Expertengespräch der Apothekerkammer
Gefahr durch zu viel Medizin

Münster -

Millionenfach werden in Deutschland jährlich Antibiotika bei schwereren Erkrankungen, aber auch schon mal bei leichten Infekten verschrieben. Unterm Strich ist es zu viel dieser antibakteriellen Medizin, lautet die Einschätzung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Denn werden Keime einmal resistent, werde es schwer, überhaupt noch ein Mittel gegen sie zu finden.

Donnerstag, 13.02.2020, 11:00 Uhr
Besucher und Moderator Stefan Werding (r.) stellten Fragen an (v.l.) Alexander Mellmann, Johannes Hartmann, Dagmar Horn, Christian Lanckohr und Frank Dieckerhoff.
Besucher und Moderator Stefan Werding (r.) stellten Fragen an (v.l.) Alexander Mellmann, Johannes Hartmann, Dagmar Horn, Christian Lanckohr und Frank Dieckerhoff. Foto: klm

Zu viel Einsatz von Antibiotika kann Keime widerstandsfähig machen. Manche Substanzen wirken bei Patienten dann möglicherweise nicht mehr. Die Apothekerkammer Westfallen-Lippe will deshalb als Partner einer landesweiten Aktionswoche über einen sinnvollen Einsatz dieser antibakteriellen Medizin aufklären.

Gelegenheit für Fragen

Am Dienstagabend hatten Patienten in der Rüstkammer des Rathauses die Gelegenheit, Fachleuten zum Thema Fragen zu stellen.

Neue Wirkstoffe seien „in den vergangenen Jahren“ bis auf wenige für spezielle Einsatzgebiete nicht entwickelt worden, erklärte während der eineinhalbstündigen Frage-Antwort-Runde Dr. Dagmar Horn , Apothekerin am Uni-Klinikum ( UKM ). „Deshalb wird mehr Resistenz gegen Antibiotika möglich sein, wenn neue Keime aufkommen.“

Viele Krankheitsbilder seien „auch mit leichteren Wirkstoffen in den Griff“ zu bekommen, betonte der Vizepräsident der Apothekerkammer, Frank Dieckerhoff aus Dortmund. Zum Beispiel Nasennebenhöhlenentzündungen mit „pflanzlichen Präparaten“. Erfreulicherweise sei die Zahl der verschriebenen Antibiotika in Deutschland seit 2010 um 20 Prozent gesunken, so Dieckerhoff. In NRW allerdings liege sie trotzdem noch zehn Prozent über dem Schnitt.

"Wissenslücken" bei Ärzten?

Stefan Werding, Moderator der Runde und Redakteur unserer Zeitung, fragte, warum Ärzte offenbar schnell zur medikamentösen Behandlungsform Antibiotikum griffen. Zum Teil aufgrund von „Wissenslücken“ und zum Teil wegen „eingefahrenen Routinen, die nicht mehr weiter hinterfragt werden und schon von den Lehrmeistern weitergegeben wurden“, nannte der in Bielefeld niedergelassene Internist Dr. Johannes Hartmann Gründe. Patientenwünsche spielten auch eine Rolle.

Hartmann zeigte sich überzeugt, dass ein Wirkstoff nicht „eingenommen werden muss, bis die Packung leer ist“, wie es häufig heiße. Sondern, bis die Beschwerden abgeklungen seien.

Für Dr. Christian Lanckohr, Narkose- und Intensivmediziner des UKM, war es wichtig, dass sich niedergelassene Ärzte, ihre Kollegen im Krankenhaus und Apotheker mehr austauschen, wann ein Patient mit einem Antibiotikum behandelt werden sollte. Horn erklärte, dass das am UKM intern geschehe: „Zwei Ärzte und ein Apotheker bilden ein Team.“

Hände waschen!

Um Übertragungen von Krankheiten durch Bakterien im Alltag unwahrscheinlicher zu machen, empfahl Prof. Dr. Alexander Mellmann, Direktor des Instituts für Hygiene am UKM, es „so zu machen, wie wir es als Kinder schon gelernt haben: Nach dem WC-Gang und vor dem Essen die Hände waschen.“

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