Nach 77 Jahren in Münster
465 Jahre alte Glocke kehrt nach Sławięcice zurück

Münster -

Im Krieg konfiszierte die Wehrmacht 80.000 Kirchenglocken. Im Hof des bischöflichen Kirchengerichts wurde eine 465 Jahre alte Glocke aufgespürt, die 1943 aus einer oberschlesischen Kirche abtransportiert worden war. Jetzt steht der Rückgabe nichts mehr im Weg – nach 77 Jahren.

Montag, 28.12.2020, 20:28 Uhr aktualisiert: 28.12.2020, 20:30 Uhr
Hans Manek (l.) und Prof. Dr. Thomas Flammer vor der Glocke, die im Innenhof des Kirchengerichts steht.
Hans Manek (l.) und Prof. Dr. Thomas Flammer vor der Glocke, die im Innenhof des Kirchengerichts steht. Foto: /Ladermann

Es ist schon eine kleine Sensation: Jahrzehntelang fiel sie niemandem auf, jetzt löst eine alte Glocke aus dem Jahr 1555, im Innenhof des Kirchengerichts, dem Bischöflichen Offizialat am Domplatz, wahre Glücksgefühle bei den Mitgliedern einer Kirchengemeinde in Polen aus. „Nach 77 Jahren bekommen wir unsere Glocke wieder“, sagt Hans Manek , der mit leuchtenden Augen vor der 400 Kilogramm schweren Glocke steht.

Seit zwei Jahren ist die Gemeinde „Heilige Katharina aus Alexandrien“ in Sławięcice (früher „Ehrenforst“ im Kreis Cosel in Oberschlesien) auf der Suche nach „ihrer“ Glocke. Jetzt ist alles unter Dach und Fach: Sobald die Corona-Pandemie es zulässt, soll sie laut Pressemitteilung des Bistums von Münster nach Polen gebracht werden.

„Patenglocke“ aus Oberschlesien

Die Glocke stammte aus einem früheren deutschen Ostgebiet – deshalb wurde sie nach Kriegsende auf Anweisung der britischen Militärregierung nicht zurückgegeben, sondern als „Patenglocke“ an das Bistum Münster gegeben, berichtetet Prof. Dr. Thomas Flammer , Leiter der Abteilung Kunst und Kultur im Generalvikariat. Sie lagert seit vielen Jahren im Innenhof des Kirchengerichts.

Hans Manek, der gebürtig aus Sławięcice stammt und seit einigen Jahrzehnten in Rommerskirchen lebt, freut sich, dass sich der jetzige Pfarrer Marian Bednarek auf die Suche nach der Glocke gemacht hat. „Ihm war das Buch ,Leihglocken‘ von Marceli Tureczek in die Hände gefallen, darin war die Glocke abgebildet.“

Pfarrer Marian Bednarek hatte im Buch "Leihglocken" von Marceli Tureczek ein Foto entdeckt, auf dem die Glocken der polnischen Gemeinde mit einem Pferdefuhrwerk abtransportiert wurden. Die Bildunterschrift lautet übersetzt: "Die Glocken kommen nie mehr zurück in die Pfarrgemeinde Sławięcice" (Ehrenforst).

Pfarrer Marian Bednarek hatte im Buch "Leihglocken" von Marceli Tureczek ein Foto entdeckt, auf dem die Glocken der polnischen Gemeinde mit einem Pferdefuhrwerk abtransportiert wurden. Die Bildunterschrift lautet übersetzt: "Die Glocken kommen nie mehr zurück in die Pfarrgemeinde Sławięcice" (Ehrenforst). Foto: pbm

Über eine Kennziffer in dem Buch bekam der Pfarrer heraus, dass sich die Glocke in Münster befindet. Pfarrer Bednarek kontaktierte Manek in Rommerskirchen, der wiederum Kontakt mit dem Generalvikariat aufnahm. Flammer berichtet: „Mein damals zuständiger Kollege Michael Gerding musste sich erstmal auf die Suche nach der Glocke machen.“ Doch er blieb dran, verglich Kennziffern – und konnte Manek schließlich die freudige Nachricht überbringen. „Als wir dann nach 77 Jahren die ersten Fotos von unserer Glocke zugeschickt bekommen haben, waren wir alle überwältigt – vor Freude“, erinnert sich Manek.

Bürokratische Hürden

Die Suche war abgeschlossen,doch es galt, bürokratische Hürden zu überwinden. Kürzlich gab dasBundesinnenministerium grünes Licht: „Es gibt jetzt einen Dauerleihvertrag zwischen dem Bistum Münster und der Gemeinde in Sławięcice“, erklärt Flammer.

Der Diözesankonservator freut sich mit den polnischen Katholiken: „Schön, dass die Glocke wieder an ihren Ursprungsort zurückkehrt.“ Jetzt heißt es nur noch warten, bis die Ländergrenzen wieder ohne großes Risiko passiert werden können.

„Patenglocken“

Rund 80. 000 Glocken wurden während des Krieges von der deutschen Rüstungsindustrie zu Waffen und Munition verarbeitet. Glocken zählten wegen ihres Bronzeanteils zum sogenannten „kriegswichtigen Material“: Lediglich eine Glocke sollte im Schnitt pro Gemeinde verbleiben.
Einige Glocken überstanden auf dem Glockensammelplatz in Hamburg, auch Glockenfriedhof genannt, den Krieg. Längst sind die meisten dieser Glocken in ihre Heimatgemeinden zurückgeführt worden – nicht aber die rund 1300 Glocken aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Die britische Militärregierung hatte die Rückgabe untersagt. Sie wurden als sogenannte „Patenglocken“ an westliche Kirchengemeinden ausgeliehen.

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