Thomas Jansen, Leiter der Caritas-Pflegeschule
„Eine Chance für die Stadt“

Münster -

Wer sich in der Pflege ausbilden lässt, der erfährt diese Ausbildung seit diesem Jahr in einem generalisierten System. Was das für alle Beteiligten bedeutet, wo Vor- und Nachteile liegen und über ein Projekt, das der Stadt gut zu Gesicht stehen würde, sprachen wir mit dem Leiter der Caritas-Pflegeschule.

Samstag, 19.12.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 20.12.2020, 16:14 Uhr
Thomas Jansen, Leiter des Caritas-Bildungszentrums in Münster, ist Befürworter der generalisierten Ausbildung, sieht aber auch noch Bereiche, wo nachgesteuert werden muss
Thomas Jansen, Leiter des Caritas-Bildungszentrums in Münster, ist Befürworter der generalisierten Ausbildung, sieht aber auch noch Bereiche, wo nachgesteuert werden muss Foto: Björn Meyer

Vor knapp einem Jahr wurde in der Pflege die generalisierte Ausbildung eingeführt. Seinerzeit bekam die Umstrukturierung eine große öffentliche Aufmerksamkeit. Wie sich der Wandel bislang vollzogen hat, über Vor- und Nachteile der Generalistik und was in Münster für Auszubildende getan werden könnte, darüber sprach unser Redakteur Björn Meyer mit Thomas Jansen , Leiter der Pflegeschule der Caritas .

 

Was genau beinhaltet das Modell der generalisierten Ausbildung?

Jansen: Dieses Pflegeberuf-Reformgesetz besagt, dass aus den drei klassischen Berufen Kinderkrankenpflege, Altenpflege und Krankenpflege ein Beruf konstruiert worden ist, den alle Auszubildenden mit dem Titel Pflegefachmann oder Pflegefachfrau abschließen. In den drei Ausbildungsjahren erfahren die Auszubildenden 2100 Theoriestunden und 2500 Praxisstunden. Auch in den Praxisstunden lernen die Auszubildenden dabei alle Bereiche kennen, die es in der Pflege gibt.

Es gibt klare Vorgaben vom Gesetzgeber. Wo liegen die Schwierigkeiten für die Träger?

Jansen: Das Ganze ist eine komplexe Angelegenheit, weil es viele Einsatzorte für den jeweiligen Auszubildenden gibt. Wir haben das an dieser Schule so geregelt, dass wir mit den Trägern vereinbart haben, dass die Einsatzplanung der Auszubildenden über die Schule erfolgt. Wir verteilen also die 2500 praktischen Stunden, wir machen die Urlaubsplanung, und wir planen auch den theoretischen Teil. Die Einrichtungen sind wiederum gesetzlich verpflichtet, eine adäquate Anzahl an Praxisanleitern vorzuhalten, damit die Auszubildenden eine qualitativ gute Ausbildung erfahren.

Eng ist es im Bereich der Pädiatrie.

Jansen: Richtig. Es gibt nicht genügend Pflegebetten für Kinder und Jugendliche. Die Krankenhäuser sind froh, wenn sie ihre eigenen Auszubildenden auf diesen Stationen unterbekommen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat eine Verordnung erlassen, nach der es auch möglich ist, in anderen Bereichen eine pädiatrische Ausbildung zu machen. Etwa beim Kinderarzt oder in einer Kita mit Inklusionscharakter. Dahinter steckt der Gedanke, dass Pflege ja auch Gesundheitsprävention ist. Trotzdem bleibt es eine der großen Baustellen im Rahmen der generalisierten Ausbildung.

Die klassische Ausbildung ging eher in die Tiefe, heute stellt man sich breiter auf. Welche Vor- und Nachteile resultieren daraus?

Jansen: Der große Vorteil liegt darin, dass die Auszubildenden nun einen Qualifikationsabschluss erhalten werden, der sie in die Lage versetzt, EU-weit arbeiten zu dürfen. Unsere klassische Altenpflegeausbildung etwa war europäisch nicht anerkannt. Zudem sind die Auszubildenden nun in der Lage, bereichsübergreifend arbeiten zu können. Auch das war früher so nicht ge­geben. Ein Vorteil ist sicher auch der breite Einblick in die Pflege. Auf die von Ihnenangesprochene mangelnde Tiefe werden die Träger aber, und das wissen sie auch, mit Investitionen in Weiterbildungen reagieren müssen. Ganz neu ist das in der Pflege nicht, jedenfalls nicht in bestimmten Bereichen.

Gibt es die Sorge, dass einzelne Bereiche der Pflege durch diese Art der Ausbildung bevorzugt und später höheren Zulauf haben werden?

Jansen: Ja, die Sorge gibt es. Ich teile sie aber nicht. Denn letztendlich wird jeder Auszubildende weiter ganz persönliche Bewertungen für sich vornehmen, wo er hinmöchte. Wer im Bereich der Beziehungspflege arbeiten möchte, geht eher in die Altenpflege. Wer stark medizinisch orientiert pflegen möchte, geht in die Krankenpflege. Das A und O ist, wie die Träger mit den Auszubildenden umgehen. Wer gut behandelt wird, der identifiziert sich auch schnell mit einer Aufgabe. Ich beobachte zudem, dass sich Strukturen ändern. Die Caritas etwa stellt jetzt im Januar eine Ausbildungs­koordinatorin ein, die sich um alle Caritas-Auszubildenden kümmert.

Macht sich die generalisierte Ausbildung auch in den Bewerber-Zahlen für eine Ausbildung in der Pflege bemerkbar?

Jansen: Die neueste Statistik besagt, dass wir knapp zehn Prozent mehr Zulauf in der Pflege haben. Wir merken das auch hier an unserer Schule. Dadurch haben wir mehr Auswahl. Ob das aber mit der Generalistik zusammenhängt, kann man noch nicht abschätzen, es gab ja auch größere Kampagnen, die ihre Wirkung haben dürften.

Man kann auswählen, alle Welt redet doch vom Fachkräftemangel in der Pflege?

Jansen: Die Pflegefachkraftquote in den Einrichtungen ist, gerade im Hinblick auf die kommenden Jahre, zu niedrig. Daher brauchen wir mehr Auszubildende, das weiß man. Wir als Schule stehen genau an diesem Punkt. Wir brauchen neue Kapazitäten, weil unsere Räumlichkeiten doch sehr begrenzt sind. Seitens der Förderungen des Landes gibt es aber ein Ungleichgewicht. Schulen an Krankenhäusern werden hier deutlich mehr gefördert als etwa die Schule der Caritas, eine Einrichtung, die nicht an ein Krankenhaus angeschlossen ist. Aus meiner Sicht macht das keinen Sinn, denn im Ergebnis brauchen wir ja Pflegekräfte. Uns fehlen aber die Mittel.

Was würden Sie sich ganz konkret für Münster wünschen?

Jansen: Die Caritas hat ja einige Wohnungen als Wohngemeinschaften für Auszubildende angemietet. Wir bekommen viele Bewerbungen aus dem Umland, häufig gibt es die Frage nach Wohnmöglichkeiten. Der Bedarf ist groß, das merken wir. Ich glaube, dass es der Stadt gut zu Gesicht stehen würde, wenn es einen Auszubildenden-Campus geben würde, wo Auszubildende bezahlbaren Wohnraum finden. Wohlgemerkt nicht nur für die Pflege, es gibt ja auch andere Bereiche in der Stadt, in denen händeringend Auszubildende gesucht werden. Ich glaube, darin steckt für die Stadt eine große Chance.

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