Autofreie Altstadt
Viel Kritik für die Pläne der Grünen

Münster -

Die Grünen wollen eine autofreie Altstadt zu einem zentralen Wahlkampfthema machen. Am Tag nach der Bekanntgabe ihrer Visionen melden sich Handel und Politik zu Wort - vor allem mit Kritik.

Donnerstag, 30.07.2020, 19:00 Uhr
Vor den Innenstadt-Parkhäusern bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Die Grünen wollen die Altstadt vom Autoverkehr befreien – und Parkhäuser zu Quartiersgaragen machen.
Vor den Innenstadt-Parkhäusern bilden sich regelmäßig lange Schlangen. Die Grünen wollen die Altstadt vom Autoverkehr befreien – und Parkhäuser zu Quartiersgaragen machen. Foto: Matthias Ahlke

Bis 2025 soll die Altstadt autofrei werden – so zumindest wollen es die Grünen. Parkhäuser sollen zu Quartiersgaragen werden, Parkplätze auf Straßen verschwinden, nur noch Anlieger in die City fahren dürfen. Reaktionen aus Politik und Handel ließen am Tag nach der Bekanntgabe des zentralen Wahlkampfthemas der Grünen nicht lange auf sich warten.

„Wie beim Wohnen so beim Verkehr: Die Grünen machen dicht“, so SPD-Oberbürgermeisterkandidat Dr. Michael Jung . „Wenn das so umgesetzt würde, dann gute Nacht im Südviertel, Kreuz- und Erphoviertel und überall rings um die Altstadt.“ Dichtmachen ohne jede Alternative würde den Verkehrskollaps für alle angrenzenden Wohnviertel bedeuten.

Jung fordert funktionierende Lösungen

Auch wenn die Grünen jetzt mit dem Fahrradstraßendesaster nichts mehr zu tun haben wollten, sei es wieder derselbe Plan: „Erstmal zumachen, bei den Folgen verweist man dann auf die Verwaltung“, so Jung. „Wer eine Verkehrswende will, muss auch funktionierende Lösungen entwickeln, wie die Leute die Innenstadt erreichen sollen – und nicht einfach nur zusperren.“

Kritik kommt auch von Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen. „Der Vorschlag verkennt, dass der innerstädtische Einzelhandel in Münster wegen seiner oft noch inhabergeführten und wertigen Struktur auf eine bestmögliche Erreichbarkeit für Kunden und Besucher aus einem weiten Einzugsbereich angewiesen ist. Hierzu gehört auch die Erreichbarkeit mit dem Pkw. Würde der Vorschlag von Bündnis 90/Die Grünen in dieser Form umgesetzt, werden allein im Bereich des Promenadenrings über 4000 Stellplätze entfallen. Dieser Verlust ist innenstadtnah nicht zu kompensieren.“

Debatte

Sollen Autos weitgehend aus der Altstadt verschwinden – oder soll sie weiter für alle Verkehrsteilnehmer erreichbar bleiben? Schreiben Sie uns Ihre Meinung unter Angabe Ihrer Adresse an redaktion.ms@ zeitungsgruppe.ms.

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"Existenzielle Bedrohung"

In Zeiten der Corona-Krise gelte es umso mehr, die Attraktivität der Innenstadt zu sichern. Die IHK unterstütze in enger Abstimmung mit der Initiative starke Innenstadt Münster (ISI) die Diskussion um intelligente Lösungen, mit denen die städtebauliche und Aufenthaltsqualität in der Innenstadt weiter erhöht werden kann.

Hierzu gehöre eine Reduzierung von Parksuchverkehren, von Rückstaus vor Parkhäusern und des Parkens am Straßenrand. „Die grundsätzliche Aussperrung aus dem Innenstadtbereich von mit Pkw anreisenden Kunden und Besuchern könnte zu einer Umorientierung von Kunden- und Besucherströmen und damit zu einer existenziellen Bedrohung des Einzelhandels führen.“

Die Altstadt sollte weiterhin für alle Verkehrsarten erreichbar sein.

CDU-Verkehrsexperte Walter von Göwels

CDU-Verkehrsexperte Walter von Göwels wehrt sich dagegen, einen Teil der Verkehrsteilnehmer „radikal auszugrenzen“: „Die Altstadt sollte weiterhin für alle Verkehrsarten erreichbar sein“, betont er. Wird es außerhalb der Altstadt Ersatzparkraum geben? Werden Besucher in umliegende Quartiere ausweichen? Was werden die privaten Betreiber von Parkhäusern zu den Plänen sagen? Das sind nur einige Fragen, die er hat. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas funktionieren wird“, sagt der CDU-Politiker. Natürlich sei klar, dass das Verkehrsaufkommen in der Altstadt reduziert werden sollte. Dies sei aber nur möglich, wenn man zuvor Alternativen wie die S-Bahn Münsterland umgesetzt habe.

Initiative offen für Veränderungen

„Erst Anreize schaffen – dann regulieren. Und nicht umgekehrt“, kommentiert Tobias Viehoff von der ISI die Grünen-Vorschläge. Die Initiative sei gegenüber Veränderungen „total aufgeschlossen“. Doch diese müssten Schritt für Schritt kommen – und alle Menschen mitnehmen. Ein „großes Fragezeichen“ macht er hinter die grüne Idee, Parkhäuser zu Quartiersgaragen zu machen. „Der Handel lebt zu 50 Prozent von der Region“, so Viehoff mit Blick auf die vielen Menschen, die mit dem Auto nach Münster kommen.

„Erstaunt“ zeigt sich der Oberbürgermeister-Kandidat der Linken, Ulrich Thoden. „Wir begrüßen, dass die Grünen auf einmal doch für eine autofreie Innenstadt sind. Warum sie dann vor einem Monat im Rat nicht dafür gestimmt haben, verstehen wir allerdings nicht.“

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