Evakuierung verläuft weitgehend reibungslos
Erinnerungen an die „Welt von damals“

Münster -

Bis auf wenige Ausnahmen verlief die größte Evakuierung der Nachkriegszeit in Münster ohne Probleme. Allerdings war es auch ein Tag, der scheinbar längst erloschene Erinnerungen wieder auflodern ließ.

Sonntag, 20.09.2020, 18:30 Uhr aktualisiert: 20.09.2020, 19:00 Uhr
Mit Bussen und Sprintern wurden auch Hunderte Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, wie hier bei zwei Einrichtungen der Franziskanerinnen, aus dem Evakuierungsgebiet in Mauritz gebracht.
Mit Bussen und Sprintern wurden auch Hunderte Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, wie hier bei zwei Einrichtungen der Franziskanerinnen, aus dem Evakuierungsgebiet in Mauritz gebracht. Foto: Matthias Ahlke

Gegen 9 Uhr macht sich Annelies Gorschlüter am Sonntagmorgen zu ihrer Freundin Irmgard Wahle auf. Die 91-jährige Gorschlüter ist eine von rund 16.000 Personen, die ihre Wohnung an diesem Tag verlasen müssen, weil wenig später mehrere Verdachtspunkte im Stadtteil Mauritz auf mögliche Blindgänger untersucht werden sollen. „Meine Freundin hat mir direkt angeboten, dass ich zu ihr kommen soll“, erzählt Gorschlüter. Es gibt ein Süppchen und eine Quiche. Und es gibt Gespräche – über Erinnerungen, die längst vergangen schienen.

Gegen 10 Uhr ist es in Mauritz nahezu mucksmäus­chenstill. Die Evakuierungsmaßnahmen sind abgeschlossen. Fast alles habe perfekt funktioniert, berichtet Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer. Lediglich sieben Personen hätten sich geweigert, ihre Wohnung zu verlassen. Letztlich muss die Polizei zur eigenen Sicherheit der Verweigerer nachhelfen.

140 Personen in Notunterkünften

Bei Tausenden verläuft die Evakuierung dagegen reibungslos. Wohl auch, weil gerade in den betroffenen Altenpflegeeinrichtungen und dem Franziskus-Hospital seit Wochen alles generalstabsmäßig geplant wurde. Ludger Prinz, Verwaltungsleiter der Mauritzer Franziskanerinnen, zieht am Morgen ein zufriedenes Fazit. Allerdings gibt es einen Zwischenfall. Eine Mitarbeiterin stürzt und trägt, nach ersten Informationen, einen Bruch des Handgelenks davon. Immerhin geht Prinz’ Hoffnung in Erfüllung, dass die Bewohner von Maria-Trost und des Altenheims für Ordensangehörige St.-Heri­burg-Haus, die die Franziskanerinnen evakuieren müssen, möglichst früh wieder in ihre Unterkünfte zurückkehren können.

Großevakuierung und Bombenentschärfung in Münster-Mauritz

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  • Diese zwei Blindgänger wurden erfolgreich entschärft. Hunderte Einsatzkräfte waren bei der wohl größten Evakuierung der Stadtgeschichte im Einsatz.

    Foto: Helmut Etzkorn
  • Fünf Verdachtspunkte gab es im Vorfeld, drei stellten am Ende keine Gefahr da.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Verdachtspunkte wurden nach der Evakuierung freigelegt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Die Polizei riegelte hier die Straßen ab.

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  • Radfahrer werden von der Polizei über die Großevakuierung aufgeklärt.

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  • Die Feuerwehr durchkämmte mit 180 Teams das Evakuierungsgebiet.

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  • Rund 400 Feuerwehrleute waren am Sonntag in Mauritz im Einsatz.

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  • Foto: Matthias Ahlke

Auch bei den von der Stadt eingerichteten Notunterkünften läuft alles glatt. Platz ist dort für rund 2000 Menschen, doch nur 140 haben am Vormittag das Angebot angenommen. Die meisten sind auch dort von der Hoffnung getrieben, schnell wieder nach Hause zu kommen. Wenngleich Andreas Brinkers betont: „Alle hier sind sehr freundlich und geben sich viel Mühe. Die verdienen wirklich ein Lob“, so Brinkers stellvertretend über einige der insgesamt rund 1000 Helfer, die an diesem Tag im Einsatz sind.

Erinnerungen wieder präsent

Annelies Gorschlüter braucht sich derweil keiner Eile hinzugeben. Ihr sei von vielen Bekannten Hilfe angeboten worden, erzählt sie mit einem Lächeln. Dann wird sie ernster. In den vergangenen Tagen habe sie wieder an früher denken müssen. Als Münster zerbombt wurde, war Gorschlüter eine Teen­agerin, die mit ihrer Familie an der Warendorfer Straße lebte. Alles habe in Trümmern gelegen.

Fliegerbombe erfolgreich entschärft: Das war der Tag

Mit ihrer Familie wurde sie zunächst nach Warendorf evakuiert, schließlich nach Freckenhorst. „Dort ging es uns gut“, erinnert sich Annelies Gorschlüter. Dort lernte sie auch ihre Freundin Irmgard Wahle kennen. Doch die Bilder von damals, sie sind plötzlich wieder präsent. „Jahrelang habe ich nicht mehr an die Welt von damals gedacht“, sagt die ehemalige Lehrerin der Fürstenbergschule, die heute die Mathilde-Anneke-Gesamtschule ist.

„Die Welt von damals“, die Trümmer und das Sitzen in Kellern und Bunkern: Für einen Moment scheint es so, als hallen die Worte im Wohnzimmer von Irmgard Wahle nach. „Es war schrecklich“, sagt Gorschlüter.

Dann geht es wieder ums Essen: „Irmgard macht sich viel zu viel Mühe“, winkt Annelies Gorschlüter ab – und ihr Lächeln ist wieder da.

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