„Alle Jahre wieder in Münster“-Buch
Verbeugung vor Ulrich Schamonis Klassiker

Münster -

Ein fünfköpfiges Herausgebergremium um Professor Thorsten Hennig-Thurau stellt dem kultigsten Münster-Film aller Zeiten nun das gründlichste Münster-Filmbuch aller Zeiten an die Seite. Es ist aber nicht nur als eine Hommage an einen erstklassigen Film und seinen unkonventionellen Regisseur zu verstehen.

Samstag, 19.12.2020, 12:00 Uhr
„Alle Jahre wieder in Münster“-Buch: Verbeugung vor Ulrich Schamonis Klassiker
Links:1966 – Tanzen im Beat-Schuppen: Sabine Sinjen als Inge Deitert und Johannes Schaaf als „Spezie“. Rechts: 2019 – Tanzen im Backshop: Ranya Abdine als Inge Deitert und Christoph Tiemann als „Spezie“. Foto: Schamoni-Film/Maris Hartmanis

Muss man den Film „Alle Jahre wieder“ kennen, um das Buch „Alle Jahre wieder in Münster“ zu verstehen? Nein. Aber Film und Buch sind selbst­erklärend und befruchten sich gegenseitig: Wer das eine kennt, wird auf das andere nicht mehr verzichten wollen. Der große Unterschied: Den Film gibt es seit 1967. Das Buch ist neu.

Das fünfköpfige Herausgebergremium – Thorsten Hennig-Thurau , Carsten Happe, Maris Hartmanis, Johannes Klein-Reesink und Carsten Vogel – stellt dem kultigsten Münster-Film aller Zeiten das gründlichste Münster-Filmbuch aller Zeiten an die Seite. Und zwar in Form eines Stadtrundgangs, der den Szenen des Films nachspürt, historische Hintergründe akribisch beleuchtet und den Vergleich zur Gegenwart zieht. Das alles findet auf 352 üppig bebilderten, liebevoll gestalteten Seiten zwar Platz, muss dafür aber schon den Bauch einziehen. Wie mancher Darsteller der 60er-Jahre.

Was vom Münster der Weihnachtstage 1966/67 geblieben ist

Der in Berlin geborene, in Münster aufgewachsene Regisseur Ulrich Schamoni (1939-1998) sah seine westfälische Heimatstadt durchaus kritisch. Schamonis ironische Distanz ist im Buch einem liebevollen Lokal­patriotismus gewichen: Der Stolz darüber, dass aus der piefigen Provinzmetropole von einst eine der angesagtesten Großstädte Deutschlands geworden ist, spricht aus jeder Zeile.

Provinz-Hallodri im Weihnachtsstress

Münster, Weihnachten 1966: Das Ehepaar Lore und Hannes Lücke lebt seit Jahren getrennt. Er führt in Frankfurt ein Junggesellenleben. Sie ist in Münster geblieben, leitet eine Tanzschule, kümmert sich um die beiden Kinder und hält auch sonst die Familie zusammen. Eine Scheidung wäre für ihn finanziell, für sie gesellschaftlich schwierig; deshalb möchte er alles so lassen, wie es ist – während sie auf einen Neuanfang ihrer Ehe hofft. Persönlichen Kontakt gibt es eigentlich nur an den Weihnachtstagen, an denen jedoch ein ewig gleiches Ritual von Familientreffen, Gottesdienst und Kneipenrunde mit Kumpels eine ernsthafte Beziehungs-Diskussion unmöglich macht. In diesem Jahr hat der etwa 40-jährige Hannes seine 15 Jahre jüngere Freundin Inge mitgebracht, die er unter allen Umständen vor der Familie verbergen muss. Der Film erzählt den Ablauf der drei Festtage: Zum einen aus Hannes’ Perspektive, der sich zunehmend skeptisch zwischen Familie, Frau, Freundin und Freunden hindurchlaviert. Zum andern aus der Sicht von Inge, die auf eigene Faust Münster und die Westfalen erkundet – und die ihren Freund zweimal durch ihr unverhofftes Auftauchen vor den Augen seiner Angehörigen provoziert. Im Mittelpunkt steht nicht so sehr die Entwicklung einer Handlung. Sondern die Zustandsbeschreibung einer desillusionierten Nachkriegsgeneration – und das liebevoll-kritische Porträt der Stadt Münster.

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Was ist vom Münster der Weihnachtstage 1966/67 geblieben? Viel. So viel, dass 14 entscheidende Filmszenen von damals mit Menschen von heute sehr plausibel nachgestellt werden konnten. Marina Weisband beispielsweise flaniert als Inge unter den Prinzipalmarkt-Bögen, Christoph Tiemann wagt als „Spezie“ im Beat-Schuppen ein schmusiges Tänzchen, Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold übernimmt die Rolle des legendären Museumsführers Busso Mehring und Götz Alsmann sieht vor der Tafel des Musikzimmer im Schlaun-Gymnasium genau so aus wie sein alter Musiklehrer, Sprücheklopfer Dr. Albert Allerup.

Weitere Informationen und Fotos gibt es auf der Website zum "Alle Jahre wieder in Münster"-Buch.

 

Hommage an einen erstklassigen Film

Allen Beteiligten ist die Freude am alten Münster anzumerken – an einer Zeit, in der die Dame in der Disco mit „Darf ich bitten?“ zum Tanz aufgefordert wird, der Steinhäger noch in Strömen fließt und der untreue Gatte die 15 Jahre jüngere Geliebte ernsthaft mit „mein liebes Kind“ anredet, ohne dass es ihr merkwürdig vorkäme. Die Leute reden, wie Loriot Liebesbriefe schreibt, und dazu nuscheln sie in einem herrlich breiten Westfälisch, das 50 Jahre später fast völlig verschwunden ist. Man lernt bei „Alle Jahre wieder“ mehr über Münster als bei allen Tatorts und Wilsbergs zusammen.

Bei allem Vergnügen an Lokalkolorit und Milieu­studie: „Alle Jahre wieder in Münster“ ist auch eine Hommage an einen erstklassigen Film und seinen unkonventionellen Regisseur – Ulrich Schamoni und der neue deutsche Film der 60er-Jahre werden ausführlich gewürdigt. Wer sich nach der Lektüre den Film noch einmal anschauen möchte: Die vom LWL-Medienzentrum veröffentlichte DVD ist im Handel erhältlich. Buch und Film: Es lohnt sich. Beides.

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Die „Buchmacher“ (v.l.) Johannes Klein-Reesink (Layout), Maris Hartmanis (Fotos/Layout) sowie Carsten Vogel, Thorsten Hennig-Thurau und Carsten Happe (Autoren) mit den druckfrischen Exemplaren im Hof des Aschendorff-Verlags. Foto: Kai Manke


„Tour  de  Film“:  14  Schauplätze

Die Tour zu den Schauplätzen von „Alle Jahre wieder“ beginnt am Prinzipalmarkt (1), wo das vielleicht bekannteste Film-Bild entstand. Weitere Stationen sind das Hotel Busche (2), der Aaseitenweg (3) und die Überwasserkirche (4), wo das Team 1966 die echte Christmette filmen durfte. Im Kuhviertel (5) feiert Hannes’ Clique das Weihnachtsfest mit Pils und Doornkaat, im Wohnzimmer an der Bergstraße (6) feiert Familie Lücke eher beschaulich mit Weihnachtsgans und Zigarre. Im Bullenkopp (7) wird die Kneipentour fortgesetzt, im Schlaun-Gymnasium (8) gibt Musiklehrer Dr. Bierbaum seine Münster-Weisheiten von sich („Entweder es regnet oder die Glocken läuten“), und im Alten Gasthaus Leve (9) verzehrt Inge ein einsames Abendessen („Weihnachtsgans?“ „Lieber nicht . . .“). Am Ludgeriplatz (10) findet sich die unauffälligste Station: damals ein Tanzlokal, heute ein Backshop. Der Weg führt über die Promenade (11) zum „Westfälischen Landesmuseum“ (12), wo Inge das Westfalentum erforscht. Am Prinzipalmarkt schließlich lässt sich erahnen, wo einst das proppenvolle Café Schucan (13) war – und im Friedenssaal (14) endet der Rundgang. Oberbürgermeister Markus Lewe gibt an dieser Stelle den Fremdenführer. Das Buch und die nicht minder üppige Website empfehlen außerdem sechs Abstecher und zwei Ausflüge. Wer dann noch nicht genug hat, kann sich auf die Ausstellung „Alle Jahre wieder in Münster: Die Stadt & der Film“ im Stadtmuseum freuen, die coronabedingt erst am 27. November 2021 öffnet .

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