Historiker Malte Thießen zum Corona-Impfstoff
„Die Krise scheint nun endlich kontrollierbar“

Münster -

Wenn der Impfstoff kommt, wird alles gut? Nicht so vorschnell, sagt der Historiker Malte Thießen. Die Einführung eines neuen Impfstoffs ist immer eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Probleme seien nicht zu unterschätzen . 

Dienstag, 24.11.2020, 21:00 Uhr
Prof. Dr. Malte Thießen 
Prof. Dr. Malte Thießen  Foto: LWL/Nolte

Die Nachricht sorgt für Jubelstürme nicht nur unter Medizinern: Endlich ist ein anscheinend effektiver Impfstoff gegen das Coronavirus „SARS-CoV-2“ in Vorbereitung. Historiker Prof. Dr. Malte Thießen vom Institut für westfälische Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) erklärt im Interview, wie der Impfstoff unser Leben verändern wird und welche Schwierigkeiten bewältigt werden müssen.

Herr Thießen, Sie haben die Geschichte des Impfens erforscht. Welche Hoffnungen weckt der neue Impfstoff gegen Covid-19?

Thießen: Impfungen sind immer ein Versprechen auf Normalität. Wir leben seit den 1970er-Jahren im „Immunisierten Zeitalter“ und haben die Schrecken früherer Infektionskrankheiten vergessen. Dass momentan die Aktienkurse durch die Decke gehen – und zwar nicht nur von Pharmaunternehmen, sondern ebenso in der Flug- und Tourismusbranche –, zeigt die Macht dieses Versprechens: Seit Verkündung des Impfstoffs machen wir bereits Wetten auf eine Corona-freie Zukunft.

Bedeutet ein Impfstoff nicht einen Wendepunkt in der Krise?

Thießen: Die Krise scheint dank eines Impfstoffs nun endlich planbar, ja kontrollierbar zu sein. Diese Sehnsucht auf Normalität ist natürlich sehr nachvollziehbar. Aber wir sollten dabei nicht die Probleme der Gegenwart vergessen.

Welche Probleme bringt die Einführung des Impfstoffs aktuell mit sich?

Thießen: Unser ganz aktuelles Problem ist Geduld: Trotz unserer Sehnsucht nach einer schnellen Verfügbarkeit des Impfstoffs müssen präzise Prüfverfahren und umfangreiche Testreihen absolviert werden. Eine vorschnelle Markteinführung erhöht das Risiko von Nebenwirkungen und schadet letztlich der Sache.

Länder einigen sich auf Lockdown-Verlängerung

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  • Die Ministerpräsidenten der Länder einigten sich darauf, dass der aktuelle Teil-Lockdown zunächst bis zum 20. Dezember fortgeführt werden soll. Bei einer Inzidenz von «deutlich» unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen und wenn weitere Bedingungen erfüllt sind, sollen Länder die Möglichkeit bekommen, hiervon abzuweichen.

    Eine endgültige Entscheidung soll bei Beratungen der Ländervertreter mit Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch (25.11.) fallen. Wofür die Ministerpräsidenten sosnt noch plädieren:

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  • KONTAKTBESCHRÄNKUNGEN:

    Die Ministerpräsidenten der Länder plädieren im Kampf gegen die anhaltend hohen Corona-Infektionszahlen für strenge Kontaktbeschränkungen vom 1. Dezember an - für Weihnachten und Silvester soll es eine Sonderregelung geben.

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  • PRIVATE ZUSAMMENKÜNFTE:

    „Private Zusammenkünfte mit Freunden, Verwandten und Bekannten sind auf den eigenen und einen weiteren Haushalt, jedoch in jedem Falle auf maximal fünf Personen zu beschränken“, heißt es in dem Beschlussentwurf. Kinder bis 14 Jahre seien hiervon ausgenommen.

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  • WEIHNACHTEN UND SILVESTER

    Im Zeitraum vom 23. Dezember bis 1. Januar können Treffen eines Haushaltes mit haushaltsfremden Familienmitgliedern oder haushaltsfremden Menschen bis maximal zehn Personen ermöglicht werden, heißt es in dem Beschlussentwurf. Kinder bis 14 Jahren seien hiervon ausgenommen.

    Die Ministerpräsidenten der Länder rufen die Menschen auf, vor den Weihnachtsfeiertagen in eine möglichst mehrtägige häusliche Selbstquarantäne zu gehen. „Dies kann durch ggf. vorzuziehende Weihnachtsschulferien ab dem 19.12.2020 unterstützt werden“, heißt es. Mit der Selbstquarantäne solle die Gefahr von Corona-Infektionen im Umfeld der Feierlichkeiten so gering wie möglich gehalten werden.

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  • GOTTESDIENSTE:

    Bund und Länder wollen das Gespräch mit den Religionsgemeinschaften suchen, um möglichst Vereinbarungen für Gottesdienste und andere religiöse Zusammenkünfte mit dem Ziel einer Kontaktreduzierung zu treffen. Religiöse Zusammenkünfte mit Großveranstaltungscharakter gilt es dabei zu vermeiden.

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  • SILVESTER:

    Die Ministerpräsidenten der Länder wollen Silvesterfeuerwerk auf belebten öffentlichen Plätzen und Straßen untersagen, um größere Gruppenbildungen zu vermeiden. „Die örtlich zuständigen Behörden bestimmen die betroffenen Plätze und Straßen“, heißt es in dem Beschlussentwurf. Grundsätzlich wird „empfohlen“, zum Jahreswechsel auf Silvesterfeuerwerk zu verzichten - ein Verkaufsverbot ist demnach aber nicht vorgesehen.

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  • MUND-NASE-BEDECKUNG:

    Die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, die etwa im ÖPNV oder Handel gilt, soll dem Papier zufolge erweitert werden. Künftig soll sie dem Papier zufolge auch vor Einzelhandelsgeschäften und auf Parkplätzen gelten. Gleiches gilt für alle Orte mit Publikumsverkehr in Innenstädten, auch unter freiem Himmel, an denen sich Menschen entweder auf engem Raum oder nicht nur vorübergehend aufhalten. Die Festlegung der Orte und der zeitlichen Beschränkung soll den örtlichen Behörden obliegen.

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  • HOCHSCHULEN UND UNIVERSITÄTEN:

    Hochschulen und Universitäten sollen grundsätzlich auf digitale Lehre umstellen - mit Ausnahme von Labortätigkeiten, Praktika, praktischen Ausbildungsabschnitten und Prüfungen.

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  • SCHULEN:

    In Regionen mit deutlich mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen soll nach dem Willen der Länder künftig ab Klasse sieben grundsätzlich eine Maskenpflicht auch im Unterricht gelten.

    In „besonderen Infektionshotspots“ soll es demnach in älteren Jahrgängen außer Abschlussklassen schulspezifisch „weitergehende Maßnahmen für die Unterrichtsgestaltung“ geben, beispielsweise Hybridunterricht.

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  • WIRTSCHAFT, KULTUR, REISEBRANCHE, SOLOSELBSTSTÄNDIGE:

    Auch die staatlichen Hilfen für betroffene Betriebe sollen bis 20. Dezember verlängert werden. Diese seien für Unternehmen und Beschäftigte essenziell und ein wichtiges Element für die hohe Akzeptanz der notwendigen Schutzmaßnahmen bei den Bürgerinnen und Bürgern, heißt es in dem Papier. Die Ausgaben für diese Unterstützung im November werden auf 15 Milliarden Euro beziffert.

    Vorgeschlagen wird auch, Hilfsmaßnahmen für Branchen, die absehbar in den kommenden Monaten weiterhin «erhebliche Einschränkungen» hinnehmen müssten, bis Mitte 2021 zu verlängern. Genannt werden die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft, Soloselbstständige und die Reisebranche.

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  • HOMEOFFICE:

    Arbeitgeber sollten prüfen, ob die Betriebsstätten entweder durch Betriebsferien oder großzügige Homeoffice-Lösung vom 23. Dezember bis 1. Januar geschlossen werden könnten. Damit solle bundesweit der Grundsatz „Stay at Home“ („Bleibt Zuhause“) umgesetzt werden.

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  • HANDEL:

    Die Bevölkerung wird aufgerufen, Weihnachtseinkäufe möglichst auch unter der Woche zu tätigen.

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  • KRANKENHÄUSER/PFLEGE:

    Der Bund will für besonders gefährdete (vulnerable) Gruppen, etwa Patienten in Krankenhäusern und Bewohner von Pflegeheimen, Senioren- und Behinderteneinrichtungen, ab Anfang Dezember 2020 gegen eine geringe Eigenbeteiligung 15 FFP2-Masken pro Person zur Verfügung stellen. Zudem sind je Pflegebedürftigem 20 Schnelltests pro Woche vorgesehen.

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  • REISERÜCKKEHRER:

    Der Entwurf schlägt vor, dass die häusliche Quarantäne bei Reiserückkehrern und Kontaktpersonen einheitlich auf zehn Tage im Regelfall festgelegt werden soll - gerechnet ab dem Tag der Einreise beziehungsweise dem letzten Tag des Kontakte.

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  • SOZIALVERSICHERUNG:

    Der Bund stabilisiert die Sozialversicherungsbeiträge bei maximal 40 Prozent, indem er darüber hinausgehende Finanzbedarfe zumindest bis 2022 aus dem Bundeshaushalt deckt. In diesem Rahmen prüft der Bund, wie eine steuerfinanzierte Stabilisierung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung vor dem Hintergrund der hohen coronabedingten Mehrkosten aussehen könnte.

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Und mittelfristig?

Thießen: Mittelfristig sind Verteilungskonflikte eine Herausforderung. Die Verfügbarkeit einer Impfung weckt Begehrlichkeiten und kann in Wettbewerben um die schnellste Immunisierung ausarten. Aus diesem Grund ist es richtig, dass bereits in diesen Tagen klare Kriterien für die Zuteilung des Impfstoffs vorgestellt worden sind.

Langfristig?

Thießen: In langfristiger Perspektive ist die Akzeptanz des Impfprogramms ganz entscheidend für den Erfolg der Corona-Eindämmung. Impfungen sind mitunter Opfer ihrer eigenen Erfolge: Gerade, weil sie so effektiv gegen Infektionskrankheiten vorsorgen, geht das Interesse in Teilen der Bevölkerung nach einer Weile zurück. Hier ist kontinuierliche Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit gefragt, damit wir den Schutz der Allgemeinheit dauerhaft zu unserer eigenen Sache machen.

Das Robert Koch-Institut hat sich gegen eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen . . .

Thießen: Eine Impfpflicht klingt auf den ersten Blick verlockend: Könnten wir so nicht mit einem Schlag alle unsere Sorgen los sein? Ein zweiter Blick weckt jedoch Zweifel. Die Durchsetzung und Überwachung einer Impfpflicht kostet erhebliche Ressourcen, die sich besser in Impfprogramme stecken lassen. Außerdem mobilisiert eine Impfpflicht mitunter Kritiker und befördert Verunsicherungen und Verschwörungstheorien.

Was spricht für freiwillige Impfungen?

Thießen: In historischer Perspektive haben sich alle freiwilligen Impfprogramme gegenüber Pflichtimpfungen klar als effektiver erwiesen: Niedrigschwellige Angebote, zum Beispiel eine Art „Impfen to go“ in öffentlichen Einrichtungen, Aufklärungsarbeit und Appelle an Solidarität sind schlichtweg überzeugender als staatlicher Druck. Wegen solcher Maßnahmen erreichten beispielsweise freiwillige Impfungen gegen Diphtherie oder gegen Poliomyelitis in Deutschland stets höhere Impfquoten als die Pflichtimpfungen gegen Pocken.

Podcast: Die Angst vor Seuchen

In der Folge „Seuchen schüren gewaltige Ängste, weil sie potenziell jeden treffen können“ der Podcast-Reihe „Regionalgeschichte auf die Ohren“ erläutert Malte Thießen, woher die Angst vor Seuchen kommt, welche historischen Beispiele es gibt und warum Seuchen ein Seismograf des Sozialen sind. Zu hören ist die Podcast-Folge unter: www.lwl-regionalgeschichte.de/de/projekte/podcast-reihe.

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