Explosion am Max-Klemens-Kanal
Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes

Münster -

Von dem ansehnlichen Kötterhaus am Max-Klemens-Kanal blieb nach einer Explosion am 18. September 2019 nur eine Ruine. Die in dem Haus lebende Frau und ihre Tochter standen wegen Mietrückständen vor der Zwangsräumung und hatten deshalb geplant, sich das Leben zu nehmen. Die Staatsanwaltschaft hat deswegen jetzt Anklage wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes erhoben.

Mittwoch, 05.02.2020, 11:15 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 11:55 Uhr
Feuerwehrleute löschen das zerstörte Wohnhaus am Max-Klemens-Kanal.
Feuerwehrleute löschen das zerstörte Wohnhaus am Max-Klemens-Kanal. Foto: Helmut Etzkorn

Nach der Explosion eines Wohnhauses am Max-Klemens-Kanal am 18. September 2019 hat die Staatsanwaltschaft Münster jetzt gegen die Angeschuldigten wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen versuchten Mordes, der Brandstiftung mit versuchter Todesfolge, des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion mit versuchter Todesfolge, der gefährlichen Körperverletzung sowie wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz Anklage beim Landgericht Münster erhoben.

Die Angeschuldigten hatten zuletzt gemeinsam in dem von der Explosion betroffenen Fachwerkhaus zur Miete gewohnt. Aufgrund erheblicher Mietrückstände hatte die Eigentümerin den seit 2015 bestehenden Mietvertrag jedoch im Jahr 2017 fristlos gekündigt, wie es in einer Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft heißt. Auf diese Kündigung folgte ein längerer Zivilrechtsstreit, an dessen Ende das Amtsgericht Münster im Juli 2019 zu Gunsten der Eigentümerin unter anderem auf Zwangsräumung und Herausgabe des Hauses urteilte.

Amtsgericht entscheidet auf Zwangsräumung

Die zuständige Gerichtsvollzieherin hatte den Angeschuldigten daraufhin im August die zwangsweise Räumung für den 18. September um 9.30 Uhr angekündigt. Einen Antrag auf Räumungsschutz hatte das Amtsgericht am 13. September abgewiesen.

Als sich die Angeschuldigten der anstehenden Zwangsräumung gegenüber sahen, sollen sie den Entschluss gefasst haben, sich gemeinsam das Leben zu nehmen. Zur Umsetzung dieses Vorhabens sollen sie laut Staatsanwaltschaft am 17. September zehn jeweils elf Liter fassende Propangasflaschen gekauft und drei Kanister mit jeweils fünf Litern Benzin gefüllt haben.

Die Gasflaschen sowie einen Benzinkanister sollen sie sodann an den nach außen grenzenden Wänden des Esszimmers und die weiteren Benzinkanister im Erdgeschoss aufgestellt haben. Am Morgen des 18. September sollen sie ihre beiden Pferde mit in das Esszimmer geführt haben, um diese mit in den geplanten Tod zu nehmen.

Gebäudeteile fliegen bis zu 35 Meter weit

Als die Gerichtsvollzieherin an jenem Morgen unter anderem in Begleitung von drei Polizeibeamten um 9.20 Uhr schließlich an dem Tor zum Grundstück vorfuhr, dies die Angeschuldigten sahen und damit erkannten, dass die Zwangsräumung tatsächlich unmittelbar bevorstand, sollen sie die Gasflaschen aufgedreht und das entströmende Gas entzündet haben, heißt es weiter.

Es kam daraufhin – wie von den Angeschuldigten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft beabsichtigt – zu zwei heftigen Explosionen, durch die Gebäudeteile bis zu 35 Meter weit geschleudert wurden. Glücklicherweise blieben die noch vor dem Tor stehenden Personen körperlich unverletzt; die drei Polizeibeamten mussten sich allerdings aufgrund der psychischen Auswirkungen dieses Ereignisses in ambulante und stationäre Behandlung begeben und waren bis zu elf Tage arbeitsunfähig.

Nach Bewertung der Staatsanwaltschaft sollen die Angeschuldigten die vorgeworfene Tat zwar in Suizidabsicht begangen haben; sie sollen aber insbesondere wegen der nicht zu kontrollierenden Explosionswirkung auch in Kauf genommen haben, dass die vor dem Tor stehenden Personen tödlich hätten verletzt werden können.

Die durch die angeklagte Tat schwer verletzten Pferde mussten noch am selben Tag eingeschläfert werden. Wegen der erheblichen Beschädigungen musste ein Teil des Wohnhauses abgerissen werden; die Gebäudeschäden können bislang nicht beziffert werden.

Suizidabsicht eingeräumt

Die 67-jährige Angeschuldigte hat in einer polizeilichen Vernehmung eingeräumt, die Explosion in Suizidabsicht herbeigeführt zu haben. Andere Menschen habe man aber nicht verletzen wollen; hierüber sei gar nicht nachgedacht worden. Ihre 38-jährige Tochter hat sich zu den Tatvorwürfen bislang nicht geäußert.

Während die 67-Jährige oberflächliche Brandverletzungen erlitt, musste ihre Tochter wegen der Schwere der Verbrennungen über einen längeren Zeitraum intensivmedizinisch behandelt werden.

In der Anklageschrift geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Angeschuldigten zum Tatzeitpunkt uneingeschränkt schuldfähig waren. Sie befinden sich derzeit jeweils in Untersuchungshaft. Das Landgericht Münster hat über die Zulassung der Anklage zu entscheiden.


Hinweis: Der Pressekodex sieht vor, dass über Suizide zurückhaltend berichtet wird.Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Grund für die Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. Daher werden wir nicht im Detail über den Vorfall berichten.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die   Telefonseelsorge . Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der   Krisenhilfe Münster  (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.

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