Landwirtschaftsverband und Arbeitsagentur
Gemeinsam die Saison gerettet

Münster -

Als aufgrund der Corona-Pandemie kaum Saisonkräfte einreisen konnten, waren die hiesigen Landwirte besorgt. Mit der Welle der Hilfsbereitschaft aus dem eigenen Land hatten sie nicht gerechnet. Kurzarbeiter und Studierende haben den Betrieben geholfen – und könnten das auch in Zukunft.

Freitag, 26.06.2020, 18:00 Uhr
Studierende wie Clara Hölken (v.) haben auf den Höfen von Burkhard und Heike Lütke-Laxen (v.l.) und Stephan Bäcker (2.v.r.) bei der Ernte geholfen. Die Hilfe organisiert haben Marion von Chamier (3.v.l.), Joachim Fahnemann
Studierende wie Clara Hölken (v.) haben auf den Höfen von Burkhard und Heike Lütke-Laxen (v.l.) und Stephan Bäcker (2.v.r.) bei der Ernte geholfen. Die Hilfe organisiert haben Marion von Chamier (3.v.l.), Joachim Fahnemann Foto: Oliver Werner

„Am Anfang war die Lage so problematisch wie noch nie“, sagt Burkhard Lütke-Laxen vom gleichnamigen Spargelhof. Ausländische Erntehelfer konnten oder wollten zum Teil nicht einreisen. Doch die Hilfsbereitschaft war groß: Viele Studierende und Kurzarbeiter haben mitangepackt, damit die Erdbeeren und Spargel vom Feld kommen. Möglich gemacht hatte das eine Vermittlung der Agentur für Arbeit in Zusammenarbeit mit dem Westfälisch-Lippischen Arbeitgeberverband (WLAV).

„Wir waren die ersten, die so etwas in Deutschland angeboten haben“, sagt Joachim Fahnemann , Leiter der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster. Der Austausch mit dem Arbeitgeberverband sei sehr unkompliziert gewesen, sodass schnell Kräfte vermittelt werden konnten.

Mehr als 80 Arbeitskräfte vermittelt

„Es war sofort klar, dass das nur sinnvoll ist, wenn wir vorsondieren“, so WLAV-Geschäftsführerin Marion von Chamier. Denn die Bewerber mussten vor allem mit Blick auf die körperliche Belastung für den Job geeignet sein. Mehr als 80 Arbeitskräfte konnten in den vergangenen drei Monaten an die landwirtschaftlichen Betriebe der Region vermittelt werden, sagt Fahnemann. „So konnten wir viele Betriebe unterstützen und vielen Menschen, die nicht ausgelastet waren, eine Perspektive geben.“

Spargelstechen will gelernt sein – deshalb, und weil die Arbeit auf dem Feld natürlich körperlich besonders anspruchsvoll ist, arbeiten die zehn deutschen Saisonhelfer bei der Familie Lütke-Laxen in anderen Bereichen. „Hauptsächlich sind sie in der Verpackung und Sortierung beschäftigt“, sagt Burkhard Lütke-Laxen. Doch auch die dortige Tätigkeit hat es in sich, wie Clara Hölken berichtet. Die 22-jährige Studentin arbeitet seit Ende April auf dem Spargelhof Lütke-Laxen. Sie habe schnell eine Vorarbeiter-Funktion übernommen, berichtet Produktionsleiter David Averbeck.

Kommentar: Schön, wenn manches bleibt

Wenn die Corona-Krise etwas Gutes hat, dann, dass sie die gesellschaftliche Solidarität gestärkt hat. Von der Einkaufshilfe in der Nachbarschaft, bis hin zum Maskennähen in der Freizeit wird gegenseitige Rücksichtnahme im Alltag praktiziert. Der Zusammenhalt auf Abstand hat bislang allen durch die Krise geholfen. Ganz besonders hat sich diese Bereitschaft, einander zu helfen, in den vergangenen Wochen bei den landwirtschaftlichen Betrieben in der Region gezeigt: Um die 350 Anrufe hatte die Agentur für Arbeit, heißt es. Anrufe von Menschen, die bei der Ernte helfen wollten.

Natürlich konnten nicht alle in der Landwirtschaft arbeiten. Natürlich war bei einigen die eigene finanzielle Sorge groß. Auch mag es Furcht gegeben haben, selbst auf Spargel und Erdbeeren verzichten zu müssen. Aber es gehört schon etwas dazu, sich dann im wahrsten Sinne die Hände schmutzig zu machen. Auch, wenn der zusätzliche Aufwand für die Landwirte groß war – angesichts der Tatsache, dass die deutschen Helfer zunächst eingearbeitet werden mussten und die ausländischen Kräfte routinierter und schneller sind.

Es ist ein starkes Signal, das von diesem Einsatz für die Ernte ausgeht. Der Respekt vor der landwirtschaftlichen Arbeit und denen, die sie tagtäglich ausführen, dürfte in den vergangenen Wochen gewachsen sein. Und das ist gut so. Auch, wenn die meisten deutschen Erntehelfer jetzt wieder in ihre alten Jobs oder an ihre Hochschulen zurückkehren und sich das gesellschaftliche Leben langsam wieder normalisiert, bleibt der Wunsch, dass einige der Corona-Erfahrungen nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Dass wir aus den vergangenen Wochen lernen, die Landwirte, ihre Arbeit und schließlich unsere regionalen Lebensmittel mit anderen Augen zu sehen.

Corona hat in erster Linie Einschränkungen mit sich gebracht. Aber für sehr viele Menschen, die erstaunlich viel Hilfsbereitschaft gezeigt haben, hat die Krise auch eine Chance geboten, den eigenen Horizont zu erweitern. Und wenn sich aus dieser Erfahrung langfristig neue Arbeitsvermittlungswege entwickeln, umso besser. (Von Renée Trippler)

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Ich hoffe und glaube, dass wir da in Zukunft mehr draus machen können.

Marion von Chamier

Hölken hat anderen Helfern etwas voraus: „Ich komme selbst aus der Landwirtschaft, meine Familie betreibt Ackerbau.“ Zwar Gemüse, keine Sonderkulturen (wie Erdbeeren und Spargel), dennoch kennt die 22-Jährige die Arbeit auf dem Hof. Das Schwierige an der Sortierung ist „einen Blick dafür zu bekommen, was gut ist und was nicht“, sagt Hölken. „Man kommt aber schnell rein, wenn man das regelmäßig macht.“ Die Arbeitszeiten habe man extra flexibel gestaltet, sagt Averbeck, sodass Studierende beispielsweise spontan auf Uni-Veranstaltungen reagieren konnten.

Aufgrund der positiven Bilanz kann sich Fahnemann gut vorstellen, die Vermittlung deutscher Saisonkräfte zu verstetigen, wie er sagt. „Ich hoffe und glaube, dass wir da in Zukunft mehr draus machen können“, so Marion von Chamier.

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