Interview mit FH-Professor
"Als Massenprodukt sind E-Fahrräder kritisch zu sehen"

Immer mehr Menschen in Deutschland setzen auf elektrische Unterstützung beim Radfahren – fast jedes vierte Rad, das 2019 verkauft wurde, war ein Elektrofahrrad. Die Corona-Pandemie sorgte für einen zusätzlichen Nachfrageboom, insbesondere bei den Pedelecs. Warum die Umwelt von diesem Trend nicht profitiert, erklärt Prof. Dr. Reinhart Job, Leiter des Labors für Energiespeichertechnologie. 

Dienstag, 22.09.2020, 12:37 Uhr aktualisiert: 22.09.2020, 12:44 Uhr
Interview mit FH-Professor: "Als Massenprodukt sind E-Fahrräder kritisch zu sehen"
E-Fahrräder sind mittlerweile allgegenwärtig, auch auf dem Campus Steinfurt gibt es eine Ladestation. Prof. Dr. Reinhart Job sieht das Elektrofahrrad als Massenprodukt kritisch – und fährt deshalb lieber ein normales Rad. Foto: Jana Schiller/FH Münster

Prof. Job , Radfahren assoziieren viele mit Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. Gilt das auch für E-Fahrräder?

Nachhaltigkeit ist im Kontext von E-Fahrrädern ein vielschichtiges Thema, das man von unterschiedlichen Seiten betrachten muss. Die Herstellung der Lithium-Ionen-Akkus ist alles andere als ökologisch oder nachhaltig. Als Massenprodukt sind E-Fahrräder daher kritisch zu sehen. Wir müssen uns fragen, ob wir zu viele Batterien für den E-Fahrrad-Trend einsetzen, die wir besser für notwendigere Zwecke nutzen könnten.

Was ist problematisch an der Herstellung der Akkus?

Zur Produktion werden vor allem Lithium und Kobalt benötigt. Die Abbaubedingungen dieser Rohstoffe sind stark umstritten. Lithium kommt vor allem in Südamerika vor. Der Ausgangsstoff Lithiumkarbonat wird durch Verdunstung aus der Sole von Salzseen gewonnen. Der Wasserverbrauch dabei ist enorm und führt in den ohnehin trockenen Gegenden Bolivien, Chiles und Nordargentiniens zu Grundwasserabsenkungen. Es kommt zu einer drastischen Verschlimmerung der Wasserversorgung und Dürren in einer ohnehin schon sehr trockenen Region. Das ist ein Desaster für die Menschen, die dort leben – insbesondere, weil der überwiegende Teil der Wertschöpfung nicht in den Ländern vor Ort bleibt. Die wichtigsten Kobalt-Reserven liegen in der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika. Bergleute, darunter auch viele Kinder, arbeiten unter höchster Lebensgefahr in den Minen. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass wir ressourcenintensive Produkte kaufen, während die Bevölkerung und die Umwelt in den Abbauländern darunter leiden. Wenn wir nachhaltig leben wollen, müssen wir global denken.

Gibt es Alternativen zu Lithium-Ionen-Batterien als Akkus?

Im Moment gibt es keine vergleichbare Lösung für den Massenmarkt. Andere Konzepte sind einfach nicht so leistungsfähig. Zink-Luft-Akkus brauchen zum Beispiel aufgrund der geringen Energiedichte mehr Platz und sind schwerer. Für stationäre Systeme wie Solar- oder Windkraftanlagen ist das kein Problem. Doch für die portable Elektronik oder die Elektromobilität sind kleine, leichte, leistungsstarke Batterien notwendig. Ich rechne ehrlich gesagt nicht mit großartigen Verbesserungen – das Periodensystem der Elemente ist längst bekannt und bietet nur eine begrenzte Anzahl geeigneter Elemente für die Herstellung von Batterien.

Können die Akkus recycelt werden?

Es wird stark daran geforscht, aber die Wiederaufbereitung ist sehr energieaufwendig. Die Materialien, die bei der Reaktion in den Batterien entstanden sind, müssen wieder getrennt werden. Das ist zum Teil mit immensen Verlusten und Kosten verbunden.

Wann lohnt sich aus ökologischer Sicht die Anschaffung und Nutzung eines Elektrofahrrads?

Ein E-Fahrrad ist für ältere und körperlich eingeschränkte Personen sicherlich eine gute Möglichkeit, um ihren Bewegungsradius zu erweitern. Auch Lastenräder mit elektrischer Unterstützung können sehr sinnvoll sein, um das Auto beim Einkauf zu ersetzen oder um Lieferketten in Städten zu entlasten. Wer etwas für seine Gesundheit und die Umwelt tun möchte, sollte lieber auf ein normales Rad steigen, anstatt sich ein E-Fahrrad zu kaufen, weil Freunde und Nachbarn auch schon eins haben. Ich denke nicht, dass Elektroräder allein langfristig die Lösung für unseren dringend erforderlichen Mobilitätswandel sind. Dafür brauchen wir deutlich umfassendere und globale Konzepte.

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