Sonderveröffentlichung

Spinal Cord Stimulation
Mit Strom gegen den Schmerz

Für viele Menschen gehören Schmerzen zum Alltag. So auch für Pia Tyrann: Jahrzehntelang litt sie unter Schmerzen, die sie zur Verzweiflung brachten. Bis Neurochirurg Dr. Lars Lemcke ihr ein Elektro-Aggregat implantierte, das den Schmerz unterbricht. Seitdem hat Tyrann neue Hoffnung.

Dienstag, 27.11.2018, 16:08 Uhr
Zwei, die sich verstehen: Dr. Lars Lemcke nahm sich Zeit, um Pia Tyranns Geschichte anzuhören. Er schlug ihr das SCS-System vor.
Zwei, die sich verstehen: Dr. Lars Lemcke nahm sich Zeit, um Pia Tyranns Geschichte anzuhören. Er schlug ihr das SCS-System vor. Foto: Jürgen Christ

Pia Tyranns Geschichte ist schwer. Sie ist durchzogen von Schmerz – und das seit 22 Jahren. So lange hat die Bocholterin mit chronischen Schmerzen gelebt, die ihr ihren Beruf, ihren Alltag und ihre Lebensqualität genommen haben. Bis jetzt. 

Denn ein Eingriff am Uniklinikum Münster (UKM) hat alles verändert: Oberarzt Dr. Lars Lemcke hat ihr ein bierdeckelgroßes Gerät implantiert, das mithilfe von elektrischen Impulsen ihr Leiden mildert. Dadurch hat Pia Tyrann ein Stück Leben zurückgewonnen.

Der Beginn einer langen Krankheitsgeschichte

Alles begann im Jahr 1996. Tyrann, damals angehende Krankenpflegerin, stürzte beim Skifahren während einer Studienfahrt. Diagnose: Kreuzbandriss. Doch die vermeintlich harmlose Verletzung war der Beginn einer langen Krankheitsgeschichte. Tyranns Knie heilte nicht. Die Ärzte versuchten zunächst, es zu operieren, wieder und wieder.

„Und die Schmerzen blieben. Die ganze Zeit“, erinnert sich die heute 42-Jährige. Jahrelang ertrug sie den Schmerz und ging weiter ihrem Alltag als Krankenpflegerin nach. Erst nach der Schicht griff sie zu den Gehstützen, um auch die letzten Meter zum Auto noch zu bewältigen – zu groß waren die Strapazen mit dem verletzten Knie.

Zusätzliche Qualen

Schließlich half alles nichts mehr. Selbst ein künstliches Kniegelenk sorgte nur für zusätzliche Qualen, mittlerweile war Tyranns linkes Bein bläulich verfärbt und wurde immer kälter. Im April 2016 entschieden die Mediziner, das Bein zu amputieren. Seitdem bestreitet die Bocholterin den Alltag vom Rollstuhl aus. Ein immenses Opfer für die quirlige Frau, für die ihr Beruf stets auch Leidenschaft war. Und dennoch: Der Schmerz blieb.

Irgendwann denken die Patienten: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Und dann wird es doch schlimmer.

Dr. Lars Lemcke

Die vielen Operationen hätten ihr Leid am Ende nicht gemildert, sondern verschlimmert, sagt Tyrann heute. Dr. Lars Lemcke, Oberarzt der Neurochirurgie am UKM, hat solche Patientengeschichten schon oft gehört. „Das Problem ist, dass diese Menschen unter einem riesigen Leidensdruck stehen. Und irgendwann denken sie: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Und dann wird es doch schlimmer“, sagt er.

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Patientin Pia Tyrann erzählt ihre Geschichte: Das UKM ist die erste Klinik, die sie aus freien Stücken ausgewählt hat. Sie hoffte, dass man ihr in der dortigen Neurochirurgie helfen könne – und genau das tat Dr. Lars Lemcke.  Foto: Jürgen Christ

In eben dieser Notsituation steckte Pia Tyrann, als sie zum ersten Mal in Lemckes Sprechzimmer saß. Lemcke war der erste Arzt seit 22 Jahren, der Tyrann nicht anbot, das Knie oder den noch übrig gebliebenen Stumpf ihres linken Beins zu behandeln. Stattdessen hörte er zunächst einfach nur zu, als sie von ihren Qualen berichtete.

Sie litt unter drei Arten von Schmerz

Erstens: ein lokaler Druckschmerz im Stumpf, wo regelmäßig der Oberschenkelmuskel über den abgetrennten Knochen reibt. Zweitens: ein Phantomschmerz, da sie noch immer ihren linken Fuß spürt, der seit der Amputation nicht mehr da ist. „Es fühlt sich an wie ein Schraubendreher, der sich in meine Ferse bohrt“, sagt die Patientin. Ein solcher Phantomschmerz sei keine Seltenheit, erläutert Lemcke. Im Körper entstehe eine Art „Gedächtnis für das verlorene Glied“, der alte Schmerz bleibe oftmals bestehen.

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Die dritte Schmerzart: Impulse, die Tyranns ganzen Körper durchschossen wie ein Stromschlag. 40 bis 50 Mal am Tag geschah das, immer wieder schrie sie vor Schmerz laut auf, weil das Leid kaum zu ertragen war. Der Grund: ein sogenanntes Neurom, also ein Nervenknoten, der sich nach der Amputation am Stumpf gebildet hatte. Tausende von falsch zusammengewachsenen Nervenspitzen sendeten regelmäßig elektrische Signale – ein Schmerz, der Tyrann verzweifeln ließ.

Spinal Cord Stimulation - kurz „SCS“

Lemcke implantierte seiner Patientin ein Elektro-Aggregat, das nun vom Bauch aus elektrische Signale aussendet. Über Elektroden, die auf einem Kabel durch Tyranns Wirbelkanal gelegt wurden, wird das Rückenmark leicht unter Strom gesetzt. Tyrann spürt davon nichts – aber der Strom unterbricht die Weiterleitung des chronischen Schmerzes. „Spinal Cord Stimulation“, kurz „SCS“, nennt sich das System. Rund 30 solcher Aggregate hat Lemcke allein in diesem Jahr bei Patienten eingesetzt. 

Das SCS-System: Hilfe durch Elektro-Impulse

Die Rückenmarkstimulation, auch „Spinal Cord Stimulation“ (SCS) genannt, gilt als bewährte Therapieform für chronische Schmerzen. Dabei stimulieren elektrische Ströme das Rückenmark. Es handle sich um einen „vergleichsweise standardisierten“ Eingriff, wie Lemcke betont. Doch noch immer gebe es Fortschritte bei der Technik des Aggregats: So hätten die Patienten vor einigen Jahren noch ein „ameisenartiges Kribbeln“ gespürt, mittlerweile sei nichts mehr spürbar.

...

Versprechen könne er nichts, betont der Oberarzt. Nicht allen Menschen helfe diese Methode. Aber Pia Tyrann hat sie geholfen. Jetzt, vier Wochen nach der Operation, hat die 42-Jährige ihr Lachen wiedergefunden. Mit einer Fernbedienung steuert sie die Intensität des Stroms in ihrem Körper. Gegen den Phantomschmerz und den Druckschmerz im Stumpf hilft das Gerät zwar bislang nicht.

Aber die stärkste Qual, nämlich die Impulsschmerzen, ist verschwunden. Nun muss Tyrann nicht mehr vor Leid aufschreien, muss nicht mehr verzweifelt auf die nächste Attacke warten. „Zum ersten Mal konnte ich wieder durchatmen“, sagt sie. Jetzt hofft sie, auch die beiden anderen Schmerzarten regulieren zu können, indem sie mit Lemcke die Einstellungen des Geräts verfeinert. Aber sie betont auch: „Wenn man starke Schmerzen hat, ist jeder Schmerz, der wegfällt, eine große Erleichterung.“

Verbesserte Lebensqualität

Sollte sich ihr Zustand tatsächlich weiter verbessern, hat Tyrann ein Ziel: Sie will ihre Tochter zum Pferdestall begleiten, um sie reiten zu sehen. Das wünscht sie sich schon seit Jahren. Noch immer hat die 42-Jährige große Schmerzen. Aber die Verbesserung ihrer Lebensqualität sei „unfassbar“, sagt sie. Und zum ersten Mal scheint es so, als könne der Wunsch, ihre Tochter im Sattel zu sehen, schon bald in Erfüllung gehen.

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