Wie die Westfälische Schule für Musik in Münster den Neustart meistert
Krise mit Kreativität überwinden

Münster -

Die Kultur steckte für zwei Monaten in einem tiefen Loch. Mit Durchhaltevermögen und kreativen Lösungen suchten auch die Musikschulen den Weg aus dem Tal. Über die vergangenen schweren Wochen und den Neustart sprachen wir mit Friedrun Vollmer, der Direktorin der Westfälischen Schule für Musik in Münster. Der vorsichtige Neustart ist schon seit Wochen im Gange.

Sonntag, 24.05.2020, 14:34 Uhr
Mit Abstand und Mundschutz geht es allmählich wieder. Die Westfälische Schule für Musik in Münster zeigt sich beim Neustart ideenreich und hat draußen sogar einen Pavillon für Gesangsproben aufgestellt.
Mit Abstand und Mundschutz geht es allmählich wieder. Die Westfälische Schule für Musik in Münster zeigt sich beim Neustart ideenreich und hat draußen sogar einen Pavillon für Gesangsproben aufgestellt. Foto: Lisa Bröker/Johannes Loy

Alle kulturellen Sparten sind in den vergangenen Wochen in eine tiefe Krise geraten. Mit Durchhaltevermögen und kreativen Lösungen suchen auch die Musikschulen den Weg aus dem Tal. Über die vergangenen schweren Wochen und den Neustart sprachen wir mit Friedrun Vollmer , der Direktorin der Westfälischen Schule für Musik in Münster.

 

Können Sie noch einmal den Tag schildern, als die Corona-Krise die Westfälische Schule für Musik erreichte respektive erwischte?

Friedrun Vollmer: Es war der Montag, 16. März, als es in der Musikschule für lange Zeit ungewohnt ruhig wurde: keine Klaviertonleitern mehr, keine Saxofonkaskaden, kein Kinderlachen, sondern eine gespenstische Stille. Und Verunsicherung – was kommt auf uns zu? Normaler Unterricht war nicht mehr möglich. Bitter war es, den Elementartag, die Werbeveranstaltung für die Jüngsten, und viele weitere schöne Konzerte absagen zu müssen. Aber im Interesse des Infektionsschutzes und der Abwendung weiterer Gesundheitsgefährdung mussten wir verantwortlich handeln. Und keiner konnte die Tragweite der Ereignisse ahnen, die uns im musikpädagogischen und kulturellen Bereich auf lange Sicht die bislang gewohnte Praxis unmöglich machen würden.

Wie hat sich die Musikschule in Münster auf die Herausforderung durch die Schließung eingestellt?

Vollmer: Ende Februar waren wir mit einem Viertel unseres Kollegiums zu einer Zukunftsklausur – hier haben wir uns unter anderem intensiv mit digitalen Chancen für den Instrumental- und Gesangsunterricht befasst und uns dann die Frage gestellt: Wie bekommen wir jetzt den Praxistransfer hin? Und dann kam Corona, und es war alternativlos, sofort und jetzt und gleich ins kalte Wasser zu springen. Zwei Wochen nach der Schließung waren 85 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler mit alternativem Unterricht versorgt: Online- Angebote wie Video-Unterrichte und Telefon-, Video- oder Audio-Tutorials, Noten- und Arbeitsblätter für das Selbststudium, musikalische Spielesammlungen für die Jüngsten. Ich bin beeindruckt und begeistert von unserem Kollegium, welche Kreativität sich nach dem ersten Schreck entfaltet hat und mit welcher kollegialer Solidarität auch gegenseitige Beratung stattgefunden hat. Viele Familien waren dankbar, dass wenigstens der Musikunterricht als Konstante weiterging. Auf der Website der Musikschule lassen sich die Ergebnisse sehen: Videos, die unsere Schüler angefertigt haben, ein „Die Erste-Stunde-auf-der-Gitarre“-Video, das es auf unserem YouTube-Kanal gibt, oder die Halb-Playbacks des Gesangsbereichs.

Friedrun Vollmer, Direktorin der Westfälischen Schule für Musik

Friedrun Vollmer, Direktorin der Westfälischen Schule für Musik

Eine persönliche Frage: Waren Sie oder auch Kollegen direkt von Corona betroffen?

Vollmer: An der städtischen Musikschule hat die Corona-Infektionswelle zwei Kolleginnen erwischt. Wir sind sehr froh, dass beide den recht schweren Verlauf gut überstanden haben. Und ich persönlich? Meine in Paris studierende Tochter hatte sich vor dem Shutdown dort zu mir „gerettet“, aber leider das Virus mitgebracht und wurde positiv getestet. Das war gleich zu Beginn der Musikschulschließung. Ich bin sofort für fast drei Wochen in Quarantäne gegangen und habe von zu Hause aus den digitalen Musikschul-Umbau über viele Zoom-Konferenzen geleitet.

Wie sieht der Unterricht jetzt in diesen frühlingshaften Maitagen aus? Ist der Neustart gelungen?

Vollmer: Der Verband deutscher Musikschulen (VdM) hat sehr hilfreiche Materialien herausgegeben, anhand derer wir uns frühzeitig mit den stufenweisen Wiedereinstiegsszenarien in den Präsenzunterricht vorbereitet haben. Sehr kons­truktiv war und ist an dieser Stelle der Austausch mit den Musikschulen aus Albachten, Roxel, Nienberge und Wolbeck. Derzeit ist uns Instrumentalunterricht in Gruppen bei den Streichern, Zupfern, Tasteninstrumenten und im Schlagwerk mit Mund-Nasen-Bedeckung wieder möglich, bei den Bläsern wegen möglicher virenhaltiger Aerosole nur im Einzelunterricht hinter von einem Schlagzeugkollegen mit seinen Tischler-Fähigkeiten gebauten Plexiglas- Trennwänden. Die Sänger arbeiten Open Air unter einem Regenschutz. Die Musikalischen Früherziehungskurse sind mit wenigen Kleingruppen wieder gestartet: Hier werden neue Konzepte erprobt, wie man mit künstlerischen Mitteln mit Kindern das „social distancing“ einüben kann.

Besonders betroffen vom Arbeits- und Verdienstausfall waren ja sicher auch die freien Unterrichtskräfte ohne Festanstellung. Wie ist es jetzt um deren Situation bestellt?

Vollmer: Unsere freien Kolleginnen und Kollegen haben sich ebenso wie die festangestellten vom ersten Moment an der Herausforderung gestellt, den Unterricht alternativ fortzuführen, sich entsprechend fortzubilden und technisch auszurüsten. Und eine gute Nachricht am Rande: In der vergangenen Woche konnte die Besetzung der festen Stellen, die der Rat 2018 zum Abbau prekärer Beschäftigungsverhältnisse an der Westfälischen Schule für Musik mit acht Stellen 2019 und acht Stellen 2020 beschlossen hatte, abgeschlossen werden!

Zu Beginn des Jahres, als auch die Diskussion um einen gemeinsamen Musikcampus in Münster anlief, hatte man das Gefühl, dass durch Münsters Kulturlandschaft ein richtiger Ruck geht. Befürchten Sie, dass jetzt im Zeichen der Krise manches versandet oder sogar „undenkbar“ wird?

Vollmer: Die aktuelle Situation ist für die Kulturschaffenden schwierig und zum Teil existenzbedrohend. Sie erfordert aber auch, dass sich die Art, wie wir Kultur fördern, schaffen und erleben, verändert. Und Bund und Land helfen mit ihren Anstrengungen der Soforthilfe und der Unterstützung für Soloselbstständige und Kleinbetriebe den Kulturschaffenden in der für sie existenzbedrohenden Zeit.

Was kann das kulturelle Leben hier bei uns in Münster und im Münsterland aus der Krise mitnehmen?

Vollmer: Die hiesige Kulturszene zeigt bereits, wie kreativ auf die neuen Maßnahmen reagiert wird – Musikveranstaltungen werden neu gedacht, mit modernen Rezeptions- und Aufführungschancen, in einem Mix aus analogen Clustern und digitalem Stream. In Münster sollten wir den Schwung nutzen und die neuen Formate dauerhaft in unsere alltägliche Arbeit einbinden: Digitalisierung und neue, veränderte Konzertformate können das Musizieren und den Musikschulunterricht in den kommenden Jahren prägen. Und wenn wir den Krisenbewältigungsmodus verlassen und in den „neuen Alltag“ zurückkehren, sollten wir auf die aktuelle Zeit einmal zurückschauen und gemeinsam mit allen Kulturschaffenden die künftige Zusammenarbeit bestimmen und überlegen, welche räumliche wie inhaltliche Strukturen die kommenden Jahre prägen werden. Der Musik-Campus kann so zu einem Zentrum des modernen Musizierens werden.

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