Missbrauchkomplex Münster
So lief die Verhaftung von Adrian V. ab

Münster -

Nächstes Kapitel im Mammutprozess um sexuellen Missbrauch an Kindern: Zwei Polizisten haben am Dienstag vor dem Landgericht Münster als Zeugen ausgesagt – und geschildert, wie die Festnahme ablief.

Dienstag, 22.12.2020, 15:12 Uhr aktualisiert: 22.12.2020, 15:20 Uhr
Adrian V. (l.), hier am 3. Verhandlungstag, hat sich bisher noch nicht zu den Vorwürfen geäußert.
Adrian V. (l.), hier am 3. Verhandlungstag, hat sich bisher noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Foto: Dirk Anger

Adrian V. – fokussierter Blick, konzentrierter Gesichtsausdruck, gerade Haltung – macht sich immer wieder kurze Notizen. Sein Blick ist am Dienstagmorgen auf die Polizisten gerichtet, die im Zeugenstand des Landgerichts Münster schildern, wie sie ihn, den Hauptbeschuldigten, im Prozess um schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, mitten in der Nacht festnehmen. Und wie sie dessen Ziehsohn, der von mehreren Männern mehrfach missbraucht worden sein soll, aus dem Auto eines weiteren Angeklagten in Sicherheit bringen.

14. Mai 2020, kurz nach 1 Uhr nachts. Polizisten sehen einen Mercedes Vito an der Straße Am Burloh in Münster-Kinderhaus. Was macht der da mit laufendem Motor mitten in der Nacht, fragen sich die Beamten. Bei der Dienstbesprechung zuvor, habe er von dem Haftbefehl gegen Adrian V. erfahren, sagt der Polizist vor Gericht. Als er sich bei der Kontrolle sicher ist, dass der Fahrer tatsächlich der Gesuchte ist, nimmt er ihn fest.

Kofferraum voller Gepäck

„Freundlich, ruhig, ergebend“, sei Adrian V. dabei gewesen. Er habe wohl geahnt, was kommt, sagt der Beamte. Nur von dem Jungen, den er und seine Kollegen ebenfalls suchen, ist in dem Wagen keine Spur. Adrian V. kooperiert. „Er hat gesagt, dass der Junge von Kumpels zur Oma gebracht wurde“, sagt der Polizist. Dort treffen die Beamten, wie ein zweiter Polizist am Dienstag schildert, die ebenfalls wegen Missbrauch angeklagten Matthias A. und Marco S. aus Hannover.

Der Ziehsohn habe mit kurzer Gymnastikhose im Auto einer der Männer gesessen, der Kofferraum voller Gepäck. Es habe den Anschein gemacht, als wären sie abfahrbereit, schilderte der Polizist das Szenario. Die Männer seien „unkooperativ“ und „frech“ gewesen, hätten die Mitnahme des Jungen versucht zu verhindern, genau wie die hinzugeeilte Mutter von Adrian V. Matthias A. und Marco S. bleiben vorerst „im Zeugenstatus“, und somit auf freiem Fuß. Das ganze Ausmaß des Falls ist da noch nicht bekannt.

Frisch ausgewertete Chatverläufe

Der Junge, so erzählen die Polizisten übereinstimmend, sei in der Situation ruhig geblieben, hätte problemlos eingewilligt, mit auf die Wache zu kommen. Auf dem Weg dorthin habe er erzählt, dass er viel rumkomme, in vielen Städten gewesen sei – mit seinem Vater, wie er Adrian V. laut Polizeiaussage nennt.

Nach der Befragung der Polizisten teilt der Vorsitzende Richter Dokumente an alle Verteidiger aus. Es sind frisch ausgewertete Chatverläufe. „Wenn man das mit Verstand liest, tauchen da andere Kinder auf“, sagt er. Die Angeklagten sollten sich überlegen, ob sie ihre bisherigen Aussagen so stehenlassen wollen.

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