Sonderveröffentlichung

Umgang mit Brustkrebs
Krank und machtlos

Die Diagnose „Brustkrebs“ hat Indra Smith „erstarren lassen“, wie sie nach ihrer Therapie erzählt. Sie kämpfte nicht nur gegen die Nebenwirkungen der Chemos, sondern auch gegen das Gefühl, machtlos zu sein: „Am Anfang dachte ich, ich sterbe jetzt“, erinnert sie sich. Es hat lange gedauert, bis die junge Frau einen Weg gefunden hat, sich mit ihrer Krankheit abzufinden.

Samstag, 23.02.2019, 06:00 Uhr
Auf einer Röntgenaufnahme ist die gesunde Brust einer Frau zu sehen. Nicht immer endet die Untersuchung so positiv wie in diesem Fall
Auf einer Röntgenaufnahme ist die gesunde Brust einer Frau zu sehen. Nicht immer endet die Untersuchung so positiv wie in diesem Fall. Foto: dpa

Mit einem Knoten in der Brust fing im Dezember 2017 alles an. Indra Smith wandte sich an ihren Frauenarzt, der sie beruhigte, es handele sich nur um eine gutartige Neubildung, kein Anlass zur Sorge. Erst mehrere Arztbesuche später, als schon eine Wölbung erkennbar war, erhielt die 29-Jährige eine Überweisung. Am 12. Juli 2018 dann nach einer Biopsie die erschreckende Diagnose: Brustkrebs. „Da war der Schock umso größer, nachdem ich immer beruhigt worden war. Ich war wie erstarrt“, erinnert sich die Absolventin der Politikwissenschaften, die nach ihrem Studium in Bremen und Oldenburg für ihre Promotion nach Münster gezogen war. „Meine erste Frage war, ob das heilbar sei. Ansonsten weiß ich nicht mehr viel von diesem Gespräch.“

Diese Erfahrung macht Dr. Carl Opitz häufig im Patientenkontakt. Dem Oberarzt des Brustzentrums der Uniklinik ist bewusst, dass nur die ersten drei Sätze eines solchen Gespräches die Patientin erreichen. Dort wurden im vergangenen Jahr 5434 Patientinnen betreut, viele davon jung. Das erscheint ungewöhnlich, tritt doch Brustkrebs, der 30 Prozent aller Krebsdiagnosen einnimmt, meist erst im mittleren Alter auf. „Hier geht es noch um viele Lebensjahrzehnte“, freut sich der Arzt über das große Vertrauen und zeigt sich besonders motiviert, denn es gelte umso mehr, „das Maximum herauszuholen“.

Meine erste Frage war, ob das heilbar sei. Ansonsten weiß ich nicht mehr viel von diesem Gespräch.

Patientin Indra Smith

Für Indra Smith begann eine „besonders nervenaufreibende Zeit“ mit unzähligen Tests. Hierbei stellte sich heraus, dass die Lymphknoten der gebürtigen Paderbornerin nicht befallen waren, keine Metastasen. Allerdings litt die junge Patientin an der seltenen und besonders aggressiven „Triple-negative“-Form. Wodurch die Krankheit ausgelöst wurde, kann niemand sagen. Eine genetische Veranlagung konnten die Ärzte allerdings ausschließen.

Im August begann für sie die hoch-dosierte Chemotherapie. Indra Smith erinnert sich noch genau an die große Unsicherheit: „Zwar erklären einem die Ärzte alles über das medizinische Vorgehen“, lobte sie die Betreuung durch Dr. Opitz, „dennoch fühlte ich mich an diesem ersten Tag nicht gewappnet.“ Eine andere Patientin erklärte ihr damals die ersten Schritte und nahm ihr so die Angst, mittlerweile hat die inzwischen Erprobte ihre Erfahrung selbst weitergegeben.

_GER6818

Dr. Carl Opitz mit seiner Patientin Indra Smith. Der Gynäkologe sieht eine wichtige Aufgabe darin, seinen Patientinnen Mut, aber keine falschen Hoffnungen zu machen. Foto: Wilfried Gerharz

Smith kämpfte nicht nur gegen die Nebenwirkungen der zweiwöchentlichen Chemos, die ihr immer wieder tagelang zu schaffen machten, sondern auch gegen das Gefühl, machtlos zu sein: „Am Anfang dachte ich, ich sterbe jetzt“, erinnert sie sich. Lange dauerte es, bis sich die junge Frau, die vor ihrer Diagnose gerne joggen ging, mit ihrer Krankheit abfinden konnte. Trotzdem setzte sie sich Ziele, zwang sich, auch an schlechten Tagen vor die Tür zu gehen, denn „nur weil man krank ist, sollte das Leben nicht auf Pause sein“, findet sie.

Hilfe durch Freunde und Familie

In dieser Zeit konnte sie sich auf viele Menschen verlassen, die ihr Halt gaben. „Meine Familie war einsame Spitze“, sie unterstützte sie, wo es nur ging. Ihr Freund rasierte schließlich mit ihr gemeinsam die letzten Haare ab. Zusätzlich konnte sie sich auf ein großes Netz aus Freunden verlassen, die immer wieder Hilfe anboten, sodass sie sich nie allein fühlte: „Ohne diese wäre ich nie durchgekommen“, betont Smith. Nicht alle reagierten so gefasst, einige Freunde begegneten der Diagnose mit Wut, andere zogen sich ganz zurück. „Man merkt schon, wer nicht damit klarkommt“, konstatiert die junge Frau ohne Groll, „ich hätte mir nur gewünscht, dass sie einfach ehrlich sind.“

Umso mehr freut sie sich über diejenigen, die sie in den letzten Monaten „einfach ausgehalten haben“ egal, ob sie gelacht oder geweint habe.

Erste Erfolge stellten sich früh ein, schon bei der ersten Verlaufskontrolle nahm der Tumor nur noch ein Viertel des ehemaligen Ausmaßes an. Darüber freuten sich nicht nur die Patientin, sondern auch ihre Ärzte. Nicht bei jeder Patientin kann Opitz einen solchen Verlauf verzeichnen, denn jede Krankheitsgeschichte sei völlig individuell. Seine Aufgabe sieht Opitz darin, Patientinnen wie Smith Mut, aber keine falschen Hoffnungen zu machen.

Dabei hat Indra Smith allen Grund dazu: Mittlerweile ist die letzte der ­­­16 Chemo-Einheiten überstanden und der Tumor ist fast nicht mehr zu sehen. Dennoch steht noch eine Operation an, bei der die umliegenden Lymphknoten mit dem restlichen Tumorgewebe entnommen, die Brust dabei aber vollständig erhalten wird. In Kombination mit einer Bestrahlungstherapie sei dieses Verfahren genauso sicher wie eine Amputation, bekräftigt der Gynäkologe.

Smith hat ein großes Ziel: Noch 2019 möchte sie einen Halbmarathon laufen. Auch sonst nimmt sie sich einiges vor. Die junge Frau, der ihre Sterblichkeit noch nie so bewusst geworden ist, genießt jetzt jeden Moment umso bewusster.

Brust-Amputation auf Verdacht

BRCA – ein Gen, das eigentlich die Entartung von Körperzellen zu einem bösartigen Tumor verhindern soll, kann in einigen Fällen defekt sein. Wird dieses Tumorsuppressor-Gen nicht korrekt weitergegeben, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Brustkrebs zu erkranken, von etwa zwölf auf bis zu 80 Prozent. Allerdings liegt der Anteil der hiervon Betroffenen im Verhältnis zu den 69 000 Frauen, die jedes Jahr in Deutschland neu an Brustkrebs erkranken, bei nur fünf Prozent. In den meisten Fällen hingegen ist die Ursache eine andere und wird nur selten entdeckt. Dennoch sind Gentests mit Augenmerk auf das BRCA-Gen spätestens seit der öffentlichen Entscheidung der betroffenen Schauspielerin Angelina Jolie, sich beide Brüste präventiv amputieren zu lassen, ein großes Thema. Auch im Brustzen­trum des UKM wurden 2018 über 1000 Frauen darüber in einer Sonder-Sprechstunde beraten. Der Gynäkologe Dr. Carl Opitz hält die Durchführung solcher Gentests in begründeten Fällen für sinnvoll, warnt aber vor den Unannehmlichkeiten, die das Wissen um die eigenen Gene mit sich bringen könnten. Man solle „die Menschen nicht kränker machen, als sie sind.“ So sei ein solcher Test nur im Falle eines erhöhten Risikos angezeigt, wenn also zum Beispiel mehrere enge Familienmitglieder betroffen seien.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6407544?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597191%2F
Nähe zum Sport bleibt im Dunkeln
Im Zuge des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs an zwei Kindern wird auch die Nähe des Beschuldigten zum Sport diskutiert. Hier eine Beispielszene eines A-Jugendspiels aus Karlsruhe.
Nachrichten-Ticker