Glosse
Astronomische Sonderlichkeiten: Den Münsteranern dämmert es nächtelang

Münster -

Als Dämmerung bezeichnet man den Übergang zwischen Tag und Nacht. Astronomen unterteilen sie in drei Phasen: bürgerliche, nautische und astronomische. Letztere ist in Münster immer im Sommer der Fall.

Freitag, 22.05.2020, 06:40 Uhr aktualisiert: 22.05.2020, 09:23 Uhr
Auch wenn es bis zum 22. Juli astronomisch keine Nacht in Münster gibt – für das menschliche Auge wird der Unterschied kaum augenfällig, höchstens in der hellsten Nacht am 21. Juni.
Auch wenn es bis zum 22. Juli astronomisch keine Nacht in Münster gibt – für das menschliche Auge wird der Unterschied kaum augenfällig, höchstens in der hellsten Nacht am 21. Juni. Foto: imago-images

Vor einem Jahr radelten Kunstfreunde in Scharen ins Preußenstadion, um sich Po an Po einem Schauspiel hinzugeben. Damals schon seltsam. Heute undenkbar. Noch befremdlicher: Die Freunde der Kunst waren gekommen, um der Sonne beim Untergehen zuzusehen.

Im Rahmen des Straßentheaterfestivals „ Flurstücke “ hatte die US-amerikanische Künstlerin Adrian Williams um 21.53 Uhr zu ihrer Performance „The Curve“ in die Ostkurve geladen. Die Erwartungen waren groß. Pünktlich setzte Geschepper und Getröte ein.

Nach drei Minuten war Schluss! Und die Verblüffung groß. Tja: Das „Scheibchen“ Sonne flutscht halt flott von Unter- bis Oberkante über den Horizont. So ist ihr Untergang definiert. Und der Aufgang auch. In der Vorstellung allerdings bleibt Sonnenuntergang ein sanft fließendes Schauspiel – eine durch die Südsee romantisch aufgeladene Vorstellung von Dämmerung. Wäre die Künstlerin der gefolgt, hätten die Kunstfreunde dort übernachten, genauer durchdämmern müssen. Denn in Münster gibt es im Sommer keine Nacht!

Sagenhafte Twilight-Zone

Das wundert. Ist aber Wissenschaft. Zwischen Tag und Nacht legt sich die Dämmerung. Aber für die Sonnenkugel gilt: Unterm Horizont geht’s weiter. Ein neues Licht. Und dabei wird die Atmosphäre ihrem Namen gerecht: Sie reflektiert die Sonnenstrahlen und verbreitet atmosphärische Gemütlichkeit – in drei Stufen:

In der „bürgerlichen Dämmerung“ steht die Sonne bis zu sechs Grad unter dem Horizont, und Lesen im Freien ist noch möglich. Die „nautische Dämmerung“ kennt sicher ein Aasee-Segler mit Meereserfahrung. Die Sonne steht dann bis zu zwölf Grad im Tiefenwinkel. Die Kimmlinie (vulgo: Horizont) ist erkennbar; einige Sterne sind sichtbar. So findet sich ein Navigator auf dem Meer zurecht. Sinkt die Sonne weiter (aber nicht unter 18 Grad), herrscht „astronomische Dämmerung“ – die sogenannte Mitternachtsdämmerung. Nacht wird es dann astronomisch nicht. Und das ist in Münster immer im Sommer der Fall.

Zwar reicht es nicht für die berühmten „Weißen Nächte“ von St. Petersburg, in denen sich laut Dostojewski zarte Liebesbande bilden. Aber das Wissen um die nachtlosen Monate dürfte dem münsterischen Dämmerschoppen völlig neue Dimensionen verleihen. New York mag die City sein, „that never sleeps“. Aber dort ist es sommers stundenlang zappenduster. In der Westfalenmetropole hingegen herrscht vom 21. Mai bis zum 22. Juli eine sagenhafte Twilight-Zone: „Summer in the City – No Night in Münster“.

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