Freiwillige berichten aus Uganda
Dem Coronavirus folgt der Hunger

Münster -

Kein Geld für einen Corona-Test oder eine Behandlung in der Krankenstation: Die Lage im Dorf Obiya Palaro in Uganda verschärft sich zusehends. Freiwillige aus Münster versuchen jetzt, aus der Ferne zu helfen.

Mittwoch, 15.07.2020, 10:00 Uhr
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Cyprian Odongo (v.l.), Ida Rose, Johann Osewold und Kevin Amito vor der mit Hilfe der WN-Spendenaktion in Obiya Palaro erbauten Krankenstation. Inzwischen hat das Coronavirus das Leben im Norden Ugandas lahmgelegt.
Ein Bild aus glücklichen Tagen: Cyprian Odongo (v.l.), Ida Rose, Johann Osewold und Kevin Amito vor der mit Hilfe der WN-Spendenaktion in Obiya Palaro erbauten Krankenstation. Inzwischen hat das Coronavirus das Leben im Norden Ugandas lahmgelegt. Foto: Uganda Hilfe St. Mauritz

Wie viele Corona-Infizierte gibt es wohl in Obiya Palaro, der ugandischen Partnergemeinde von St. Mauritz in Münster? Ida Rose und Johann Osewold können eigentlich nur lachen, wenn sie diese Frage hören. Es ist ein gequältes Lachen.

Denn die Fragen in Obiya Palaro sind ganz andere: Wer kann sich einen Coronatest leisten? Und wenn ja, wie kommt das Teströhren zum Testlabor, das sich in der 350 Kilometer entfernten Hauptstadt Kampala befindet? Erfährt man im abgelegenen Norden Ugandas überhaupt vom Test-Ergebnis?

Unwissenheit verstärkt die Angst

Kurz und gut: Corona ist in Obiya Palaro ein Phänomen. Jeder weiß, dass es Corona gibt. Lkw-Fahrer, die zwischen Kenia, Uganda und dem Südsudan pendeln, haben längst Corona nach Gulu, der benachbarten Großstadt von Obiya Palaro gebracht. Doch niemand weiß Genaues. „Viele Gerüchte machen die Runde“, berichtet Ida Rose. Unwissenheit verstärke die ohnehin vorhandene, ganz massive Angst, die Corona ausgelöst habe.

Acht Monate lang, von August 2019 bis April 2020, haben Ida und Johann, die im vergangenen Jahr ihr Abitur erwarben, als Freiwillige des Bistums Münster in Obiya Palaro gearbeitet. Dann wurden sie – corona-bedingt und vier Monate früher als geplant – ausgeflogen und nach Deutschland zurückgeholt. „Wir mussten weg, als es brenzlig wurde“, hat Johann noch immer einen Kloß im Hals, wenn er über das Ende seiner Zeit in Uganda berichtet. „Hier in Münster wird mir bewusst, was ich noch alles hätte machen können.“

Es droht der Hunger

Das Unbehagen ist um so größer, als die beiden Freiwilligen per Internet im engen Kontakt mir ihren Freunden im Norden Ugandas stehen und aus erster Hand erfahren, wie sich das Leben in der Partnergemeinde Woche für Woche verschlechtert. Schule und Kindergarten sind geschlossen, die damit verbundenen Einnahmen für die Kirchengemeinde fallen weg. Die Flüchtlingskinder aus dem Südsudan, die in Obiya Palaro eine neue Bleiben gefunden hatten, mussten in das Flüchtlingslager Palabek zurückgeschickt werden.

Überdies droht vielen Familien der nackte Hunger, weil die meisten der ohnehin sehr begrenzten Verdienstmöglichkeiten weggefallen sind. Die Tagelöhner haben keine Arbeit, weil keine Lkw unterwegs sind, die sie zu den Baustellen bringen. Die Kontaktsperre verbietet es, dass die zweirädrigen Boda Bodas, sozusagen das Taxi des kleinen Mannes in Afrika, unterwegs sind. Die wichtigste Stütze der Mobilität ist damit weggefallen.

Kein Geld für Behandlungen

Auch in der Krankenstation des Dorfes, errichtet mit Hilfe unserer Spendenaktion, lichten sich die Reihen, haben Ida und Johann erfahren. Die Patienten wissen nicht, wie sie dort hinkommen sollen. Sie wissen auch nicht, wie sie die Behandlung bezahlen sollen.

Und während die Corona-Pandemie in Obiya Palaro selbst banalste Dinge unterbindet, „profitierten“ die beiden Münsteraner von der Leistungskraft eines Staates, der im Frühjahr mehrere 100 000 Menschen aus allen Teilen der Welt zurück nach Deutschland holte. „Da wurde mir bewusst, welche Privilegien wir genießen“, spricht Ida ganz offen und räumt ein, dass sie wochenlang deswegen Schuldgefühle gehabt habe.

Münsteraner sammeln Spenden für Obiya Palaro

Aktuell ziehen die beiden Münsteraner durch die Stadt, um Spenden aufzutreiben für ihre Gastgeber in Obiya Palaro, Pfarrer Cyprian Odongo und die Sozialarbeiterin Kevin Amito. Sie versuchen, in der ugandischen Partnergemeinde das zusammenzuhalten, was noch zu halten ist. Bis hin zu dem Umstand, das Pfarrer Cyprian immer häufiger nachts als Krankenwagenfahrer unterwegs ist, weil er als Einziger weit und breit über ein Auto verfügt.

Trotz oder gerade wegen des abrupten Endes wollen Ida Rose und Johann Osewold auf jeden Fall noch einmal zurück in den Norden Ugandas. Sie mussten in dem Moment gehen, als sie anfingen, Acholi zu sprechen, die Sprache der Einheimischen. „Wer Acholi kann, wird nicht mehr als Tourist wahrgenommen“, beschreibt Johann den Unterschied. Und dieser Unterschied war ihm wichtig.

Wer der Gemeinde St. Mauritz in Obiya Palaro, der Partnergemeinde der Mauritz-Gemeinde in Münster, helfen möchte , findet weitere Informationen und die Kontoverbindung auf der Homepage.

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