Sonderveröffentlichung

Therapeutische Essbegleitung entlastet die Familie
Ess-Stress

Eltern, die bei Susanne Renk landen, „kommen aus einem Hamsterrad, aus einem Teufelskreis der Anspannung“, wie die Logopädin sagt. Sie können kochen, was sie wollen, aber die Kinder essen nicht. „Sie schimpfen, die Kinder weinen. Es schaukelt sich hoch.“ Das Ergebnis: Stress. Der lässt sich vermeiden – durch eine therapeutische Essbegleitung.

Donnerstag, 06.09.2018, 17:32 Uhr
So ist‘s brav: Ein Junge lässt sich mit Brei füttern. Doch oft ist die Nahrungsaufnahme kompliziert.
So ist‘s brav: Ein Junge lässt sich mit Brei füttern. Doch oft ist die Nahrungsaufnahme kompliziert. Foto: colourbox.de

Milan ist drei Jahre alt. Gestern hat er zum Abendbrot vier Knäckebrotscheiben mit Wurst und Käse verputzt, erzählt seine Mutter stolz. Dass Milan isst, ist für die Familie Lobüscher nicht selbstverständlich. Noch vor einem guten halben Jahr litt der rothaarige Junge an einer Fütterstörung – und wurde aus diesem Grund für vier Wochen im UKM aufgenommen. 

Gerade bei jüngeren Kindern kann eine Störung des Essverhaltens gefährlich werden, da sie sich untergewichtig nur eingeschränkt entwickeln können. Die Ursachen für Fütterstörungen sind vielfältig. Es kann zum Beispiel sein, dass das Kind schon früher ein Sorgenkind war, wie bei Frühchen – und dass die Verweigerung des Essens eine Absage an eine Art „Überfürsorge“ ist. „Das Kind will sagen: Ich bin mit der Situation so nicht einverstanden. Über das Essen werden häufig auch Machtkämpfe und Prozesse des Selbstständigwerdens ausgetragen“, weiß die Logopädin Susanne Renk , die die Familie Lobüscher am UKM betreut hat.

Nichts als Toast mit Marmelade 

Bei Milan hat alles im August 2016 angefangen. Er hat den Teller weggeschoben, angefangen zu weinen, geschrien. Immer wieder. „Milan war ein ‚picky eater‘ – das sind Kinder, die nur wenige Lebensmittel essen und alles Neue komplett verweigern“ erklärt Dr. Martina Monninger , Leiterin der psychosomatischen Station der Kinderklinik und des Sozialpädiatrischen Zentrums am UKM. Bei Milan waren es Toastbrot mit Marmelade – oder Joghurt. Für die Eltern keine einfache Situation: „Ich habe nur noch Angst gehabt, den Jungen immer beobachtet, kontrolliert, ob er was isst, immer die Waage im Blick gehabt. Es war wirklich Stress pur“, erinnert sich die Mutter aus Mülheim.

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Milan (links) war ein „picky eater“: Er hat nur wenige Lebensmittel gegessen und alles Neue komplett verweigert Foto: Wilfried Gerharz

Sandra Lobüscher sucht Hilfe und geht mit Milan zum Kinderarzt. Doch der vertröstet sie und schickt sie wieder nach Hause: Milans Verhalten sei normal für sein Alter und es handele sich wohl nur um eine Phase. Trotzdem hält der Stress am Essenstisch an – und die Sorgen der Eltern wachsen. Ein zweiter Kinderarzt übermittelt die Familie schließlich ans UKM, wo Milan und seine Mutter im November 2017 aufgenommen werden. Da wog Milan nur noch rund 13 Kilogramm und stand an der Schwelle zum Untergewicht.

„Die Eltern, die hier aufgenommen werden, kommen aus einem Hamsterrad, aus einem Teufelskreis der Anspannung. Sie kochen, die Kinder essen nicht. Sie schimpfen, die Kinder weinen. Es schaukelt sich hoch und Kinder haben Antennen für Anspannung“, weiß auch die Logopädin. In der psychosomatischen Station der Kinderklinik und dem Sozialpädiatrischen Zentrum am UKM bekommen betroffene Familien eine therapeutische Essbegleitung, werden medizinisch und psychotherapeutisch betreut. Dazu werden in der Regel ein Elternteil und das betroffene Kind nach einem ambulanten Vorgespräch für drei bis vier Wochen stationär aufgenommen.

Ein stationärer Aufenthalt in der Klinik kann helfen 

Ein großer Schritt, der sich Susanne Renk zufolge meist auszahlt: „Wenn die Eltern hier hinkommen, werden sie aufgefangen. Sie wissen, dass hier Ärzte und Spezialisten sind, die sich mit ihrem Problem auskennen und ihnen helfen. Das ist erst einmal eine große Entlastung für die Eltern – und das spüren auch die Kinder. Die Eltern müssen sich hier nicht mehr verstecken und bekommen keine gut gemeinten Ratschläge wie zum Beispiel von den Schwiegereltern zu hören, so nach dem Motto: ‚Gib mir das Kind mal für zwei, drei Wochen, und dann isst es schon wieder.’“

Über das Essen werden häufig auch Machtkämpfe und Prozesse des Selbstständigwerdens ausgetragen.

Auch Milan und seine Mutter spüren im UKM sofort eine Veränderung. „Milan hat direkt am ersten Abend im Krankenhaus plötzlich Birne und Apfel gegessen. Zuhause wollte er das nicht. Es war direkt anders“, erinnert sich Sandra Lobüscher. Gegessen wird im UKM an Tischen mit anderen Eltern, Kindern und Therapeuten. Schüsseln gehen rum, man bedient sich, man unterhält sich. „Es gibt ein Essensangebot und die Kinder bestimmen, ob sie dieses Angebot annehmen oder nicht. Es wird nicht gedrängt, wir laufen niemandem mit dem Essen hinterher. Die Kinder sollen wieder lernen, ihren Körpersignalen zu folgen: Ich habe Hunger und dann esse ich, was auf dem Tisch steht. Und wenn sie das nicht wollen, dann ist es – ganz hart gesagt – ihr Problem. Das geht natürlich nur bei Kindern, die gesund und noch nicht zu untergewichtig sind“, erklärt die Logopädin.

Tischdecke oder Sitzposition ändern 

Neben dem Essen in Gemeinschaftsräumen gibt es dann auch noch Essenssituationen zu dritt, in denen nur das Kind, ein Elternteil und ein Therapeut zusammen essen. Da geht es dann viel um Austausch und Rückmeldungen – zum Verhalten des Kindes und der Reaktion der Eltern.

„Es ist nicht so, dass wir den Eltern hier vorschreiben, wie sie sich beim Essen zu verhalten haben. Wir schauen uns die Essenssituationen diagnostisch auch mit Videoaufnahmen an, und machen den Eltern Vorschläge, was man ändern könnte“, betont Dr. Martina Monninger. Da geht es zum Beispiel darum, wie sie das Kind anders füttern können, wie sie anders mit dem Kind sprechen können oder wie sich die Situation entspannter gestalten lässt.

„Manchmal kann es schon helfen, die Sitzpositionen zu verändern. Oder die Situation optisch anregender zu gestalten, ein buntes Tischtuch zu nehmen und Kindern ein eigenes Besteck zu schenken. Essen macht Kindern auch viel mehr Spaß, wenn sie sich selbst das Essen nehmen dürfen, statt einen fertigen Teller vor die Nase gesetzt zu bekommen, das unterstützt die Selbstständigkeit“, weiß die Logopädin.

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Milan spielt im Kaufladen. Seine Eltern sind erleichtert über die Hilfe von Logopädin Susanne Renk (links) und Ärztin Dr. Martina Monninger. Foto: Wilfried Gerharz

Die Eltern werden während des stationären Aufenthalts vorsichtig wieder an die gemeinsamen Mahlzeiten zu Hause herangeführt. Ab dem zweiten Wochenende geht es, wenn es gut läuft, zur sogenannten Belastungserprobung für eine Nacht nach Hause. Dort können die Eltern das Gelernte schon einmal zu Hause umsetzen. „Nach dem Probewochenende besprechen wir hier, wie das gemeinsame Essen geklappt hat. Und bevor wir eine Familie entlassen, spielen wir auch viele mögliche Situationen durch, sodass die Eltern wirklich gewappnet sind“, erklärt Susanne Renk.

Angst vor einem Rückfall hatte die Familie Lobüscher daher nicht. „Wir hatten ja gute Tipps mit auf den Weg bekommen. Zu Hause haben wir Milan einfach selber machen lassen. Er füllt sich jetzt selber auf, er entscheidet, was und wie viel er davon essen möchte und das klappt super. Er hat einen Lappen, mit dem er seinen Mund beim Essen sauber macht, auf den besteht er. Und ein rotes kleines Kännchen, da ist abends immer Kakao drin.“

Essen macht wieder Spaß.

Letzte Woche hat Milan in Berlin Bratwurst ohne Haut entdeckt – die mag er besonders gerne. Auf die Waage bringt er mittlerweile ganze 16,3 Kilogramm. „Essen macht wieder Spaß“, sagt Mutter Sandra Lobüscher und strahlt.

Fütterstörung

Fütterstörungen sind relativ häufig und treten in der Regel bei Kindern im Alter bis sechs Jahren auf, die Dunkelziffer liegt im ersten Lebensjahr bei geschätzten 25 Prozent. Behandlungsbedürftig sind Fütterstörungen ab einer anhaltenden Dauer von vier Wochen, wenn eine Mahlzeit mehr als 30 bis 45 Minuten in Anspruch nimmt, häufiger als alle zwei Stunden gefüttert wird und bei den Eltern ein großer Leidensdruck besteht.

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