Verkehrs-Experten diskutieren in der Stadtbücherei
„Ohne die Schiene droht der Kollaps“

Münster -

Braucht das Münsterland eine S-Bahn? Ja, betonten jetzt die Teilnehmer einer Fachdiskussion in der Stadtbücherei. Allerdings müssten die Voraussetzungen stimmen.

Montag, 16.12.2019, 06:52 Uhr
Sie diskutierten über das Konzept der Münsterland-S-Bahn (v.l.): Prof. Heiner Monheim, Georg Hundt vom Verein Debatte, Uwe Schade und Joachim Brendel.
Sie diskutierten über das Konzept der Münsterland-S-Bahn (v.l.): Prof. Heiner Monheim, Georg Hundt vom Verein Debatte, Uwe Schade und Joachim Brendel. Foto: kb

Effizienz ist in einem Industrieland wie Deutschland ein positiv besetzter Begriff. Aber ist es effizient, wenn in deutschen Autos pro Tag 160 Millionen leer Autositze durch die Gegen kutschiert werden? Ist es effizient, wenn für jedes Auto rechnerisch vier Parkplätze vorgehalten werden müssen? Ist es effizient, wenn die Masse der Autobahnstaus nicht vom Fernverkehr verursacht werden, sondern von Berufspendlern auf Strecken von 30 oder 40 Kilometern?

„Autobahnen sind für den Nahverkehr gar nicht bestimmt“, so die provozierende These des Verkehrswissenschaftlers Prof. Heiner Monheim aus Trier am Freitag in der Stadtbücherei. Eingeladen zu der Diskussion hatte der Verein Debatte, der den Grünen nahesteht.

Flächendeckendes S-Bahn-Netz soll Verkehrskollaps abwenden

Monheim präsentierte ein Bild, das aussah wie das aktuelle deutsche Straßennetz. Es zeigte aber das Schienennetz in den 1920er-Jahren. Die Masse der Gleise sei nach dem Zweiten Weltkrieg stillgelegt worden. Der Verkehrswissenschaftler präsentierte auch aktuelle Luftbilder münsterländischer Städte wie Coesfeld oder Dülmen. Man sah, dass in Betrieb befindliche Gleise große Gewerbegebiete durchqueren. Das Problem dabei: „Der Zug hält dort nicht.“

Monheim vertrat die These, dass nur mit einem flächendeckenden S-Bahn-Netz der Verkehrskollaps abzuwenden sei. 250 deutsche Städte – „nicht nur Großstädte“ – böten hinsichtlich der vorhandenen Gleisstruktur die Voraussetzungen dafür.

Uwe Schade: Unschlagbar günstiger Preis muss her

Dass das Münsterland eine S-Bahn braucht, darin sind sich inzwischen viele regionale Politiker einig. Wie das funktionieren kann, dazu referierte Uwe Schade, Geschäftsführer des Regio-Verbundes „Breisgau-S-Bahn“. Für 650.000 Menschen in Freiburg und den beiden benachbarten Kreisen wurde in den vergangenen zwölf Jahren ein bus- und bahngestützter ÖPNV geschaffen, der als vorbildlich gilt.

Schades Thesen: Alle beteiligten Kommunen müssten uneingeschränkt bereit sein, die Kompetenzen im ÖPNV an ein gemeinsames Unternehmen zu übertragen. Und: Man müsse den Menschen einen unschlagbar günstigen Preis bieten. In Freiburg und im Breisgau ist das Regio-Karte für 62 Euro im Monat (für Erwachsene) zu bekommen, bei einer Jahreskarte sind es knapp 52 Euro pro Monat.

Was laut IHK Nord Westfalen zu beachten sei

Joachim Brendel, der für die IHK Nord Westfalen sprach, unterstütze ausdrücklich das S-Bahn-Konzept für das Münsterland, denn es seien große Kapazitätserweiterungen nötig, und die könnten nur über die Schiene abgewickelt werden.

Zugleich riet er aber dringend dazu, die angestrebten Restriktionen für den Autoverkehr erst dann umzusetzen, wenn die Kapazitätserweiterungen im ÖPNV auch tatsächlich vorhanden seien. „Die Busse und Bahnen sind morgens und nachmittags doch jetzt schon voll, das ist keine Alternative für Autofahrer.“

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