Corona-Krise
Der neue Hype heißt Handarbeit

Münster -

Die Pandemie schlägt aufs Gemüt. Ein Ventil scheint gefunden, wie der Run auf Kreativmärkte und Handarbeitsläden zeigt. Hier die wichtigsten Trends und sogar Expansionsanstrengungen in der Krise.

Freitag, 06.11.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 10:02 Uhr
Makramee, eine Knüpftechnik, die bereits in den 80er-Jahren beliebt war, ist einer der neuen Handarbeitstrends in der Corona-Krise. Eine Mitarbeiterin in der neuen Filiale des Kreativ-Markts am Alten Steinweg demonstriert es.
Makramee, eine Knüpftechnik, die bereits in den 80er-Jahren beliebt war, ist einer der neuen Handarbeitstrends in der Corona-Krise. Eine Mitarbeiterin in der neuen Filiale des Kreativ-Markts am Alten Steinweg demonstriert es. Foto: Oliver Werner

Während Branchen wie die Gastronomie, Kultur- und Sporteinrichtungen unter der Corona-Krise leiden, herrscht in einer anderen Branche Hochkonjunktur: Handarbeitsläden und Anbieter von Kreativ- und Künstlerbedarf können sich über eine riesige Nachfrage freuen, wie eine kleine Umfrage unserer Zeitung bestätigt. Eine Strategie gegen negative Gefühle ist offensichtlich kreative Handarbeit.

„Basteleien tun der Seele gut, und man kann darüber auch positive Botschaften transportieren“, bringt es Sabine Peddinghaus , Inhaberin des Kreativ-Markts, der seit 23 Jahren im Salzhof neben dem Stadtmuseum seinen Sitz hat, auf den Punkt. Vor wenigen Tagen hat die Unternehmerin mit ihrem Geschäftspartner einen weiteren Standort am Alten Steinweg eröffnet.

Kreativ-Markt eröffnet zweiten Standort

„Eine unternehmerische Entscheidung trotz Corona-Krise“, so Peddinghaus, die aber schon länger geplant gewesen sei. Denn die räumliche Situation im Salzhof habe sich spürbar verschlechtert, seitdem das Shop-in-Shop-System sukzessive aufgegeben worden sei. Und da zum Ende dieses Jahres der Eisdielen-Besitzer schließe, könne man im hinteren Bereich immer schlechter von Laufkundschaft profitieren. Geplant sei deshalb, das Geschäft im Salzhof mit dem Ende des Mietvertrags 2022 dort auslaufen zu lassen.

Neue Einschränkungen ab dem 2. November

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  • Bund und Länder wollen angesichts dramatisch steigender Corona-Infektionszahlen den gemeinsamen Aufenthalt in der Öffentlichkeit nur noch Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes mit maximal zehn Personen gestatten. Dies gelte verbindlich, Verstöße gegen diese Kontaktbeschränkungen würden von den Ordnungsbehörden sanktioniert, beschloss Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch (28. Oktober) in einer Video-Konferenz. Gruppen feiernder Menschen auf öffentlichen Plätzen, in Wohnungen sowie privaten Einrichtungen seien angesichts der ernsten Lage inakzeptabel.

    Foto: Paul Zinken
  • Schulen und Kindergärten sollen trotz der stark steigenden Corona-Zahlen auch im November verlässlich geöffnet bleiben. Die Länder sollten aber weitere Schutzmaßnahmen einführen. Auch Gottesdienste sollen nach den Worten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weiterhin erlaubt sein. Allerdings müssten die Hygienekonzepte unbedingt eingehalten werden.

    Foto: dpa
  • Trotz drastisch steigender Corona-Infektionszahlen sollen Groß- und Einzelhandel im November offen bleiben. In einer Videokonferenz einigten sich die Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch (28. Oktober) aber darauf, dass sich in den Geschäften nicht mehr als ein Kunde pro zehn Quadratmeter aufhalten darf. In der Beschlussvorlage des Bundes war ursprünglich von 25 Quadratmetern die Rede gewesen.

    Foto: Kira Hofmann
  • Bund und Länder wollen wegen der Corona-Krise auch Veranstaltungen, die der Unterhaltung und der Freizeit dienen, im November deutschlandweit weitgehend untersagen. So sollen Theater, Opern oder Konzerthäuser vom 2. November an bis Ende des Monats schließen. Dies solle auch für Messen, Kinos, Freizeitparks, Spielhallen, Spielbanken und Wettannahmeeinrichtungen gelten. Auch Bordelle und andere Prostitutionsstätten sollen geschlossen werden.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Freizeit- und Amateursportbetriebe auf und in allen öffentlichen und privaten Sportanlagen sollen ebenfalls im November schließen, Individualsport soll von dieser Regelung ausgenommen werden. Der Profisport ist im November nur noch ohne Zuschauer zugelassen. Das gilt auch für die Fußballbundesliga.

    Foto: Alessandra Tarantino
  • Gastronomiebetriebe wollen Bund und Länder vom 2. November für den restlichen Monat ebenfalls schließen. Davon ausgenommen sein soll die Lieferung und Abholung von Speisen für den Verzehr zu Hause, Kantinen sollen offen bleiben dürfen. Außerdem sollen touristische Übernachtungsangebote im Inland im November verboten werden. Diese dürften nur noch für notwendige Zwecke wie zwingende Dienstreisen gemacht werden. Die Bürger werden aufgefordert, generell auf private Reisen und auf Verwandtenbesuche zu verzichten.

    Foto: Karl-Josef Hildenbrand
  • Bund und Länder wollen wegen der sich verschärfenden Corona-Krise ebenso Betriebe im Bereich der Körperpflege wie Kosmetikstudios, Massagepraxen oder Tattoostudios im November schließen. Friseursalons bleiben aber - anders als im Frühjahr - unter den bestehenden Hygienevorgaben geöffnet. Auch medizinisch notwendige Behandlungen wie Physiotherapien sollen weiter möglich sein. Das geht aus der Video-Konferenz von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch hervor.

    Foto: Angelika Warmuth
  • Industrie, Handwerk und Mittelstand solle sicheres Arbeiten umfassend ermöglicht werden, heißt es. Die Arbeitgeber müssten ihre Mitarbeiter vor Infektionen schützen. Bund und Länder fordern die Unternehmen angesichts hoher Corona-Infektionszahlen eindringlich auf, Heimarbeit zu ermöglichen - wo immer dies umsetzbar ist.

    Foto: Sebastian Kahnert
  • Der Bund plant milliardenschwere Nothilfen für Unternehmen, die von den vorübergehenden Schließungen zur Eindämmung des Coronavirus betroffen sind. Dazu gehören auch die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft. Erstattet werden sollen Umsatzausfälle, die Finanzhilfe soll ein Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro haben.  Außerdem soll der Schnellkredit der staatseigenen KfW Bankengruppe für Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten geöffnet und angepasst werden.

    Foto: imago stock&people
  • Für Angehörige einer Risikogruppe wie Kranke, Pflegebedürftige, Senioren oder Behinderte solle es zügig und prioritär Corona-Schnelltests geben. Der besondere Schutz in diesem Bereich dürfe aber nicht zu einer vollständigen sozialen Isolation führen.

    Foto: María José López
  • Zur Einhaltung der Maßnahmen sollen flächendeckend die Kontrollen verstärkt werden. Zudem sollen Bund und Länder sollen Bürgerinnen und Bürger verstärkt über die Corona-Maßnahmen informieren «und durch möglichst einheitliche Maßnahmen die Übersichtlichkeit erhöhen», heißt es in dem Papier.

    Foto: Oliver Werner

Während der Corona-Krise, deren Ende noch nicht in Sicht ist, biete der Betrieb zweier Standorte indes den entscheidenden Vorteil, so Peddinghaus, „dass unter Abstandsregeln das Geschäft entzerrt werden kann“. Dafür seien sechs weitere Teilzeitkräfte eingestellt worden. Im Salzhof wird das breite Sortiment, das von Farben über Perlen bis zu Töpferton reicht, auf 800 Quadratmetern angeboten, Am Alten Steinweg gegenüber dem Bunten Vogel auf der ehemaligen Geschäftsfläche des dm, der an die Ludgeristraße umgezogen ist, sind es laut Peddinghaus 500 Quadratmeter.

Die Inhaberin startet hier in der dunklen Jahreszeit, in der das Bastelgeschäft ohnehin boomt. „Und wir haben Myriaden von Ideen, wenn es kein Weihnachtsfest, wie wir es kennen, geben sollte.“

Stricken und Sticken hoch im Kurs

Ob vergoldete Ginkgoblätter, selbst erstellter Modeschmuck oder kleine Kunstwerke mit Naturmaterialien vom letzten Waldspaziergang: Vieles selbst Erstelltes eignet sich auch gut als sehr persönliches Geschenk, wie es in in Münsters Künstlerbedarfs- und Handarbeitsgeschäften heißt.

Viele Pandemie-Genervte haben alte Hobbys wiederbelebt und sich mit Farben und Leinwänden eingedeckt. Trendy ist heute übrigens Makramee, eine Knüpftechnik, die vor allem in den 80er Jahren in war. „Mit den alten Makramee-Eulen hat der derzeitige Trend aber nichts mehr zu tun“, erklärt Marita Gluschke vom Geschäft „Art Creativ“ an der Steinfurter Straße. Heute werden aus Naturgarnen sogenannte Federn geknüpft, die als Anhänger oder auch als Tannenbaumschmuck neue Akzente setzen. Viele Kunden würden derzeit mit großformatigen Acryl- oder Ölgemälden die eigenen vier Wände verschönern. Trotz der gestiegenen Nachfrage der Freizeit-Maler und Bastler fehlt Marita Gluschke, die sich auf Architekturzubehör spezialisiert hat, die große Kundengruppe der Studenten. Denn während der Corona-Krise würde die üblicherweise zum Semesterabschluss gefertigten Modelle wegfallen.

Deshalb freut sich Annette Bäumer vom Geschäft „Findus Creativ“, dass viele Kunden ganz bewusst in ihr Geschäft an der Hammer Straße kommen, „um den Einzelhandel vor Ort zu stärken. Wie wichtig das ist, haben viele nach dem ersten Lockdown im März begriffen“, sagt sie. Wolle feiere seit Jahren ein Comeback und jetzt stünden Stricken, Sticken und Perlenarbeiten hoch im Kurs. Eine Vorliebe bei jungen Leuten: skandinavische Muster. „Über Youtube bringen sich jetzt viele das Stricken bei“, weiß Bäumer.

Von Strickfans „geradezu überrannt“ fühlt sich derzeit Beate Pletzer vom gleichnamigen Handarbeitsgeschäft an der Klemensstraße. „Viele decken sich jetzt mit Wolle für mehrere Modelle ein.“

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