Viren
Finger weg!

Wer über Viren reden will, dem bleibt ein Gespräch über Ausscheidungen nicht erspart, findet unser Redaktionsmitglied Stefan Werding. Er hat mit dem Direktor des Instituts für Molekulare Virologie an der Universität Münster, Professor Stephan Ludwig, über „Magen-Darm“ und ähnliches Ungemach gesprochen.

Donnerstag, 29.11.2018, 07:37 Uhr aktualisiert: 29.11.2018, 07:48 Uhr
Viren: Finger weg!
Ein Infekt hat viele unangenehme Begleiterscheinungen. Die Berge von Taschentüchern, die man dabei verbraucht, sind nur eine davon. Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Zur Vorbereitung auf unser Interview habe ich mir am Wochenende einen Magen-Darm-Infekt eingefangen. Können Sie dagegen nichts erfinden?

Professor Stephan Ludwig: Da sind Forscher dran. Das Problem bei viralen Magen-Darm-Erregern wie beispielsweise den Noroviren ist, dass die so furchtbar schnell sind. Die können ganz schlimme Folgen haben und können Betroffene richtig flachlegen. Bis bei denen ein Medikament wirkt, ist das Virus schon fast wieder weg. Das ist das Problem.

Wie viel Zeit vergeht vom Eindringen des Virus in den Körper bis zu den ersten Symptomen? Zwei Stunden, zwei Tage? Wie lange trägt man das mit sich herum?

Ludwig: Das kommt auf das Virus an. Man hört das ja von Kreuzfahrtschiffen, auf denen innerhalb kürzester Zeit alle krank werden. Rechnen Sie mal in Zeiträumen von Tagen und nicht von Stunden. Das Virus muss sich ja erst mal vermehren, bis es Probleme machen kann. Das dauert beim Norovirus ein bis zwei Tage.

Das Problem bei den Noroviren ist, dass die so furchtbar schnell sind. Die können schlimme Folgen haben.

Professor Stephan Ludwig

Wenn Sie die Viren schon nicht bekämpfen können, könnten Sie sie nicht wenigstens färben, damit man ihnen besser aus dem Weg gehen kann?

Ludwig (lacht): Schwierig, schwierig. Wir machen etwas Ähnliches für Kinder, allerdings nur um die Übertragung anschaulich zu machen. Dabei nutzen wir eine fluoreszierende Farbe, die wir von Handschuh zu Handschuh weitergeben. Damit zeigen wir, wie wir Viren von einem zum anderen weitergeben. Aber die Möglichkeit, Viren in der Natur selber zu färben, die gibt es leider nicht.

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Professor Stephan Ludwig Foto: Stefan Werding

Ist es denn sinnvoll, Wasserhähne, Klobrillen und Klinken mit einem Antiseptikum einzusprühen, wenn das Virus erst mal im Haus ist?

Ludwig: Das ist sehr löblich. Das bringt sehr viel. Früher haben Experten vermutet, dass die Viren vor allem über die Tröpfcheninfektion weitergegeben werden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Handkontakt eine sehr große Rolle spielt. Wenn man eine kontaminierte Klinke oder die Hand eines Infizierten geschüttelt hat und sich dann im Gesicht herumgreift, ist das ein sehr, sehr häufiger Übertragungsweg. Wahrscheinlich häufiger als das Anniesen zum Beispiel. Insofern ist Handhygiene etwas, womit man sich gegen viele, viele Erreger schützen kann. Forscher haben Menschen mit der Kamera beobachtet, ohne dass die das wussten. Dann haben sie gezählt, wie oft die sich unbewusst ins Gesicht greifen. Es ist unglaublich, wie oft man im Gesicht herumfuhrwerkt. Auch das sollte man in den kritischen Zeiten bewusst unterlassen.

Wenn man beim Schnäuzen nicht aufpasst, dann hat man natürlich auch die Hände voller Viren.

Professor Stephan Ludwig

Herr Ludwig, hier habe ich noch eine Frage vergessen: Wie lange kann ein Virus außerhalb eines Körpers überleben – zum Beispiel auf einer Türklinke?

Ludwig: Das ist nicht allgemein zu beantworten. Beispielsweise sind Viren, die außen eine zusätzliche Lipidschicht haben, weniger widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse als sogenannte unbehüllte Viren. Eine weiterer Faktor ist die Temperatur. Je kälter es ist, desto länger können Viren an der Oberfläche infektionsfähig bleiben. Atemwegserreger überleben auf Oberflächen wahrscheinlich nur wenige Stunden, während Magen-Darm-Erreger wie Noroviren auf bestimmten Oberflächen, zum Beispiel auf Teppichen, auch mehrere Tage oder Wochen infektionsfähig bleiben.

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Ein Virus, das eine Zelle befällt, hat nach acht bis zehn Stunden tausende Nachkommen.

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Wenn wir über Viren reden, müssen wir auch über Ausscheidungen sprechen. Wie müssen wir mit den Konsequenzen von Infekten umgehen? Oder konkreter: Was ist mit dem Inhalt von Taschentüchern. Ist der auch voller Viren?

Ludwig: Ja klar. Wenn es jetzt schon unappetitlich wird: Wenn man beim Schnäuzen nicht aufpasst, dann hat man natürlich auch die Hände voller Viren. Auch dann empfiehlt es sich ganz dringend, sich die Hände zu waschen.

Woher haben diese Viren die Macht, einen erwachsenen Menschen innerhalb kürzester Zeit so weit zu bringen, mit dem Leben abschließen zu wollen?

Ludwig: Wenn beispielsweise ein Grippevirus eine Zelle befällt, werden schon nach acht bis zehn Stunden tausende neu entstandene Viren aus dieser Zelle ausgeschleust. Wir haben zwar schon ein effizientes Immunsystem. Deswegen werden wir ja auch meistens wieder gesund. Doch das Problem ist: Wenn sich die Viren so schnell vermehren, passieren auch viele Fehler. So entsteht eine Vielzahl von Varianten, auf die das Immunsystem erst reagieren muss. Gerade, wenn ein hoher Druck auf das Immunsystem besteht – etwa durch eine Impfung –, kann das Virus so mutieren, dass ihm die Körperabwehr nichts mehr anhaben kann. Darum muss man sich gegen die Grippe jedes Jahr neu impfen lassen.

„Es ist unglaublich, wie oft man im Gesicht herumfuhrwerkt“, sagt Professor Stephan Ludwig. In Infektionszeiten sollte man das besser lassen.

Professor Stephan Ludwig

Man könnte ein Eindruck bekommen, dass Viren clever wären.

Ludwig: Ja, aber Viren haben natürlich kein Bewusstsein. Die bestehen aus Nukleinsäure, verpackt in irgendeine Hülle und dazu ein paar Oberflächenproteine, die dazu da sind, an eine Zelle anzudocken. Zusätzlich helfen ihm andere Proteine, sich in der Zelle zu vermehren. Das ist im Grunde die gesamte Maschinerie. Das ist keine intelligente Aktion des Virus, sondern nur eine auf Effizienz getrimmte biologische Reaktion.

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