Pandemie-Details
Woher die Unterschiede bei den Corona-Zahlen kommen

Münster/Münsterland -

Der Blick auf die Corona-Zahlen kann verwirrend sein. Zwei Quellen geben mitunter verschiedene Zahlen an - wie kann das sein? Und wie ermitteln die unterschiedlichen Stellen die Werte? Eine Spurensuche. 

Freitag, 05.02.2021, 17:00 Uhr aktualisiert: 05.02.2021, 17:45 Uhr
Pandemie-Details: Woher die Unterschiede bei den Corona-Zahlen kommen
Wenn der Covid-Test positiv ausfällt, gilt ein Mensch als "aktuell infiziert". Doch die Zahl der Infizierten sind bei unterschiedlichen Quellen nicht identisch. Foto: dpa (Symbolbild)

Die Corona-Pandemie ist mit einem ständigen Blick auf Zahlen verbunden - Neuinfektionen, aktuell Infizierte, Genesene, Todesfälle. Wer nach Zahlen sucht, stößt bei unterschiedlichen Quellen jedoch hin und wieder auf unterschiedliche Werte. So in der jüngeren Vergangenheit auch in Münster: Die Stadt meldete am Dienstag (2. Februar) 415 aktuell Infizierte. Das Landeszentrum Gesundheit (LZG) in NRW meldete parallel 220 aktive Fälle.

Nach der ersten Anfrage unserer Zeitung Mitte der Woche gab es jedoch eine Veränderung: Nach Angaben der Stadt wurden durch "umfangreiche Bereinigungsmaßnahmen in der Software des Robert-Koch-Institus" ( RKI ) beispielsweise Fälle, zu denen es keine Aktenvermerke hab, von "infiziert" zu "genesen" eingestuft. Eine Sprecherin des RKI erläuterte auf Nachfrage: "Datenbereinigungen können lediglich am Gesundheitsamt durchgeführt werden. Sie gehören zum regulären Datenqualitätsmanagement in den Gesundheitsämtern." 

Innerhalb von zwei Tagen hat sich die Zahl der Genesen in Münster um 240 erhöht - in der Woche davor waren es pro Tag durchschnittlich 15. Dadurch sind die Zahlen von Stadt und Land jetzt wieder fast gleich. An anderer Stelle besteht das Problem weiter: So meldet das LZG für den Kreis Warendorf am Freitag 660 derzeit Infizierte, der Kreis selbst zählt 439. 

Das Land nutzt Schätzwerte

Aber woher kommen die Unterschiede? Melanie Pothmann, Sprecherin des Landeszentrums Gesundheit, stellt zunächst klar: "In verschiedenen Kommunen kommt es immer wieder zu Abweichungen zwischen den Zahlen." Der Hauptgrund dafür seien unterschiedliche Daten, die für die Berechnung der Zahlen aktuell Infizierter sowie Genesener zugrunde gelegt werden.

Das Landeszentrum Gesundheit NRW

Das Landeszentrum Gesundheit (LZG) in Nordrhein-Westfalen berät und unterstützt die Landesregierung nach eigenen Angaben in Fragen der Gesundheit und Gesundheitspolitik - unter anderem beim Schutz vor übertragbaren Krankheiten. Das LZG NRW hat Standorte in Bochum und Münster und ist in fünf Fachbereiche gegliedert: Service, Infektionsschutz, Gesunde Lebenswelten, Gesundheitsdaten und Versorgungsstrukturen sowie Arzneimittelsicherheit.

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Das LZG bekommt die Corona-Zahlen täglich von den Gesundheitsämtern übermittelt, für die Zahl der Genesenen sowie der aktuell Infizierten nutzt es aber Schätzwerte, die laut der Sprecherin auf einem Algorithmus des RKI beruhen und auf hundert gerundet werden. Denn: "Daten darüber, ob ein Patient die akute Infektion überstanden hat, werden nicht offiziell erhoben", wird auf der Homepage des RKI erläutert. Damit die Zahlen trotzdem vergleichbar sind, hat das RKI den Algorithmus entwickelt, der unter anderem mithilfe des Zeitpunkts der Erkrankung ermittelt, nach wie vielen Tagen ein Corona-Infizierter zu einem Genesenen wird.

Wann Corona-Infizierte als genesen gelten

"Für Corona-Infizierte, die nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden, gilt ein Zeitintervall von 14 Tagen", erklärt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher . Menschen, die im Krankenhaus behandelt wurden, werden sieben Tage nach der Entlassung als genesen gezählt. Und wenn es keine genaueren Angaben zu einem Corona-Fall gebe, werde der Fall nach 28 Tagen von "aktuell infiziert" zu "genesen". Susanne Glasmacher betont jedoch, dass auftretende Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion bei den Schätzungen nicht berücksichtigt werden.

Das Robert-Koch-Institut

Das Robert Koch-Institut (RKI) ist nach eigenen Angaben das Public-Health-Institut für Deutschland. Es ist die wissenschaftlich-medizinische Leitinstitution der Bundesregierung. Das Ziel sei es, die Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen und ihren Gesundheitszustand zu verbessern. "Daran arbeiten und forschen im RKI jeden Tag gemein­sam 1100 Menschen aus 90 verschiedenen Berufen", heißt es auf der Homepage des RKI.

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Auch unterschiedliche Melde-Zeitpunkte können laut Glasmacher für verschiedene Werte sorgen: "Die Fälle gehen bei den Gesundheitsämter der Städte ein. Sie haben dann 24 Stunden Zeit, diese an das Land (Anm. d. Red.: hier das LZG NRW) zu übermitteln. Das Land hat dann wiederum 24 Stunden Zeit, diese an das RKI zu übermitteln."

Die Zahlen der Stadt Münster sind präzise.

Stellungnahme der Stadt Münster

Und wie ermittelt die Stadt Münster selbst die täglichen Corona-Zahlen? Die Stadt berichtet nach eigenen Angaben "personen- und quarantänegenau". Zeige eine infizierte Person nach Ablauf ihrer Quarantäne keine Symptome mehr, werde sie aus dem Segment "aktuell Infizierte" gelöscht und in das Segment "Genesene" übertragen. Diese Personen werden laut einer schriftlichen Antwort eines städtischen Sprechers von Scouts des "Teams Corona" im Gesundheitsamt Münster mehrfach kontaktiert. "Die Zahlen der Stadt Münster sind damit präzise", heißt es in der Stellungnahme.

Auch die Sprecherin des LZG räumt ein, dass die unterschiedlichen Zahlen "für die Vermittlung an die Bürger schwierig" seien. Dennoch bleibe das LZG bei dem bisherigen Weg mit Schätzwerten auf Basis des Algorithmus des RKI. Außerdem bestätigte auch die LZG-Sprecherin: "Die Kommunen haben das detaillierteste Bild von einem Fall."

Welche Zahlen wir nutzen

Wir nutzen in unserer Berichterstattung sowohl bei den derzeit Infizierten als auch bei den Gesundmeldungen die Zahlen der Stadt Münster sowie der Kreisverwaltungen der Münsterland-Kreise. Diese haben den Vorteil, dass sie präziser sind, da sie nicht auf Schätzwerten beruhen.

Bei den Neuinfektionen nutzen wir ebenfalls die Zahlen der Stadt sowie der Kreise, da diese am aktuellsten sind. Außerdem liefern nur die Kreise Infektionszahlen für die einzelnen Kommunen. Die Kreiszahlen können sich dabei unter Umständen von den Zahlen des LZG unterscheiden, da die Zahlen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemeldet bzw. übermittelt werden. Gleiches gilt für die Todesfälle.

Bei der Sieben-Tage-Inzidenz nutzen wir die Zahlen des LZG, weil diese für die Entscheidung maßgeblich sind, ob es Verschärfungen oder auch Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen gibt. Zudem werden beim LZG auch nachträgliche Korrekturen der Gesundheitsämter sicher nachvollzogen. 

Grundsätzlich ist anzumerken, dass es zusätzlich zu den gemeldeten laborbestätigten Corona-Fällen auch eine Dunkelziffer von unentdeckten Infizierten gibt, etwa wenn diese symptomfrei sind. Wie hoch die Dunkelziffer ist, hängt dabei auch von unterschiedlichen Vorgehensweisen der Gesundheitsämter beim Testen ab.

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Keine Auswirkungen auf den Inzidenzwert

Nicht zu vergessen ist außerdem: Die Schätzwerte haben keine Auswirkungen auf die Sieben-Tage-Inzidenz. Diese ergibt sich ausschließlich aus den Corona-Neuinfektionen, die Zahl der aktuell Infizierten und der Genesenen spielt dabei keine Rolle. Die Inzidenz gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen an - und entscheidet darüber, ob Verschärfungen oder Lockerungen von Corona-Schutzmaßnahmen notwendig oder möglich sind.

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