Gastbeitrag vom Krisenstabsleiter
Ein Jahr Corona in Münster: Die Wende ist eingeleitet

Münster -

Ein Jahr Corona in Münster: Wolfgang Heuer, Leiter des Corona-Krisenstabs, blickt zurück auf ein Jahr voller Herausforderungen, Entbehrungen und Anstrengungen. Ein Gastbeitrag.

Sonntag, 28.02.2021, 12:00 Uhr aktualisiert: 28.02.2021, 12:18 Uhr
Der menschenleere Prinzipalmarkt ist Sinnbild für die Corona-Pandemie in Münster. Der harte Lockdown gilt seit Mitte Dezember 2020. Kleines Bild (rechts): Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer.
Der menschenleere Prinzipalmarkt ist Sinnbild für die Corona-Pandemie in Münster. Der harte Lockdown gilt seit Mitte Dezember 2020. Kleines Bild (rechts): Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer. Foto: dpa

Kaum jemand konnte vor zwölf Monaten erahnen, dass eine kommende weltweite Pandemie unser Leben so drastisch verändern würde. Trotz aller Vorkehrungen, die der Staat für den Katastrophenfall trifft: Corona ist eine Herausforderung, die wir in dieser Form nicht kannten und die die Verantwortlichen seither an den Rand ihrer Möglichkeiten gebracht hat.

Die Bekämpfung der Pandemie begann vergleichsweise unspektakulär: Landauf, landab wurden von den Gesundheitsämtern einfache Hygieneempfehlungen herausgegeben, mit denen sich die Menschen gegen die Virusübertragung schützen sollten. Es dauerte aber nur wenige Tage, um zu erkennen, dass das nicht reichen wird. Der Krisenstab der Stadt wurde noch vor der ersten Infektion in Münster einberufen. Damit war den Beteiligten klar: Es läuft auf eine große Anstrengung zu, für die alle Kräfte gebündelt werden müssen. Seither hat der Stab 69 Mal getagt, hier laufen die Fäden im Netzwerk der Pandemiebekämpfung zusammen.

Weitreichende Konsequenzen

Anfang März 2020 kam es dann aufgrund einiger Infektionen zu ersten Schließungen von Kitas und Schulen, der Send wurde abgesagt. Den Menschen wurde mehr und mehr deutlich, was mit „Kontaktreduzierung“ gemeint war und wie weitreichend die Konsequenzen sein könnten.

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Krisenstabsleiter Wolfgang Heuer Foto: dpa

Mitte März spitzte sich die Lage zu, es entwickelte sich eine unerhörte, nie dagewesene Situation. Das Virus breitete sich in Deutschland immer schneller aus, auch Münster verzeichnete steigende Infektionen. Überall im Land wurden Ordnungsverfügungen erlassen, die auf eine drastische Kontaktreduzierung zwischen den Menschen abzielten und gleichbedeutend waren mit dem „Einfrieren“ des normalen gesellschaftlichen Lebens. Dies ist in Münster am 18. März mit einer von mir unterzeichneten Allgemeinverfügung erfolgt.

Leise und traurige Stimmung in der City

Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag nach einer Krisenstabssitzung in der Feuerwache am York-Ring mit dem Rad zum Stadthaus 1 in der City fuhr und eine merkwürdig leise und traurige Stimmung in den Geschäftsstraßen wahrnahm. Die Geschäfte begannen bereits, das eben erst Beschlossene umzusetzen und ihre Ladenlokale zu schließen. Ich weiß es noch wie heute, dass es ein Gefühl der Beklommenheit war, das mich bei diesen Bildern beschlich. Hinter uns liegen zwölf Monate voller Zumutungen, Opfer und Unsicherheiten. Eine schwere Zeit für alle, egal ob Bürger oder Verantwortliche. 101 Todesfälle, eine Zahl, die für keine Relativierung offensteht.

Wie das Virus über Münster kam

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  • Seit dem 26. Februar des vergangenen Jahres hat das Coronavirus auch Münster fest im Griff. Eine Chronologie von den ersten Empfehlungen zur Infektionshygiene bis zur Eröffnung des Impfzentrums in der Halle Münsterland.

    Foto: colourbox.de
  • 26. Februar: Stadt Münster veröffentlicht Empfehlungen zur Infektionshygiene

    Foto: colourbox.de
  • 27. Februar: Vorab-Ankündigung eines Corona-Krisenstabs

    Foto: Martin Kalitschke
  • 29. Februar: Erste registrierte Corona-Infektion in Münster

    Foto: colourbox.de
  • 2. März: Erste Sitzung des Krisenstabs

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2. März: Systematische Umwidmung von normalen Krankenhausbetten in "Corona-Betten" gestartet

    Foto: dpa
  • 2. März: Transparenzoffensive der Stadt gestartet (Web)

    Foto: Screenshot
  • 4. März: Erste Kita präventiv geschlossen

    Foto: Matthias Ahlke
  • 5. März: Erste Schule präventiv geschlossen

    Foto: Matthias Ahlke
  • 10. März: Send-Absage

    Foto: Matthias Ahlke
  • 13. März: Stadt untersagt Club- und Tanzveranstaltungen

    Foto: colourbox.de
  • 14. März: Ankauf von 500.000 Materialien zum Schutz v.a. in systemrelevanten Einrichtungen

    Foto: colourbox.de
  • 16. März: Land schließt alle Schulen und Kitas

    Foto: dpa
  • 18. März: Lockdown – Allgemeinverfügung der Stadt zur Schließung von Einrichtungen, Geschäften, Lokalen, Sportanlagen, Kultureinrichtungen usw. sowie Verbot von Veranstaltungen; sukzessive verschärfte Auflagen am Wochenmarkt, der aber dauerhaft erhalten bleibt

    Foto: Klaus Meyer
  • 26. März Therapiezentrum mit KVWL in Uppenberg-Schule eingerichtet

    Foto: Katrin Jünemann
  • 26. März: Erster Corona-Todesfall in Münster

    Foto: dpa
  • 30. März: Einrichtung einer "Kommunalen Krankenhilfe-Einrichtung" im DRK-Institut, Sperlichstraße, zur Entlastung von Krankenhäusern

    Foto: Matthias Ahlke
  • 31. März: zwei Anlauf- und Versorgungsstellen für wohnungslose Menschen

    Foto: Presseamt Münster
  • 14. April: "Münsters gute Naht" – Masken-Aktion mit Kirchen und Apothekerkammer

    Foto: dpa
  • 20. April: Münster führt als erste Großstadt in NRW die Maskenpflicht ein; später zieht Landesregierung mit allgemeiner Maskenpflicht nach; parallel laufen erste Lockerungen an

    Foto: Oliver Werner
  • 30. April: Gastro-Gipfel und andere Maßnahmen zur Dämpfung wirtschaftlicher und kultureller Folgeschäden

    Foto: Oliver Werner
  • 11. Mai: Entscheidung, Erntehelfer/innen auf drei Bauernhöfen zu testen

    Foto: Peter Steffen/dpa
  • 10. Juni: 41. und vorerst letzte Sitzung des Krisenstabes

    Foto: Stadt Münster
  • 23. Juni: Wiederaufnahme des Krisenstabes wegen schwerer Ausbruchsgeschehen im Umland

    Foto: Gunnar A. Pier
  • August: Stark steigende Infektionszahlen in Münster

    Foto: Screenshot
  • 20. September: Großevakuierung von 16.000 Menschen in Mauritz (Blindgängerfund) trotz Corona geglückt

    Foto: Pjer Biederstädt
  • 28. September: Erste Bar wegen eines Ausbruchsgeschehens geschlossen, Grundschulklassen vorsorglich in Quarantäne

    Foto: Oliver Werner
  • 9. Oktober: 50. Sitzung des Corona-Krisenstabs

    Foto: Oliver Werner
  • 23. Oktober: Erste Restaurants wegen Ausbruchsgeschehens geschlossen, 15 Corona-Todesfälle gesamt

    Foto: Oliver Werner
  • 24. Oktober: Stadt überschreitet Inzidenzwert von 35

    Foto: colourbox.de
  • 25. Oktober: Stadt überschreitet Inzidenz-Grenzwert von 50

    Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
  • 26. Oktober: Absage aller Weihnachtsmärkte in Münster

    Foto: Oliver Werner
  • 27. Oktober: Maskenpflicht in stark frequentierten Fußgängerzonen

    Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
  • 30. Oktober: Stadt überschreitet Inzidenz-Grenzwert von 100

    Foto: Oliver Auster/dpa
  • 31. Oktober: Schließung aller Hallenbäder und städtischer Kultureinrichtungen, Hotels, Restaurants etc.

    Foto: Matthias Ahlke
  • November: Weitere Verstärkungen für das "Team Corona" im Gesundheitsamt – nun über 100 Personen

    Foto: Oliver Werner
  • 2. November: Münsters Inzidenz liegt bei 116,7

    Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
  • 6. November: Entzerrung des Unterrichtbeginns in Schulen / Maskenpflicht auf Spielplätzen

    Foto: mlü
  • 12. November: 20 Corona-Todesfälle gesamt in Münster

    Foto: Frank Molter/dpa
  • 17. November: Ankündigung des Landes – Münster wird Standort eines Impfzentrums, Federführung bei Feuerwehr

    Foto: Amt für Kommunikation/Stadt Münster
  • 19. November: Mobile Raumluftreiniger in 300 Schulräumen eingesetzt

    Foto: Amt für Kommunikation/Stadt Münster
  • 20. November: Verschärfte Corona-Regeln in Schulen

    Foto: dpa
  • 4. Dezember: Stadt startet breit angelegte Kampagne: "#MSgegenCorona"

    Foto: Stadt Münster
  • 9. Dezember: Verschärfter Corona-Bußgeldkatalog - 
    Stadt stellt 1,2 Millionen Euro in Übergangsfinanzierung für Aufbau des Impfzentrums bereit

    Foto: Oliver Werner
  • 15. Dezember: Impfzentrum ist betriebsbereit – kann aber aufgrund mangelnder Impfstoffe nicht starten

    Foto: Oliver Werner
  • 16. Dezember: Stadtverwaltung fährt Betrieb coronabedingt herunter

    Foto: Oliver Werner
  • 19. Dezember: Stresstest im Impfzentrum geglückt

    Foto: hpe
  • 23. Dezember: Hilfsorganisationen und Feuerwehr unterstützen in Pflegeeinrichtungen bei Abnahme von Corona-Tests

    Foto: dpa
  • 27. Dezember: Start der Impfkampagne in vollstationären Pflegeeinrichtungen – 180 Personen geimpft

    Foto: hpe
  • 8. Januar: Oberbürgermeister Markus Lewe plant Gedenktag für Corona-Opfer

    Foto: Oliver Werner
  • 18. Januar: Impfstart in den Krankenhäusern der Stadt – in Eigenregie

    Foto: Matthias Ahlke
  • 31. Dezember: Feuerwerksverbot auf zahlreichen Straßen, Plätzen und öffentlichen Anlagen, 50 Corona-Todesfälle gesamt

    Foto: Oliver Werner
  • 19. Januar: Auftakt zur Zweitimpfung in Münsters stationären Einrichtungen

    Foto: dpa
  • 20. Januar: Münsters Inzidenz unter 50 – und so soll es auch bis heute (8.Februar) bleiben

    Foto: Ann-Kathrin Schriever
  • 22. Januar: Post vom Landesgesundheitsminister für 17.000 Über-80-Jährige in Münster zum Start im Impfzentrum

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  • 25. Januar: Impf-Terminvergabe an Über-80-Jährige durch KVWL

    Foto: Jürgen Christ
  • 29. Januar: 90 Corona-Todesfälle in Münster gesamt

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  • 1. Februar: "Impf-Taxi" soll Transport zum Impfzentrum sichern

    Foto: Matthias Ahlke
  • 3. Februar: Neue Corona-Mutation in Münster registriert

    Foto: imagoimages
  • 8. Februar: Eröffnung des Impfzentrums Münster unter schwierigen Witterungsbedingungen (Massiver Wintereinbruch)

    Foto: Stadt Münster
  • 14. Februar: Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 11,7

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  • 18. Februar: 100. Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus

    Foto: dpa

Immerhin können wir sagen, dass die Stadt im letzten Sommer, nach der ersten Welle, die richtigen Konsequenzen gezogen und sich auf die mögliche zweite Welle vorbereitet hat: Material, Schulung, Organisation – an vielen Punkten wurde massiv investiert. Und das hat sich in den letzten Monaten bezahlt gemacht. Nicht stehen bleiben, sondern weiterdenken und nach vorne gehen, das bewährt sich auch in der Pandemiebekämpfung. Ein guter Inzidenzwert bedeutet allerdings nicht, dass es den Kindern gut geht. Daher waren die jetzt erfolgten Öffnungen in Kita, Schule und Sport dringend notwendig. Gut ist auch, dass an den Schulen endlich eine umfassende Maskenpflicht gilt.

Virus wird durch Impfung erfolgreich bekämpft

Die Wende der Pandemie ist bereits eingeleitet: Mit dem großflächigen Impfen wird das Virus erfolgreich bekämpft werden, da bin ich mir sicher. Natürlich sind wir vor Ort unzufrieden mit dem langsamen Anlaufen und anderen Schwierigkeiten im Umfeld. Aber das darf nicht den Blick verstellen für die Aufgabe: impfen, impfen, impfen! Der Impfschutz wird helfen, Schritt für Schritt in Richtung Normalität zu kommen.

Und so geht in den nächsten Wochen der Spagat weiter: Einerseits muss mit Nachdruck gegen Virusmutationen und die sich aufbauende dritte Welle gearbeitet werden: Abstand, Maske, Rücksichtnahme. Gleichzeitig muss es uns gelingen, mit zusätzlichen Maßnahmen wie Schnelltests und neuen Regeln zur digitalen Kontakterfassung den Weg für weitere Öffnungen sicher zu machen. Münster hat für die kommende Zeit gute Voraussetzungen. Wir sollten etwas daraus machen.

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