Gute Zähne und wohlgenährt
Archäologen der Universität Münster untersuchen jahrtausendalte Knochen

Münster -

Ein Archäologen-Team aus Münster und Gaziantep hat in einem Felskammergrab in der Türkei überraschend die Überreste von Menschen aus der römischen Kaiserzeit entdeckt. Erstaunliche Ergebnisse der Untersuchungen der Forscher lassen darauf schließen, dass die Bestatteten zur sozialen Elite gehörten.

Mittwoch, 22.04.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 22.04.2020, 11:07 Uhr
Die gut erhaltenen Knochen wie diese Schädel sind ein außergewöhnlicher Fund für die Wissenschaftler.
Die gut erhaltenen Knochen wie diese Schädel sind ein außergewöhnlicher Fund für die Wissenschaftler. Foto: WWU - Forschungsstelle Asia Min

Die Überreste von 91 scheinbar höher gestellten Menschen aus der römischen Kaiserzeit haben Archäologen der Forschungsstelle Asia Minor im Seminar für Alte Geschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) und des Archäologischen Museums der Stadt Gaziantep haben in der antiken Stadt Doliche im Südosten der Türkei in einem Felskammergrab gefunden. Die Untersuchungen des Grabes und der Knochen bieten laut einer Mitteilung Einblicke in das Alltagsleben der damaligen sozialen Oberschicht. 

Bei Bauarbeiten im heutigen Dorf Dülük am Rande des antiken Stadtgebiets von Doliche haben Arbeiter im Jahr 2017 die Decke des Grabes durchbrochen. Sofort wurden die münsterschen Wissenschaftler und die Mitarbeiter des zuständigen Museums in Gaziantep hinzugezogen. „Bereits beim ersten Hinabsteigen erkannten wir, dass es sich um einen Glücksfall handelte. Die Knochen der Toten waren noch gut erhalten“, schildert der Archäologe Dr. Michael Blömer von der Forschungsstelle Asia Minor. Das aus dem Fels gehauene Grab besteht aus einer 3,50 mal 4,20 Meter großen zentralen Kammer, von der drei Nischen mit Grablegen abgehen.

Neben den Knochen fand das Team Fragmente von Glasgefäßen und Öllampen sowie Goldschmuck. Sie deuten auf eine Nutzung des Grabes im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus hin.

Durch Knochenuntersuchungen gewannen die Forscher zahlreiche Erkenntnisse über Leben und Tod der Bestatteten. „Das Grab bietet nur zwölf reguläre Bestattungsplätze. Diese wurden demnach mehrfach belegt. Zudem zeigte sich, dass innerhalb des Grabes Skelette umgelagert wurden, um Platz für Neubestattungen zu schaffen“, erklärt Blömer.

Die meisten der Skelettteile gehörten zu jungen Frauen und Männern, die jünger waren als 40 Jahre. Die Experten bargen auch Knochen von Kindern. „Das Fehlen ausgeprägter Muskeln und die grazilen Knochenstrukturen zeigen, dass sie nicht oder nur wenig körperlich arbeiten mussten“, so Blömer. Zudem gebe es keine Hinweise auf Krankheiten, Unterernährung und Vitamin-Mangelerscheinungen. „Verblüffend ist vor allem, dass die Zähne keine Spuren von Periodontitis, Kariesläsionen oder Zahnstein aufweisen.“ Zudem gebe es keine Hinweise auf Entwicklungsstörungen in der Kindheit. Die Ergebnisse lassen daher auf eine gesunde Gruppe schließen, die keinem hartem Arbeitsleben oder weiteren umwelt- beziehungsweise physiologisch bedingten Stresssituationen ausgesetzt war. Es handelt sich bei den Toten vermutlich um Angehörige der sozialen Eliten.

Zu klären bleibt, ob die Bestatteten tatsächlich verwandt sind, und über welchen Zeitraum sie bestattet wurden. Um diese und weitere Fragen zu beantworten, sind in den kommenden Monaten weitere Untersuchungen geplant.

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