Verbrechen liegt fünf Jahre zurück
Mordverdacht – aber noch kein Prozess

Münster -

Ein Mann liegt schwer verletzt neben seiner toten Frau, die Polizei findet das Paar. Schnell sind die Ermittler sicher: Mord und Selbstmordversuch. Das war vor fünf Jahren in Münster - doch einen Prozess hat es bislang nicht gegeben.

Mittwoch, 27.05.2020, 20:52 Uhr aktualisiert: 27.05.2020, 21:00 Uhr
Der Prozess vor dem Landgericht Münster lässt auf sich warten.
Der Prozess vor dem Landgericht Münster lässt auf sich warten. Foto: dpa

Es ist der 5. Juli 2015, ein Sonntagnachmittag um 16.10 Uhr, als Polizisten zu einer Wohnung in Münster gerufen werden. Sie treten die Tür ein und entdecken im Schlafzimmer ein Ehepaar. Die 47-jährige Frau wird kurz darauf sterben, der ein Jahr jüngere Ehemann liegt lebensgefährlich verletzt neben seiner sterbenden Frau. Er hat versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, und eine ätzende Flüssigkeit getrunken.

Schnell sind sich die ermittelnden Polizisten sicher, dass der Mann seine 47-jährige Frau erwürgt hat. Um die Tat zu vertuschen, soll er anschließend ihren Selbstmord vorgetäuscht haben. Die Staatsanwaltschaft geht damals von Heimtücke aus. Nach ihren Angaben haben die rechtsmedizinischen Untersuchungen ergeben, dass die Frau von hinten erdrosselt wurde. Vor Gericht stand der Mann in den vergangenen fünf Jahren aber nicht.

Mordanklage im Oktober 2015

Die Staatsanwaltschaft hat zwar im Oktober 2015 Anklage wegen Mordes erhoben. Aber zulassen konnte das Gericht die Klage nicht. Der Grund: Der Mann ist schwer krank. Der Angeklagte hat sich bei dem Versuch, das Leben zu nehmen, die Speiseröhre verätzt. Sprechen kann er nicht mehr – auch deswegen hat er den Ermittlern gegenüber nie Angaben gemacht. Nach Informationen unserer Zeitung lebt der Mann in einem Pflegeheim in Münster. Sein Haftbefehl ist außer Vollzug – er muss bestimmte Auflagen erfüllen, sitzt aber nicht im Gefängnis.

Seitdem sehen ihn regelmäßig ein Psychiater und ein Amtsarzt. Im vorliegenden Fall müssen sie prüfen, ob der damals 46-Jährige psychisch und körperlich fit genug ist, um ein Verfahren zu verfolgen. „In diesem Fall stehen beide Fragen im Raum“, sagt Gerichtssprecher Steffen Vahlhaus . Die endgültige Entscheidung trifft das Gericht, die Schwurkammer des Landgerichts in Münster. „Wir sind nun mal keine Ärzte, darum lassen wir uns von Medizinern beraten“, sagt Vahlhaus.

Nicht verhandlungsfähig

Seit der Tat werde der Mann „fortwährend begutachtet“, immer wieder notwendige Operationen hätten es aber unmöglich gemacht, Termine zu finden, erklärt der Sprecher. Lange habe keine Verhandlungsfähigkeit bestanden, erst Anfang 2019 habe sich abgezeichnet, dass der Beklagte zumindest für wenige Stunden am Tag dem Prozess folgen könnte. Der mutmaßliche Täter muss offenbar regelmäßig operiert werden. Laut Vahlhaus war es ein Problem, zwischen Operationen Termine für eine Gerichtsverhandlung zu finden.

Drängende "Haftsachen"

Ende 2019 sah es so aus, als könne der Prozess beginnen. Das Gericht hatte mit dem Anwalt des mutmaßlichen Täters, Stephan Kreuels, mögliche Termine besprochen, die es aber wieder verschieben musste. Die Kammer musste zunächst drei „Haftsachen“ beraten, Prozesse also, bei denen die Angeklagten in U-Haft sitzen und die deswegen vorgezogen werden müssen.

Ob und wann das Verfahren beginnen könnte, steht in den Sternen. Vahlhaus bezeichnet das als „Blick in die Glaskugel“. Und Anwalt Kreuels möchte sich zu dem Fall grundsätzlich nicht äußern.

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