Bekämpfung der Corona-Pandemie
„Impfstoffe gerecht zu verteilen schützt alle“

Münster -

Erst kürzlich hat die EU angekündigt, ihren Beitrag für Covax zu verdoppeln. Das internationale Programm soll für eine weltweit faire Verteilung von Impfstoffen sorgen. Prof. Dr. Joachim Gardemann von der FH Münster erklärt, warum das so wichtig ist.

Donnerstag, 25.02.2021, 11:20 Uhr
Bekämpfung der Corona-Pandemie: „Impfstoffe gerecht zu verteilen schützt alle“
Die Impfung ist der Weg raus aus der Pandemie. Prof. Dr. Joachim Gardemann von der FH erklärt, dass der Impfstoff aber fair und weltweit verteilt werden müsse. Foto: dpa (Symbolbild)

Prof. Dr. Joachim Gardemann ist Kinderarzt und leitet das Kompetenzzentrum Humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster . Für das Rote Kreuz war der 65-Jährige in den vergangenen 25 Jahren auf der ganzen Welt als humanitärer Krisenhelfer im Einsatz. Im Interview mit der Pressestelle der Fachhochschule spricht er darüber, warum die faire Verteilung des Impfstoffs so wichtig ist.

Wie steht es aktuell um die faire Verteilung von Impfstoffen?

Prof. Dr. Joachim Gardemann: In der Realität sehen wir, dass es schon auf nationaler Ebene Probleme gibt, dass es Menschen gibt, die sich vordrängeln wollen. Berichte über Impfungen der Geschäftsführungen von Kliniken haben die Öffentlichkeit empört. Wenn wir auf der globalen Ebene schauen, dann erkennen wir, dass die Impfstoffverteilung sehr ungerecht ist. Die reichen Länder, die Industrienationen, die den Impfstoff herstellen, haben praktisch sämtlichen Impfstoff für sich allein reklamiert. Als der ehemalige US-amerikanische Präsident vor Monaten sagte, die Impfstoffe bleiben alle in den USA, waren wir entrüstet. Im Grunde genommen machen wir in Europa es gerade nicht anders.

Warum ist eine global gerechte Verteilung von Impfstoffen so wichtig?

Gardemann: Aus zwei Gründen: Zunächst ist es die allgemeine humanitäre Ethik. Ein Grundsatz darin ist die Unparteilichkeit, die Hilfe nach dem Maß der Not allein. Er besagt, dass man zuerst Menschen hilft, die in größter Not sind, ohne dabei Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität und andere zu berücksichtigen. Die Impfstoffe werden aktuell nicht nach diesem Grundsatz verteilt, sondern bleiben da, wo sie produziert werden und wo der meiste Profit zu machen ist.

Was ist der andere Grund?

Gardemann: Der andere ist ein infektionsepidemiologischer Grund. Wir können nur dann sagen, dass wir eine Krankheit wirklich ausgerottet haben, wenn sie in jedem Winkel der Welt ausgerottet ist. Wenn wir in anderen Ländern große Bevölkerungsteile ungeimpft lassen, bleiben dort Reservoirs von Virusträgern, die immer wieder neue Mutationen produzieren können. Diese Mutationen erreichen früher oder später auch die reicheren Länder. Impfstoffe gerecht zu verteilen schützt alle. 

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Der Mediziner Prof. Dr. Joachim Gardemann plädiert dafür, die Bekämpfung der Corona-Pandemie weltweit anzupacken. Foto: FH Münster/Wilfried Gerharz

Was müssen wir tun, um das Problem weltweit zu lösen?

Gardemann: Wenn wir das Corona-Problem weltweit lösen möchten, müssen wir es auch weltweit anpacken. Da haben wir Erfahrungen mit anderen Krankheiten, beispielsweise mit der Kinderlähmung oder mit den Pocken, die Ende der Siebzigerjahre durch weltweite Impfungen ausgerottet werden konnten.

Wie könnte eine gerechte Verteilung organisiert werden?

Gardemann: Den Patentschutz aufzuheben wäre sicherlich eine Möglichkeit. Sie ist bei einigen Medikamenten beschritten worden, ich denke da zum Beispiel an einige HIV-Medikamente. Andererseits muss erst einmal die gesamte Impflogistik ermöglicht werden. Man muss ja teilweise Impfstoffe bis minus 70 Grad kühlen. In einem Land ohne regelmäßige Stromversorgung ist das fast ausgeschlossen. Impfstoff muss transportiert werden, er muss sicher verimpft werden, dafür muss auch der Nachschub an Kanülen und Spritzen und so weiter sichergestellt sein.

Was bereitet also so große Probleme?

Gardemann: Länder in Not haben schon allein ein riesiges logistisches Problem. Da sind wieder die reicheren Länder gefordert, wie das bei anderen Krisen auch passiert. Die Corona-Pandemie ist eine Katastrophe, so ist auch hier humanitäre Soforthilfe und Aufbauhilfe gefragt. Von UNICEF gibt es bereits schon eine ausgeklügelte Impflogistik und Kühlketten zum Beispiel für Masernimpfungen. Es gibt also durchaus schon vorhandene technologische Möglichkeiten.

Ihr letzter humanitärer Hilfseinsatz für das Rote Kreuz war in einer Ebola-Station in Westafrika. Ebola und Corona unterscheiden sich. Gibt es dennoch Lehren, die auch für die aktuelle Lage gelten können?

Gardemann: Wie Corona macht auch Ebola nicht an den nationalen Grenzen halt. Es zeigt sich, dass eine übernationale Kooperation erforderlich ist. Der Ebola-Einsatz hat auch deutlich gemacht, dass die ärmsten Länder – Sierra Leone, Guinea und Liberia gehören ja zu den allerärmsten Ländern – ein solches Problem in den Griff bekommen können, wenn sie unterstützt werden.

Corona-Impfstoffe im Vergleich

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  • Nach den Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna hat die Europäische Kommission dem schwedisch-britischen Produkt Astrazeneca an diesem Freitag die Genehmigung erteilen. Ein Vergleich.

    Foto: Silvia Izquierdo/AP/dpa
  • Wie sind die Impfstoffe gebaut?

    Die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. „m“ steht für messenger (Bote), „RNA“ für Ribonucleic acid (Deutsch: Ribonukleinsäure). Die mRNA ist die Bauanleitung für einen Bestandteil des Covid-19-Erregers und gelangt mit Hilfe winziger Fetttröpfchen in die Körperzellen. Diese stellen dann das Virusprotein her, gegen das der Körper seine Immunantwort entwickelt.


    Astrazenecas Produkt mit dem Wirkstoff AZD1222 hingegen beruht auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Auch hier bilden die Zellen mit Hilfe der Bauanleitung das Protein und der Körper entwickelt eine Immunantwort dagegen.

    Foto: Andrew Matthews/PA Wire/dpa
  • Wie gut wirken die Vakzine?

    Das US-Unternehmen Moderna hatte Ende November 2020 mitgeteilt, sein Impfstoff besitze eine Wirksamkeit von 94 Prozent - gemessen 14 Tage nach der zweiten Dosis. Comirnaty, der Impfstoff von Biontech und Pfizer, zeigte eine fast identische Wirksamkeit von 95 Prozent - gemessen sieben Tage nach der zweiten Dosis. Das bedeutet, dass unter den Probanden der geimpften Gruppe 95 Prozent weniger Erkrankungen auftraten als unter denen der Kontrollgruppe.


    Das Mittel von Astrazeneca wies in Studien eine geringere Wirksamkeit von etwa 70 Prozent auf, ist jedoch vergleichsweise leicht zu handhaben. Die EU-Arzneimittelagentur EMA schloss zunächst allerdings nicht aus, dass das Mittel nur für bestimmte Altersgruppen zugelassen wird, da für Ältere erst wenige Testdaten vorlägen. Bei den Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna gibt es hingegen belastbarere Daten zu Senioren. So schützt das Mittel von Biontech einer Studie zufolge ältere Menschen ähnlich gut wie jüngere, bei Moderna liegt die Wirksamkeit etwas unter den genannten 94 Prozent.


    Ob die genannten Zahlen jedoch auch bei einem massenhaften Einsatz der Impfstoffe zu erreichen sind, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Unklar ist auch noch, wie lange der Impfschutz anhält und ob der Geimpfte das Virus noch weitergeben kann.

    Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
  • Wie oft wird geimpft?

    Hier gibt es große Übereinstimmungen: alle drei Impfstoffe erfordern zwei Wirkstoffgaben. Bei Biontech/Pfizer bekommt der Patient im Abstand von etwa drei Wochen jeweils eine Dosis, beim Produkt von Moderna sind es rund vier, bei Astrazeneca mindestens vier Wochen. Bei beiden Impfungen sollte stets dasselbe Präparat zum Einsatz kommen: „Eine begonnene Impfserie muss mit dem gleichen Impfstoff abgeschlossen werden, auch wenn zwischenzeitlich weitere Impfstoffe zugelassen worden sind“, heißt es beim Robert Koch-Institut (RKI). Bei einem Wechsel des Präparats könne die volle Wirksamkeit derzeit nicht gewährleistet werden, teilte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mit. Es gebe noch keine entsprechenden Untersuchungen.


    Comirnaty muss vor dem Spritzen mit einer Natriumchlorid-Lösung verdünnt werden. Nach Biontech-Angaben ist der verdünnte Impfstoff maximal sechs Stunden bei 2 bis 30 Grad haltbar. Er könne also bei Bedarf schon im Impfzentrum verdünnt und dann auch als vorbereitete Dosis in der Spritze vorsichtig transportiert werden. Das Produkt von Moderna wird gebrauchsfertig geliefert. Gespritzt wird jeweils in den Oberarm-Muskel. Der Wirkstoff könne für einige Stunden im Muskel bleiben und der Körper habe so Zeit, ihn zu erkennen und darauf zu reagieren, erklärt der Rostocker Virologe Andreas Podbielski.

    Foto: Felix Kästle/dpa
  • Welche Nebenwirkungen gibt es?

    Dem RKI zufolge waren Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Schüttelfrost die nach den bisherigen Impfungen am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen. Im Allgemeinen waren diese aber schwach bis mäßig und klangen nach kurzer Zeit wieder ab. Berichte über schwere unerwünschte Folgen gibt es bei allen drei Vakzinen bisher nicht.


    Die Ständige Impfkommission beim RKI empfiehlt die Impfung auch für Menschen mit Immunschwäche - also zum Beispiel bei HIV-Infektionen, Krebserkrankungen oder nach Organtransplantationen. „Wenngleich Personen mit geschwächtem Immunsystem möglicherweise nicht so gut auf den Impfstoff ansprechen, bestehen keine besonderen Sicherheitsbedenken“, heißt es auch bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA. „Immungeschwächte Personen können trotzdem geimpft werden, da bei ihnen möglicherweise ein höheres Risiko durch Covid-19 besteht.“

    Foto: Felix Kästle/dpa
  • Wer soll nicht geimpft werden?

    Der Biontech/Pfizer-Impfstoff ist für Menschen ab 16 Jahren vorgesehen. Der von Moderna ist ab 18 Jahren gedacht, obwohl das Unternehmen kürzlich damit begonnen hat, seinen Impfstoff bei 12- bis 17-Jährigen zu testen. Über die Wirkung des Astrazeneca-Präparats auf Kinder und Jugendliche ist nach Angaben der britischen Arzneimittelbehörde MRHA bisher nichts bekannt. Eine Impfempfehlung für Kinder ist laut RKI „noch nicht absehbar“. Studien dazu seien jedoch geplant.


    Einigkeit besteht darin, wer nicht geimpft werden soll: Menschen mit einer allergischen Reaktion auf einen der Inhaltsstoffe oder mit schweren allergischen Reaktionen nach einer vorherigen Dosis.

    Foto: Ariel Schalit/AP/dpa
  • Schützen die Impfstoffe auch vor Varianten des Virus?

    Das ist noch nicht abschließend geklärt, allerdings sind die Hersteller Moderna und Biontech/Pfizer zuversichtlich. Erste Tests deuten darauf hin, dass ihre Impfstoffe auch vor den beiden zunächst in Großbritannien und Südafrika nachgewiesenen Mutanten schützen. Allerdings stellten die Unternehmen auch fest, dass Geimpfte gegen die Variante aus Südafrika offenbar eine schwächere Immunantwort aufbauen. Die Hersteller beobachten die Entwicklung sehr genau. Man könne den Impfstoff gegebenenfalls anpassen, teilten Pfizer und Biontech mit. Moderna will unter anderem die Wirkung einer zusätzlichen Auffrischungsdosis testen.

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  • Wie werden die Impfstoffe gelagert?

    Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wird bei minus 70 Grad aufbewahrt. Beim Moderna-Impfstoff muss es mit etwa minus 20 Grad Celsius im Vergleich nicht ganz so kalt sein. Ein großer Vorteil bei Astrazeneca ist, dass man das Vakzin bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad lagern kann.


    Unterschiede gibt es auch nach dem Auftauen: Der Pfizer-Impfstoff kann dann im Kühlschrank gelagert, muss aber innerhalb von fünf Tagen aufgebraucht werden. Der Moderna-Impfstoff ist 30 Tage bei Kühlschranktemperatur und zwölf Stunden bei Raumtemperatur stabil.

    Foto: Eugene Hoshiko/AP/dpa
  • Wie teuer sind die Mittel?

    Die Preise für die neuartigen mRNA-Impfstoffe liegen vermutlich weit höher als bei dem Mittel von Astrazeneca. Die belgische Staatssekretärin Eva De Bleeker hatte die bisher geheim gehaltenen Preise zeitweise auf Twitter veröffentlicht. Demnach kostet eine Dosis des Moderna-Impfstoffs umgerechnet rund 15 Euro, eine von Biontech/Pfizer 12 Euro, eine von Astrazeneca nur 1,78 Euro. Der Tweet wurde später gelöscht.

    Foto: Ennio Leanza/KEYSTONE/dpa
  • Wie viel hat die EU bestellt, wie viel bekommt Deutschland?

    Die EU-Kommission hat mit sechs Herstellern Rahmenverträge über die Lieferung von insgesamt 2,3 Milliarden Impfstoffdosen geschlossen - mehr als genug für die 450 Millionen Europäer. Von Biontech/Pfizer soll die EU bis zu 600 Millionen Dosen bekommen und von Moderna noch einmal 160 Millionen Dosen. Von Astrazeneca erwartete die EU eigentlich 80 Millionen Impfdosen bis Ende März. Dass es nun nach EU-Angaben nur 31 Millionen sein sollen, sorgt derzeit für Streit zwischen Brüssel und dem Hersteller.


    Deutschland hat sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums mehr als 90 Millionen Dosen von Biontech gesichert, von Moderna rund 50 Millionen Dosen. Für das Präparat von Astrazeneca sollten es eigentlich rund 56 Millionen aus einer gemeinsamen EU-Bestellung sein.

    Foto: Christian Charisius/dpa
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