu finden, die Senioren eine selbstständige Lebensführung erleichtern), Monastir (Unterstützung für Kinder und Umwelt in Münsters tunesischer Partnerstadt), Pelikanhaus (Bau eines Hauses für Angehörige schwerkranker junger Patienten am Clemenshospital)

► Wer für ein bestimmtes Projekt spenden möchte, sollte das bei der Überweisung vermerken. Sonst wird die Spende gleichmäßig aufgeteilt. Eine Spendenquittung wird ab 200 Euro automatisch ausgestellt, wenn die Adresse angegeben ist.

► Namensnennung: Die WN berichten regelmäßig über die Spendenaktion. Wenn Sie mit der Nennung Ihres Namens in der Zeitung einverstanden sind, tragen Sie bitte bei der Überweisung unter Verwendungszweck „Veröffentlichung: Ja“ ein.

► Konto: Sparkasse Münsterland-Ost (BLZ: 400 501 50); IBAN: DE 43 4005 0150 0000 0088 88

► Rückfragen: Telefon 0251 / 690 917 211

► Datenschutz: Ihre personenbezogenen Daten verwenden wir, soweit keine darüber hinausgehende Einwilligung vorliegt, nur zur Abwicklung des der Erhebung zugrundeliegenden Zwecks. Nähere Informationen zu unserem Umgang mit personenbezogenen Daten erhalten Sie unter www.wn.de/Service/Datenschutz. 

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Die Frauen arbeiten in einer Nähwerkstatt oder in einer Bäckerei, in einer Gärtnerei oder in der Altenpflege. Oder in einer Wäscherei, die inzwischen schwarze Zahlen schreibt. Unter den Frauen, die aktuell im Sozialzentrum betreut werden, ist aktuell nur eine einzige Mutter, deren Säugling nebenan, bei der „Stimme der Kinder“, betreut wird.

Von westlichen Standards entfernt

Doch es fehle zugleich an vielem. Unter anderem an Geld, um Milchnahrung und eine neue Waschmaschine für die Wäscherei anzuschaffen. Die Verantwortlichen vor Ort würden zudem gerne eine Babyklappe einrichten, damit Kinder nicht mehr vor der Tür abgelegt werden. Sie möchten die Säuglinge intensiv in all ihren Entwicklungsbereichen begleiten, eine Telefonseelsorge für betroffene Frauen aufbauen.

Vor allem aber seien die Kinder nicht optimal versorgt, betont das Mitglied des Freundeskreises. Es fehle ihnen an Zuwendung und Spielzeug, und die Betreuung sei keineswegs so intensiv, wie offiziell berichtet werde.

Vor einigen Jahrzehnten, sagt Wullen-Engel, wurden ungewollte Kinder in die tunesische Wüste gebracht und dort vergraben. Das gebe es heute nicht mehr. Doch die Arbeit der beiden Einrichtungen sei noch um einiges von westlichen Standards entfernt.

Sie hofft, dass mit der Unterstützung aus Münster den verlassenen Säuglingen und ihren verstoßenen Müttern noch mehr geholfen werden kann.

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