Sexueller Missbrauch von Kindern
"Das ist nur die Spitze des Eisbergs"

Münster -

Hausdurchsuchungen in mehreren Bundesländern und ein bislang dreiwöchiges Ermittlungsverfahren haben einen umfassenden Fall von Kindesmissbrauch aufgedeckt, dessen Hauptverdächtiger aus Münster kommt. Am Sonntag wurden neue Details bekannt - unter anderem über die Mutter des Hauptverdächtigen.

Sonntag, 07.06.2020, 18:05 Uhr
Sexueller Missbrauch von Kindern: "Das ist nur die Spitze des Eisbergs"
Zwei Polizeiautos stehen in der Einfahrt zu einer Kleingartenkolonie. Eine Laube in der Kolonie ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters in einem Missbrauchsfall. Foto: dpa

Dieser Missbrauch sprengt jede Vorstellungskraft: Münsters Polizeipräsident Rainer Furth befürchtet, dass die couragierte Ermittlungsarbeit nur die „Spitze des Eisbergs“ zutage gefördert hat. Doch die Widerlichkeit der entdeckten kinderpornografischen Filmsequenzen reiche aus, dass selbst erfahrenste Kriminalbeamte an die „Grenzen des menschlich Erträglichen und weit darüber hinaus“ gestoßen werden.

Die Polizei Münster hat im Rahmen eines bislang nur dreieinhalbwöchigen Ermittlungsverfahrens mit Hausdurchsuchungen in vier Bundesländern insgesamt elf Personen wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern festgenommen. Zwei sind wieder frei, sieben Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft, darunter ein 27-jährige Münsteraner und seine 45-jährige Mutter. Den Verdächtigen drohen zum Teil langjährige Haftstrafen.

Mutter des Hauptbeschuldigten ist Erzieherin

Der Mann aus Münster-Kinderhaus ist für Staatsanwalt und Polizei der Hauptbeschuldigte der abscheulichen Verbrechen. Ihm werden zunächst 15 Taten zur Last gelegt, die in einem Zeitraum von November 2018 bis Mai 2020 stattgefunden haben sollen. Der Münsteraner soll die Taten über Jahre zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. Die Mutter, die bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin in einer Kindertagesstätte gearbeitet hat, soll ihre Gartenlaube zur Verfügung gestellt haben – „in dem Wissen, was dort passiert“, so Staatsanwalt Botzenhardt .

Pressekonferenz am 6. Juni 2020 in Münster zu bundesweitem Missbrauchsfall

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  • Über Ermittlungen in einem bundesweiten Missbrauchsfall informierten Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt und die Polizei am Samstag (6. Juni 2020) bei einer Pressekonferenz in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse an der Pressekonferenz im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster war riesig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Über den Stand der Ermittlungen berichteten (von links) Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt, Kriminalhauptkommissar Joachim Poll, Polizeipräsident Rainer Furth und Pressesprecher Jan Schabacker.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

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  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Kriminalhauptkommissar Joachim Poll leitet die Ermittlungen.

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  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

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  • Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

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  • Das Medieninteresse war riesig.

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  • Polizei-Pressesprecher Jan Schabacker

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  • Polizeipräsident Rainer Furth zeigte sich tief betroffen.

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  • Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt bei der Pressekonferenz am 6. Juni 2020 im Polizei-Bildungszentrum "Carl Severing" in Münster zu massenhaftem Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • Das Interesse der Medienvertreter war bei der Pressekonferenz groß.

    Foto: Ralf Repöhler
  • In dieser Gartenlaube soll es mehrfach zum Missbrauch gekommen sein.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler stießen bei der Durchsuchung auf zahlreiche Datenträger.

    Foto: Polizei Münster
  • Die Ermittler haben einen ganzen Serverraum entdeckt.

    Foto: Polizei Münster

Neben dem 27-jährigen Münsteraner und seiner Mutter sitzen fünf weitere Männer aus mehreren Bundesländern wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs in Haft: ein 30-Jähriger aus Staufenberg, ein 35-Jähriger aus Hannover, ein 42-Jähriger aus Schorfheide, ein 43-Jähriger aus Kassel und ein 41-Jähriger aus Köln. Er ist der einzige Beschuldigte, der wenige Aussagen gemacht hat. Die anderen schweigen. Gegen zwei weitere Personen wird konkret ermittelt. „Drei Opfer im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren sind bislang identifiziert.“

NRW-Innenminister Herbert Reul zeigte sich erschüttert. „Dieser Fall zeigt erneut, wie widerwärtig menschliche Abgründe sein können“. Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe reagierte ebenfalls bestürzt. „Ich bin erschrocken, dass unsere Stadt Schauplatz solch schrecklicher Taten war.“ Familienministerin Franziska Giffey sagte: „Das sind abscheuliche Taten, bei denen niemand ermessen kann, welch furchtbares Leid diese Kinder erfahren haben.“

Kommentar: Abscheulich

Wie abscheulich! Selbst hartgesottene Polizisten kommen an ihre Grenzen, wenn sie sich die gefilmten menschlichen Abgründe anschauen müssen. Die von Münster ausgegangenen Missbrauchsfälle entsetzen die Republik.

Die sieben Haftbefehle sind laut Polizei nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt gab es elf Festnahmen, gegen zwei weitere Verdächtige wird ermittelt. Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist es eine Herkulesaufgabe, den Missbrauchssumpf trockenzulegen. Die perfiden Täter haben ihre abscheulichen Verbrechen passwortgeschützt. Sie haben brutal vergewaltigt. Und das haben sie gefilmt, gespeichert und professionell verschlüsselt. Kommuniziert und verbreitet wird über das Darknet.

Zwei der Beschuldigten sind IT-Experten. Die Missbrauchsfälle von Münster zeigen, wie skrupellos und widerlich die Cyber-Kriminalität ist. Die Polizei benötigt Personal, Technik, Wissen und vor allem Zeit, um den gewissenlosen Tätern im weltweiten Netz auf die gut verdeckte Spur zu kommen. Diesmal musste eine unbekannte IP-Adresse entschlüsselt werden, um das unvorstellbare Leid dieser drei kleinen Jungen zu beenden. (Von Ralf Repöhler)

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Gartenlaube als Ort des Grauens

Die Mutter des Hauptbeschuldigten, eine 45-jährige Erzieherin einer Kindertagesstätte, hatte ihrem Sohn den Schlüssel zur Gartenlaube in Münster-Kinderhaus gegeben und so den Missbrauch laut Staatsanwaltschaft in Kauf genommen. Die Ermittler entdeckten dort Mitte Mai – in einer Zwischendecke versteckt – eine von dem 27-jährigen Beschuldigten gelöschte Festplatte.

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Die Gartenlaube in Kinderhaus Foto: Polizei Münster

Experten der Polizei gelang es in mühsamer Arbeit, diese Daten wieder herzustellen. So wurde ein Filmsequenzen wieder sichtbar, in dem der Münsteraner und drei weitere Beschuldigte zwei fünf- und zehnjährige Jungen schwer missbrauchen. „Sie können es sich nicht vorstellen. Vier Männer vergehen sich über Stunden an zwei Jungen“, zeigt sich der Leiter der polizeilichen Ermittlungen, Joachim Poll , erschüttert. Die Männer wurden nur wenige Stunden, nachdem die Polizei das Video wieder sichtbar gemacht hatte, festgenommen.

Bislang schweigen die Verdächtigen

Da die mutmaßlichen Täter schweigen, sind elektronische Dateien die einzigen Beweismittel. Elf Festnahmen und sieben Haftbefehle gibt es bislang bei den Missbrauchsfällen von Münster. Vieles weiß man noch nicht, aber nach bisherigem Stand der Ermittlungen sind vier der verhafteten Männer dringend verdächtigt, zwei minderjährige Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren schwer sexuell missbraucht zu haben.

Kriminalität: Missbrauchsfall von Münster in der Chronologie

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  • Chronologie Missbrauchsfall Münster

    Der Missbrauchsfall Münster hat enorme Ausmaße. Der Hauptverdächtige, Adrian V. aus Münster, wurde am 14. Mai 2020 festgenommen. Doch der Fall hat eine lange Vorgeschichte und ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Chronologie:

  • 2010-2013 Verbreitung Kinderpornografie

    September 2010 (bis September 2013): Adrian V. aus Münster verbreitet kinderpornografisches Material, dafür wird er später vom Jugendschöffengericht verurteilt.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2013: Mit knapp 20 Jahren kommt Adrian V. mit seiner drei Jahre älteren Freundin zusammen, die bereits einen dreijährigen Sohn hat.

  • 2014 Kinderpornografie Teil 2

    September 2014 bis Dezember 2014: Erneut verbreitet Adrian V. kinderpornografische Werke. Später bekommt er in einem zweiten Urteil dafür eine Bewährungsstrafe.  

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Ende 2015: Das erste Strafverfahren gegen Adrian V. läuft. Es ist ein Fall für die „Clearingstelle“, in der Kinderschutzfälle anonymisiert von Vertretern der Polizei, der Gerichtsbarkeit, der Psychologie, der Kinderschutzambulanz und pädagogischen Fachkräften des ASD beraten werden. Am Ende steht die Entscheidung, dass momentan keine familiengerichtlichen Maßnahmen notwendig seien. Auch, weil Adrian V. zu dieser Zeit nicht mit seiner Freundin und deren Sohn zusammen wohnt.

  • 2016 Erstes Urteil

    13. Januar 2016: Das Jugendschöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischen Materials zu zwei Jahren auf Bewährung. Die Taten liegen zwischen September 2010 und September 2013. Adrian V. muss eine Therapie beginnen.

    Foto: Ahlke (Symbolbild)
  • 2016 Jugendamt

    2016: Die Kindesmutter wird nach 2016 vom Jugendamt Münster in ihrer Elternverantwortung belassen. Es habe bis heute keine Hinweise aus dem sozialen Umfeld auf eine mögliche Gefährdung oder Auffälligkeiten des Jungen gegeben, betont ein Sprecher der Stadt Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 2017 Zweites Urteil

    8. Juni 2017: Das Schöffengericht Münster verurteilt Adrian V. wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornographischer Schriften zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - wieder auf Bewährung. Die Taten lagen zwischen September 2014 und Dezember 2014, also vor der Bewährungszeit. Seine Therapie setzt er fort.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Ermittlungsverfahren beginnt

    2018: Es beginnt ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen der Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Der Täter gesteht seiner Lebensgefährtin, dass er ihren Sohn regelmäßig missbraucht.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • 2018 Missbrauchsfälle

    November 2018 bis Mai 2020: Adrian V. soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht, die Taten zum Teil per Video und auf Fotos dokumentiert und über das Darknet verbreitet haben. 15 Taten, beginnend im Jahr 2018 bis zum Zeitpunkt der Festnahme im Mai 2020, werden ihm auf Grundlage elektronischer Beweismittel vorgeworfen.

    Foto: dpa
  • 2019 Anfangsverdacht

    April 2019: Anfangsverdacht gegen Adrian V.: Eine ermittelte IP-Adresse führt die Spur zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dülmen (Kreis Coesfeld), bei dem der Münsteraner als IT-Administrator arbeitet.

  • 25./26. April 2020:

    25./26. April 2020:  In der Kleingarten-Hütte der Mutter in Münster-Kinderhaus sollen sich mindestens vier der Beschuldigten an zwei Opfern vergangen und die Taten teilweise gefilmt haben. Diese Tat ist bislang noch nicht Tatbestand des Haftbefehls. Die Mutter von Adrian V. soll bei dieser Missbrauchstat Hilfe geleistet haben.

    Foto: dpa
  • 7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung

    7. Mai 2019: Wohnungsdurchsuchung bei Adrian V. in Münster: Die Ermittler stellen umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die ebenfalls mit hochprofessioneller Verschlüsselungstechnik gesichert waren und zum Teil noch sind.

    Foto: Polizei Münster
  • 12. Mai 2020: Einer der sichergestellten Laptops wird entschlüsselt. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien mit Missbrauchshandlungen zum Nachteil des zehnjährigen Jungen aus dem häuslichen Umfeld des Beschuldigten.

  • Polizeipräsidium Münster

    13. Mai 2020: Das Polizeipräsidium Münster übernimmt aufgrund des ermittelten Wohnsitzes die Ermittlungen.

    Foto: Matthias Ahlke (Archivbild)
  • Festnahme Adrian V.

    14. Mai 2020: Adrian V. wird morgens in Münsters Innenstadt festgenommen. Kurze Zeit später wird der zehnjährige Junge bei einer Verwandten in Begleitung zweier Männer (29 und 35) aus Hannover angetroffen. Da keine Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die beiden Männer Straftaten zum Nachteil des Jungen begangen haben könnten, werden sie vorerst nicht festgenommen. Der Junge wird direkt in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster gegeben.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Durchsuchung Gartenlaube

    15. Mai 2020: Durchsuchung der Gartenlaube in Kinderhaus: Ermittler finden, in einer Zwischendecke versteckt, eine von Adrian V. gelöschte Festplatte.

    Foto: Polizei Münster
  • 29. Mai 2020: Ein 43-Jähriger aus Kassel, dessen zwölfjähriger Neffe zu den Opfern zählt, wird festgenommen. Dadurch ergeben sich Hinweise auf einen Mann in Köln, der das zehnjährige Opfer aus Münster missbraucht haben soll.

  • 30. Mai 2020: Der 41-jährige Verdächtige aus Köln wird festgenommen. Er räumt den Missbrauchsvorwurf nach der Festnahme ein.

  • 2020 - Festnahmen 4. Juni

    4. Juni 2020: Die Daten der Festplatte aus der Gartenlaube können durch Experten des Polizeipräsidiums Münster wiederhergestellt werden. Dabei wird ein Videofilm entdeckt, auf dem sexuelle Handlungen zum Nachteil des Zehnjährigen und eines Fünfjährigen zu sehen sind, die durch Adrian V. und drei weitere Männer begangen wurden. Die Beschuldigten werden festgenommen: ein 30-Jähriger aus Staufenberg bei Gießen, dessen fünfjähriger Sohn zu den Opfern zählt, ein 42-Jähriger aus Schorfheide in Brandenburg und der am 14. Mai bereits aufgefallene 35-Jährige aus Hannover. Auch die Mutter des hauptverdächtigen Adrian V. wird festgenommen. Es werden vier weitere verdächtige Personen festgenommen, die jedoch noch am selben Tag wieder freigelassen werden.

    Foto: Polizei Münster
  • 2020 - Pressekonferenz

    6. Juni 2020: Die Polizei und die Staatsanwaltschaft Münster informieren die Öffentlichkeit in einer großen Pressekonferenz über die bisherigen Ermittlungen zum Kindesmissbrauch in Münster.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 9. Juni 2020: Es gibt Hinweise auf zwei weitere Opfer. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass zwei Väter Anzeige erstattet hätten, dass ihre Söhne von dem im Fall bereits Beschuldigten unsittlich berührt worden seien. Die Anzeigen richteten sich nicht gegen den 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster.

  • 2020-06-14 Abriss Gartenlaube

    14. Juni 2020:  Die Ermittler suchen nach weiteren Beweisen - und nehmen dafür die Gartenlaube in Münster-Kinderhaus als Tatort komplett auseinander .

    Foto: Oliver Werner
  • 2020 - Zahl der Tatverdächtigen steigt

    17. Juni 2020: Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul berichtet im Innenausschuss des Landtags, dass weitere Opfer und auch weitere Tatverdächtige identifiziert wurden. Die Zahl der Tatverdächtigen steigt damit um sieben auf insgesamt 18 an. Die Zahl der Opfer hat sich laut Reul auf sechs erhöht.

    Foto: dpa
  • 2020-06-30 Durchsuchungen

    30. Juni 2020: In einer konzertierten Aktion führt die Polizei mit 180 Beamten Durchsuchungen in vier Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Schleswig-Holstein) durch. Im Anschluss werden vier Männer verhaftet, denen vorgeworfen wird, den zehnjährigen Jungen aus Münster schwer sexuell missbraucht zu haben: ein 52-Jähriger aus Norderstedt (Schleswig-Holstein), ein 26-jähriger Mann aus Aachen und zwei 29  und 49 Jahre alte Männer aus Hannover.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Festnahme Anfang August

    6. August 2020: Die Polizei identifiziert einen weiteren Tatverdächtigen. Ein 62-jähriger Franzose wird im Saarland festgenommen. Insgesamt gibt es in dem Komplex nun 22 Verdächtige, von denen elf in Haft sind.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Festnahmen Ende August

    28. August 2020: Die Polizei verhaftet zwei weitere Tatverdächtige. Ein 22-jähriger Mann aus Erfurt wird in Kassel festgenommen. In Dresden nehmen Fahnder einen 55-Jährigen aus Pirna fest. Beiden Männern werden sexueller Missbrauch eines Kindes und der Besitz kinderpornografischer Schriften vorgeworfen. 

    Foto: dpa
  • Anklage stützt sich auf Filmmaterial

    4. September 2020: Der Hauptbeschuldigte, Adrian V., soll gemeinsam mit seiner Mutter sowie drei weiteren Tatverdächtigen noch in diesem Jahr vor Gericht stehen. Die Staatsanwaltschaft Münster hat gegen die fünf Angeschuldigten  Anklage bei der Jugendschutzkammer des Landgerichts Münster erhoben . Ihnen drohen langjährige Haftstrafen. 

    Die Anklageschrift, die Tatvorwürfe aus den Jahren 2018 bis 2020 umfasst, stützt sich vor allem auf April 2020.  Adrian V. und die drei weiteren Männer aus Staufenberg (Hessen), Hannover und Schorfheide (Brandenburg) sollen damals den Jungen der Lebensgefährtin und den fünfjährigen Sohn des Angeschuldigten aus Staufenberg mit K.o.-Tropfen wehrlos gemacht, mehrfach sexuell missbraucht und die Taten gefilmt haben. Der Mutter von Adrian V. wird Beihilfe vorgeworfen. Sie soll ihre Gartenlaube in Kinderhaus in dem Wissen um die Taten zur Verfügung gestellt haben.

    Foto: dpa

Der Zehnjährige ist der Sohn der Lebensgefährtin des 27-jährigen Hauptbeschuldigten aus Münster, gegen die die Polizei ebenfalls ermittelt. Der Fünfjährige ist der Sohn eines Mannes aus Staufenberg, der ebenfalls in Haft ist. Zwei weitere Beschuldigte stehen im Verdacht, zumindest an einem der Kinder schwere sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Auch ein zwölfjähriger Junge, der Neffe des Beschuldigten aus Kassel, soll mindestens von seinem Onkel missbraucht worden sein. Die Kinder sind nach Angaben der Polizei inzwischen in der Obhut der städtischen Jugendämter.

Das Opfer der meisten Missbrauchshandlungen ist nach Erkenntnissen der Ermittler der Zehnjährige aus Münster, an dem sich vor allem der 27-jährige Lebensgefährte der Mutter, aber auch vier andere Beschuldigte vergangen haben sollen.
Im Zusammenhang mit den Festnahmen, die Mitte Mai mit der Verhaftung des 27-Jährigen in seinem Auto in der Innenstadt von Münster begannen, durchsuchten die Ermittler über ein Dutzend Objekte und stellten umfangreiches Beweismaterial, insbesondere elektronische Speichermedien, sicher.


Hauptbeschuldigter ist zweimal vorbestraft

27 Jahre, aus Münster-Kinderhaus, Computerexperte, IT-Techniker auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld, in einer Beziehung mit einer Frau, deren zehnjähriger Sohn laut Polizei und Staatsanwaltschaft das Opfer der meisten Missbrauchshandlungen gewesen sein soll: Der Hauptbeschuldigte im Missbrauchsfall von Münster ist für die Justiz kein Unbekannter. „Der 27-jährige Münsteraner ist vorbestraft, nicht aber wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern“, sagt Staatsanwalt Martin Botzenhardt.

Das Jugendschöffengericht Münster verurteilte den heute 27-jährigen Beschuldigten im Jahr 2016 wegen des öffentlichen Zugänglichmachens und des Besitzes kinderpornografischer Schriften zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Damals war ihm aufgegeben worden, eine Therapie für die offensichtlich bestehenden pädophilen Neigungen fortzusetzen.

„Dieser Auflage kam er nach. Der Bewährungshelfer hatte dem Beschuldigten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit attestiert“, sagt Chefermittler Joachim Poll. Das Schöffengericht verurteilte den Mann ein Jahr später, 2017, ein zweites Mal wegen öffentlichen Zugänglichmachens kinderpornografischer Schriften zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, deren Vollstreckung erneut auf Bewährung ausgesetzt wurde. Die dieser Verurteilung zugrundeliegenden Taten hatte der 27-Jährige nicht während der ersten Bewährungszeit begangen, sondern vor der ersten Verurteilung. Wieder sollte er sich in Therapie begeben, wieder kam er der Auflage nach. Nun droht ihm eine Haftstrafe von über zehn Jahren.


Eine IP-Adresse führte zu den Taten

Wie sind die Fahnder auf die Spur des 27-jährigen Münsteraners gekommen? Ausgangspunkt war ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt aus dem Jahr 2018. Eine unbekannte Person hatte damals über das Internet Dateien mit kinderpornografischem Inhalt angeboten.

Die Fahnder konnten im April 2019 über viele Umwege eine IP-Adresse ermitteln, die Spur führte schließlich zu einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld. Der Beschuldigte war dort als IT-Techniker für die Steuerung der Biogasanlage tätig. Bei der Wohnungsdurchsuchung in Münster stellte die Polizei umfangreiche Mengen an Datenträgern sicher, die alle mit einer professionellen Verschlüsselungstechnik gesichert sind.

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Die Ermittler haben bei den Durchsuchungen einen ganzen Serverraum gefunden. Foto: Polizei Münster

Mehr als 500 Terabyte

Im Kellerraum entdeckten die Beamten einen komplett eingerichteten und klimatisierten Serverraum mit mehreren hundert IT-Asservaten und einem Speichervolumen von mehr als 500 Terabyte. „Die gesamte Infrastruktur ist professionell passwortgeschützt“, sagt der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll.

Mitte Mai gelang es nach zahlreichen Entschlüsselungsversuchen, einen der Laptops zu dechiffrieren. Auf der Festplatte fanden sich zahlreiche Dateien, in denen zu sehen ist, wie der zehnjährige Junge im häuslichen Umfeld des Beschuldigten missbraucht wird. Zwei Tage später wurde der Mann festgenommen. Der Junge kam in die Obhut des Jugendamtes der Stadt Münster.


Hinweis: Wer selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden ist oder jemanden kennt, der Hilfe braucht, kann sich an das Hilfetelefon sexueller Missbrauch wenden: 0800 22 555 30 (kostenlos und anonym). Dabei handelt es sich um eine Anlaufstelle für Menschen, die Entlastung, Beratung und Unterstützung suchen, die sich um ein Kind sorgen, die einen Verdacht oder ein „komisches Gefühl“ haben, die unsicher sind und Fragen zum Thema stellen möchten. 

Du bist ein Kind und dich bedrückt etwas? Wenn du niemanden findest, der oder die dir helfen könnte, oder wenn es dir lieber ist, mit einer Person zu sprechen, die du nicht so gut kennst: Dann rufe an bei der „Nummer gegen Kummer“ : 116111 (kostenlos und anonym). Wenn du lieber schreibst als redest: Per Mail oder Chat findest du dort jemanden, der sich um deine Probleme kümmert.

In Münster bietet zudem die Beratungsstelle Zartbitter (0251-4140555) Hilfe für Jugendliche ab 14 Jahren an. Zudem werden dort Angehörige und Bezugspersonen von Betroffenen sowie Fachkräfte beraten. Jüngere Kinder können beim Kinderschutzbund anrufen (0251-47180).

Doch auch jeder andere kann etwas tun! Mit der Kampagne „Missbrauch verhindern!“ stärkt die Polizei Erwachsene, damit sie Kinder schützen können. In fünf Schritten - Wissen, Offenheit, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Handeln - bekommt man das Rüstzeug, um Anzeichen für Missbrauch zu erkennen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

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