Sonderveröffentlichung

Höchste Alarmstufe bei Blutvergiftung
Symptome oft trügerisch

Richtig oder falsch: Ein roter Strich auf der Haut, der sich nach einer Verwundung bildet, gibt den Hinweis auf eine Blutvergiftung, die zum Tod führen kann? „Da muss man stark differenzieren“, empfiehlt Dr. Christian Ertmer. Weit verbreitet sei der Irr-Glaube, das Symptom „roter Strich“ sei ein Indiz für eine Sepsis, sprich: Blutvergiftung. 

Dienstag, 08.05.2018, 21:16 Uhr
Detlef Rotter lebt mit einem Kunstherzen, dann kam eine Blutvergiftung dazu. Gut, dass Ärzte in der Nähe waren, die ihn richtig behandelt haben.
Detlef Rotter lebt mit einem Kunstherzen, dann kam eine Blutvergiftung dazu. Gut, dass Ärzte in der Nähe waren, die ihn richtig behandelt haben. Foto: Gunnar A. Pier

„Dabei handelt es sich zunächst um eine Lymphbahnen-Entzündung, die sich – nicht rechtzeitig erkannt – zu einer Sepsis entwickeln kann“, erklärt der Privatdozent am Universitätsklinikum Münster . Die „richtige“ lebensbedrohliche Sepsis beginnt dann, wenn die Infektion zu einer Organfunktionsstörung führt.

Noch während der Körper versucht, die ungebetenen Gäste – Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten – zu bekämpfen, richten sowohl die Erreger selbst als auch das körpereigene Immunsystem große Schäden in den Organen an. In solchen Situationen spielt jede Minute eine wichtige Rolle, ähnlich wie beim Herzinfarkt.

Zehnwöchiger Aufenthalt in der Uniklinik

Genau hier liegt die Crux: in der Früherkennung. Was das anbelangt, kann Detlef Rotter sich glücklich schätzen. Ein zehnwöchiger Aufenthalt in der Uniklinik stand sicher nicht an erster Stelle seiner Wunschliste. Andererseits ist er froh und glücklich darüber, dass die vereinten Fachkräfte des UKM sein Krankheitsbild schnell genug erkannt haben.

Seit knapp zwei Jahren bewegt sich der 58-Jährige mit einem sogenannten Kunstherzen durchs Leben. Bislang gab es da auch keine Komplikationen, bis es ihm Mitte Februar so richtig, richtig schlecht ging. „Zunächst zeigten sich nur eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes, Mineralienmangel, veränderte Blutwerte“, zählt Ertmer auf. Bei der Behandlung in der Klinik entwickelte sich beim ohnehin schon geschwächten Patienten noch eine Lungenentzündung.

Sepsis-Therapie erneut notwendig

Durch die Sepsis versagten die Nieren ihre Tätigkeit. Detlef Rotter kam auf die Intensivstation, erhielt eine komplexe Antibiotikatherapie, Dialyse und künstliche Beatmung. Danach ging es ihm relativ schnell wieder besser. Er konnte die Intensivstation wieder verlassen. Allerdings wiederholten sich Lungenentzündung und Nierenversagen. Eine erneute Sepsis-Therapie wurde notwendig.

Zurzeit gehört die „Nasenbrille“ für ihn zu den wichtigsten medizinischen Hilfsmitteln. Diese Sauerstoffbrille – in die Nasenlöcher eingeführt – erleichtert ihm das Atmen und somit auch das Sprechen. Durch die Dialyse und die hoffentlich bald wieder einsetzende eigene Nierenfunktion wird er noch mal zehn Kilogramm an Wassereinlagerungen loswerden. Unterdessen bekommt er täglich Besuch von einer Physiotherapeutin, die ihm langsam wieder auf die Beine hilft. Auch wird ihm eine Logopädin zur Seite stehen, die ihn beim Kostaufbau begleitet.

Einige Risikofaktoren 

Ertmer macht deutlich: „Teils handelt es sich hier um patienteneigene Keime, teils um im Krankenhaus erworbene Erreger. Viele von uns tragen einige Risikofaktoren in sich. Nur jeder reagiert anders darauf.“

Viele von uns tragen einige Risikofaktoren in sich. Nur jeder reagiert anders darauf.

Dr. Christian Ertmer

Besonders gefährdet sind daher vorgeschädigte Patienten mit einem angeschlagenen, nicht intakten Immunsystem. Laut „Sepsis-Stiftung“ sterben in Deutschland pro Jahr 70.000 Menschen an einer Sepsis. Also: 20 Mal mehr Menschen als im Straßenverkehr.

Scheinbar harmlose Symptome erkennen

Das Trügerische: Die Anzeichen einer Sepsis verbergen sich oftmals hinter zunächst scheinbar harmlosen Symptomen wie Schüttelfrost, Fieber und Verwirrtheit. „Funktionieren zudem Lunge oder Niere nicht richtig und sind die Laborwerte bedenklich, ist höchste Alarmstufe geboten“, erklärt der Fachmediziner.

So erkennen Sie eine Blutvergiftung

Schüttelfrost, Fieber und starke Muskelschmerzen

Extremes, nie gekanntes Krankheitsgefühl

Periphere Minderdurchblutung, verfärbte Haut

Schläfrigkeit, Verwirrtheit

Ich habe mich gefühlt, als würde ich sterben

Schnelle, schwere Atmung, Luftnot

...

„Fokussanierung“ nennt er als Stichwort. Sie fordert als erstes die Lokalisierung des Infektionsherdes, anschließend die Gabe eines entsprechenden Antibiotikums sowie in einigen Fällen eine Operation. Die unterstützende Therapie: Beatmung der Lunge und eine Dialyse.

Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen 

Als notwendigen Teil der Initialtherapie nennt Ertmer das Zusammenspiel von Intensivmedizin, Chirurgie, Radiologie und Intensivpflege, wie sie das Uniklinikum bietet. Inklusive ABS-Team.

Antibiotic Stewardship (ABS)

... versucht, die Behandlung von Infektionserkrankungen durch Einbindung unterschiedlicher medizinischen Disziplinen zu verbessern. Es ist wichtig, die spezialisierten Kenntnisse von Infektiologen, Apothekern und Mikrobiologen zu bündeln, um die behandelnden Ärzte bestmöglich in der Infektionsbehandlung bestmöglich zu unterstützen. Dies kommt nicht nur dem einzelnen Patienten zugute, es hilft auch dabei, einen möglichst schonenden Antibiotikaeinsatz vorzunehmen. Das vermehrte Auftreten von Erregern, die nur noch eine reduzierte Empfindlichkeit gegen Antibiotika haben, erfordert Engagement.

...

Zusammen mit dem „Antibiotic Stewardship Team“, das die Ärzte beim Einsatz von Antibiotika berät, wird die entsprechende individuelle Therapie veranlasst.

Intensivmediziner und Oberarzt Dr. Christian Ertmer (im blauen Kittel) berät mit Dr. Christian Lanckohr, Apothekerin Dagmar Horn und Oberarzt Dr. Marcus Arends (alle ABS-Team) über einen Patienten mit einer Blutvergiftung.

Intensivmediziner und Oberarzt Dr. Christian Ertmer (im blauen Kittel) berät mit Dr. Christian Lanckohr, Apothekerin Dagmar Horn und Oberarzt Dr. Marcus Arends (alle ABS-Team) über einen Patienten mit einer Blutvergiftung. Foto: UKM/Wibberg

„Die Sterblichkeit durch Sepsis ist in den vergangenen Jahrzehnten schon deutlich zurückgegangen“, so die Erfahrung von Dr. Christian Ertmer. Nicht zuletzt ist das das Verdienst von Fachgesellschaften, die Maßnahmen und Programme entwickelten, um diese lebensbedrohliche Krankheit möglichst von vornherein zu verhindern, und „dabei spielen Hygiene und Pflege eine sehr große Rolle“, versichert Ertmer. „Ebenso wie ein guter Personalschlüssel.“

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