Nagelstudio-Prozess
Dem Millionenbetrug auf der Spur

Münster -

Der Mammutprozess ist eröffnet: Am Landgericht Münster hat am Freitag das Verfahren gegen sechs Angeklagte begonnen, die vietnamesische Staatsangehörige illegal beschäftigt und Sozialversicherungsbeiträge in Millionenhöhe unterschlagen haben sollen. Allein das Verlesen der Anklageschrift dauerte zwei Stunden.

Freitag, 19.06.2020, 15:30 Uhr aktualisiert: 19.06.2020, 16:19 Uhr
Sechs Angeklagte und zwölf Verteidiger nahmen am Freitag vor der Großen Strafkammer am Landgericht Münster im Sitzungssaal Platz – zum Infektionsschutz getrennt voneinander durch Plexiglasscheiben.
Sechs Angeklagte und zwölf Verteidiger nahmen am Freitag vor der Großen Strafkammer am Landgericht Münster im Sitzungssaal Platz – zum Infektionsschutz getrennt voneinander durch Plexiglasscheiben. Foto: Pjer Biederstädt

Sechs Angeklagte, zwölf Verteidiger, drei Richter, drei Dolmetscherinnen sowie mehrere Rollwagen voller Aktenordner und eine zweistündige Verlesung der Anklageschrift durch die beiden Staatsanwältinnen: Es ist ein wahrer Mammutprozess, der am Freitagmorgen vor dem Landgericht Münster begonnen hat.

In dem Verfahren gegen sechs vietnamesischstämmige Angeklagte – zwei Frauen und vier Männer – geht es um den Vorwurf der illegalen Beschäftigung von Vietnamesen in insgesamt 17 Nagelstudios in Münster, dem Münsterland und Umgebung sowie des Sozialversicherungsbetrugs in Höhe von insgesamt 1,79 Millionen Euro. Außerdem sollen zwei der drei Hauptverantwortlichen, ein Brüderpaar aus Münster (47) und Ibbenbüren (54), Steuern in Höhe von insgesamt rund 1,5 Millionen Euro hinterzogen haben. Zusammen mit ihrer 37-jährigen Nichte aus Dülmen sollen sie das weit verzweigte Firmengeflecht geführt haben.

„Konkurrenzlos günstige Preise“

Ihr Geschäftsmodell: In den Studios sollen illegal eingeschleuste Vietnamesen meist ohne Aufenthaltserlaubnis zehn Stunden pro Tag und an sechs Tagen in der Woche unter Videoüberwachung gearbeitet haben. Lohn gab es, spärliche Unterkünfte auch, aber Sozial- und Krankenversicherungsschutz nicht. So konnten die Drahtzieher in den Studios „konkurrenzlos günstige Preise anbieten“, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Knapp vier Jahre lang hatten 400 Beamte des Zolls, der Polizei und ein Steuerfahnder in dem Fall ermittelt, ehe die Angeklagten im November 2019 bei einer Razzia in Münster und weiteren Städten festgenommen wurden. Das Ergebnis der Arbeit trugen am Freitag die Staatsanwältinnen vor: ein 120-minütiges Wortgebirge aus Daten, Zahlen und vietnamesischen Namen. Die Angeklagten ließen die Verlesung der Anklageschrift – viel mehr geschah am ersten von 29 anberaumten Verhandlungstagen nicht – meist stoisch über sich ergehen.

Drei Angeklagte wollen sich äußern

Nur die 31 Jahre alte Vietnamesin, die unter anderem ihre Konten für die Bezahlung laufender Mietkosten und ihre Ausweispapiere zur Anmietung von Lokalen oder Unterkünften bereitgestellt und die Gewinne ins Ausland geschafft haben soll, wischte sich Tränen aus dem Gesicht – wohl ahnend, dass allen sechs Angeklagten Haftstrafen drohen.

Fortgesetzt wird der Prozess vor dem Landgericht am 1. Juli. Drei Angeklagte kündigten an, dann zu den Vorwürfen Stellung nehmen zu wollen.

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