Sonderveröffentlichung

Künstliche Befruchtung
„Lustig unterwegs sein“

Jamaika? Warum? „Da können wir auch in zehn Jahren noch hinfahren“, sagt Britta Borgmann. Die 38-Jährige hat die ein halbes Jahr alte Carlotta im Arm, lächelt und macht überhaupt nicht den Eindruck, etwas zu vermissen. Ganz im Gegenteil: Sie und ihr Mann Jens haben zwei Gründe, glücklich darüber zu sein, dass alles so ist, wie es ist. Der eine ist Carlotta. Und der andere Michel. Mit den beiden war nicht immer zu rechnen.

Samstag, 23.02.2019, 06:00 Uhr
Die Borgmanns haben Michel und Carlotta durch künstliche Befruchtung bekommen. Weil die Eizellen, aus denen sie stammen, tiefgefroren waren, bezeichnen sie ihre Kinder auch liebevoll als „Eisbären“.
Die Borgmanns haben Michel und Carlotta durch künstliche Befruchtung bekommen. Weil die Eizellen, aus denen sie stammen, tiefgefroren waren, bezeichnen sie ihre Kinder auch liebevoll als „Eisbären“. Foto: Jürgen Christ

Jens Borgmann (35) ist nicht zeugungsfähig. Nachdem er als Elfjähriger beim Sport „immer so ein Ziehen in der Leistengegend“ hatte und zum Arzt ging, entdeckte der bei dem Jungen Wanderhoden und Hodenhochstand. Das ist kein Problem, wenn es früh genug erkannt wird. Nach elf Jahren ist es allerdings spät. Und es wurde ein Problem. Denn seitdem wusste Borgmann, dass es mit dem Kinderzeugen wohl schwierig werden würde.

Als er und Britta Borgmann ein Paar wurden und sich entschlossen, eine Familie zu gründen, setzten sie zunächst trotzdem auf die Natur: „Wir probieren erst, und dann gucken wir mal“, beschreibt die 38-Jährige ihre damalige Strategie. Nach einem Jahr Probieren und mit dem Wissen um Jens‘ Vorerkrankung war für beide klar: „Das wird so nichts. Wir hätten schon eine Menge Glück gebraucht, um eine Befruchtung zu erzielen“, sagt Jens Borgmann heute. Die Untersuchung der Spermien hatte ergeben, dass sie zu wenig und zu langsam waren. „Da gab es nicht viel zu überlegen.“ Darum wandten sie sich 2011 an das UKM Kinderwunschzentrum in Münster.

Das wird so nichts. Wir hätten schon eine Menge Glück gebraucht, um eine Befruchtung zu erzielen.

Jens Borgmann

In Fällen wie bei den Borgmanns kommt nur eine spezielle Form der künstlichen Befruchtung infrage, sagt der Leiter des Kinderwunschzentrums, Privat-Dozent Dr. Andreas Schüring . Nicht bei jedem Paar sei es so klar wie bei den Borgmanns, warum sie keine Kinder bekommt. Unfruchtbarkeit habe viele Ursachen. Sie liegen nach Schürings Worten zu einem Drittel beim Mann, zu einem Drittel bei der Frau. Beim letzten Drittel blieben die Ursachen unklar. Vor jeder Therapie sei deshalb die Ursachenforschung nötig.

Laut UKM ist auch bei einer eingeschränkten Fruchtbarkeit nicht automatisch eine künstliche Befruchtung nötig.

Wenn die Ursachen für eine ausbleibende Schwangerschaft unklar bleiben, raten die Experten de Kinderwunsch-Zentrums zunächst zu einer „milden Hormonstimulation“, die die Eizellreifung unterstützt und den Eisprung herbeiführt. Kurz vor dem Eisprung sollten die Paare dann Sex haben. Diese Methode gilt noch nicht als künstliche Befruchtung. Führt das zu nichts, setzen die Ärzte den männlichen Samen in die Gebärmutter ein (Insemination). Wenn beide Eileiter der Frau verschlossen sind oder die genannten einfachen Methoden nicht zum Erfolg führen, kommen bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) Spermien und Eizellen im Reagenzglas zusammen. Dabei müssen die Spermien selbst den Weg in die Eizelle finden. Können sie das nicht, kommt die „intrazytoplasmatische Spermieninjektion“ (ICSI, sprich: ixi) ins Spiel. Dabei werden unter dem Mikroskop Spermien in die Eizellen injiziert. Für Männer ohne Spermien im Ejakulat bleibt eine letzte Chance, Vater zu werden: Die Spermien können bei einer Operation aus dem Hodengewebe entnommen und für ICSI verwendet werden.

„Macht euch nicht so einen Kopf“, rät Schüring Paaren, die zu ihm kommen und für die der Sex und die ganze Planerei zum Stress wird. Bis Stress die Spermien bremst, müsse zwar schon sehr viel passieren, aber er sagt: „Lustig unterwegs sein, wie man Zeit und Lust hat“, erhöhe wahrscheinlich am besten die Chance auf eine Befruchtung. Denn was viele nicht wissen: Während Spermien bis zu vier Tagen in der Gebärmutter auf den Eisprung warten können, ist die Eizelle ganz anders gestrickt – sie wartet nicht gerne, nur ein paar Stunden. Deshalb sagt Schüring: „Paare, die nur noch planen und vorher sogar Karenz einhalten, laufen Gefahr, den Zeitpunkt zu verpassen – und dafür der ganze Stress…“

Im Schnitt sind die Frauen, die zu uns kommen, über 35 Jahre alt.

Dr. Andreas Schüring

Der Arzt hat gut reden. Weil wegen des Studiums und der Arbeit der Frau viele Paare ihren Kinderwunsch erst in der Zeit nach ihrem 30. Geburtstag erfüllen wollen, wird die Zeit knapp. „Im Schnitt sind die Frauen, die zu uns kommen, über 35,“ sagt Schüring. „Wir haben hier selten 27-Jährige.“ Die älteren Hilfesuchenden haben es oft schon länger versucht, dann geht man nicht sofort los, sodass noch zwei Jahre vergehen. Und irgendwann wird es knapp.

Bei Jens Borgmann war von vornherein klar, dass die ICSI das erfolgversprechendste Verfahren ist. Bei einem gesunden Mann enthält ein Ejakulat rund 40 Millionen Spermien. „30 Prozent davon sollten schnell beweglich sein, um Richtung Eileiter stürmen zu können“, wie Schüring sagt. Sobald es deutlich weniger werden, funktioniere eine Befruchtung nur noch per Injektion. So wie bei Borgmann. Nachdem die Ärzte jeweils eine seiner Samenzellen in die Eizellen seiner Frau gespritzt hatten, wurden sie zwei, drei Tage in einer Petrischale bebrütet, bevor sie als Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt wurden. Die Erfolgschance liegt so bei 30 Prozent. Beim den einfacheren Verfahren sind es nur 15 bis 20, eben wie in der Natur. Trotzdem mussten die Borgmanns zittern. Vorher erhielt seine Frau Hormone, die den weiblichen Körper dazu bewegen, mehr Eizellen reifen zu lassen als normal. Die werden der Frau per Ultraschall-Punktion entnommen und dann mit den Spermien des Mannes befruchtet. Die Eizellen, die übrig bleiben, werden eingefroren.

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Dr. Andreas Schüring Foto: Jürgen Christ

Nach rund 14 Tagen wissen die Ärzte, ob sich eine der Eizellen oder beide in der Gebärmutter eingenistet haben. Laut Schüring ist das die Zeit, in der die Natur die „genetische Qualität des Embryos“ kontrolliert. Denn es überleben in der Regel nur die, in denen die Erbanlagen richtig verteilt sind. „Die Entscheidung liegt bei der Natur“, sagt der Mediziner. „Das ist das Schlimmste“, sagt Britta Borgmann. In der Zeit zwischen Hoffen und Bangen habe sie auf jedes Zipperlein gehört. Dazu kam die Behandlung mit Hormonen, die ihr seelisches Gleichgewicht zusätzlich durcheinandergebracht hat.

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Das ist das, was die Patientinnen von Dr. Andreas Schüring sehen wollen: Zwei Striche beim Schwangerschaftstest bedeuten, dass sie schwanger sind. Foto: dpa

Einige Frauen sind danach besonders vorsichtig. Aber sich krankschreiben lassen und mit dem Fahrrad keinen Bordstein mehr hochfahren – das ist übertrieben. Bei Michel hat es erst beim dritten Mal geklappt, bei Carlotta sogar erst beim siebten oder achten Mal. Weil die Eizellen, aus denen sie stammen, tiefgefroren waren, nennt sie ihre Kinder auch „Eisbären“. Das lange Warten ist für ein Paar deswegen besonders belastend, weil ab dem sechsten Versuch die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es überhaupt nicht klappen wird. Abgesehen davon kostet jeder Versuch extra. „Dann fragt man sich schon: ,Warum wir?‘“, sagt Britta Borgmann. Aber den Kopf in den Sand zu stecken, helfe schließlich auch nicht weiter. Die Uniklinik wendet das Verfahren 450 Mal im Jahr an. In 30 Prozent der Fälle kommt es zu einer Schwangerschaft, in 20 zu einer Geburt. 80 bis 90 Kinder kommen so im Jahr zur Welt.

Das kann ein Jahr dauern, bis sie erfahren, dass es trotzdem nicht klappt.

Dr. Andreas Schüring

Knapp 30 Prozent aller Paare, die in der Kinderwunschklinik Hilfe suchen, bekommen trotz aller Mühen keine Kinder. „Das kann ein Jahr oder länger dauern, bis sie erfahren, dass es trotzdem nicht klappt“, sagt Schüring. „Wenn die einen Kinderwagen sehen, dann sind sie ganz enttäuscht und leiden bitterlich.“ Aber die Einsicht hat auch einen Vorteil: „Dann ist auch gut. Die Paare können sich letztlich umstellen und über Alternativen nachdenken – etwa eine Adoption oder ein Leben ohne Kind.“

Bei den Borgmanns ist das kein Thema. Im Gegenteil: „Wir kommen noch ein drittes Mal in die Uniklinik“, kündigen sie an. Jamaika kann weiter warten.

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