Sonderveröffentlichung

Operationsroboter
Akkurater als jede Hand

Es ging Christoph Jolk wie so vielen Deutschen. Bei ihm bildeten sich Ausstülpungen der Darmwand, sogenannte Divertikel. Als sich diese bei Jolk entzündeten, entfernten Ärzte bei einer Operation den betroffenen Darmabschnitt und nähten den Darm wieder zusammen. So weit, so normal. Das Ungewöhnliche: Den Eingriff nahmen die Chirurgen mit dem „Da Vinci“ vor, einem Operationsroboter.

Samstag, 23.02.2019, 06:00 Uhr
Vierarmige Krake: Mit dem Operationsroboter „Da Vinci“ nehmen Chirurgen am UKM jeden Tag Eingriffe vor, insbesondere an den inneren Organen.
Vierarmige Krake: Mit dem Operationsroboter „Da Vinci“ nehmen Chirurgen am UKM jeden Tag Eingriffe vor, insbesondere an den inneren Organen. Foto: Wilfried Gerharz

Christoph Jolk hat die Zukunft schon erlebt. Nicht als Science-Fiction im Kino, sondern in einem Operationssaal. Um Jolks Divertikulitis zu behandeln, nutzten die beiden Chirurgen Dr. Jens Peter Hölzen und Dr. Cédric Demtröder den „Da Vinci“, einen Roboter, mit dem minimal­invasive Operationen möglich sind. Nur kleine Schnitte, wenig Blutverlust, weniger Schmerzen, ein geringeres Risiko – so fein, exakt und akkurat können Operateure mit dem Roboter arbeiten. Hölzen ist Chirurg, er ist stolz auf seine Hände: „Die leisten sehr viel, aber so präzise wie mit dem ‚Da Vinci‘ können wir mit unseren eigenen Händen nicht arbeiten.“ Hölzen und Demtröder sind sich deshalb einig, wenn es um Robotik in der Medizin geht: „Das ist die Zukunft.“

"Da Vinci" bringt Chirurgen zum Schwärmen

Die beiden Chirurgen stehen an einem Mittwochnachmittag in einem Operationssaal des Universitätsklinikums Münster ( UKM ), von Kopf bis Fuß in grüner OP-Kleidung, und geraten ins Schwärmen. Der Grund dafür steht neben ihnen, hat vier Arme, wird von den Chirurgen deshalb auch gerne mal Krake genannt und heißt offiziell „Da Vinci“. Der Operationsroboter ist ein Beleg für den Fortschritt der Technik in der Medizin.

An einem der vier Arme ist eine 3D-Kamera befestigt. An den drei anderen Armen lassen sich unterschiedliche Operationsinstrumente anbringen. Der Roboter besteht aber nicht nur aus der Krake, sondern noch einem weiteren Gerät, an dem der Operateur sitzt. Den Blick in den Körper ermöglicht die Kamera. Mit seinen Händen steuert der Chirurg über eine Art Joystick die Roboterarme.

Begutachtet wird der Roboter an diesem Tag auch von Jolk. Zwei Wochen vorher wurde der 46-Jährige noch mit einem „Da Vinci“ operiert. Die Divertikulitis hatte dem Polizisten Probleme bereitet. Wieder einmal. Vor sechs Jahren entzündeten sich die Darmdivertikel bei Jolk. Er bekam Durchfall, war erschöpft, hatte Fieber. Sein erster Schub. „Zwei, drei Tage dauert so ein Schub“, sagt Jolk. Sein Arzt machte einen Ultraschall, eine Darmspiegelung bestätigte die Dia­gnose. Der Arzt empfahl, kein rotes Fleisch mehr zu verzehren. Jolk ging noch einen Schritt weiter, isst seitdem gar kein Fleisch mehr, vergaß die Krankheit ansonsten aber wieder.

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Dr. Jens Peter Hölzen (M.) und Dr. Cédric Demtröder (l.) demonstrieren ihrem Patienten Christoph Jolk, wie der "Da Vinci" funktioniert. Foto: Wilfried Gerharz

Wie Jolk haben viele Deutsche über 40 Jahre Divertikel. In Entwicklungsländern taucht die Zivilisationskrankheit fast gar nicht auf, in westlichen Breitungsgraden häuft sie sich. Die Ursache für eine Divertikulitis ist unbekannt. Vermutet wird, dass sie mit der Ernährung zusammenhängt. Nicht in allen Fällen verläuft die Krankheit wie bei Jolk, häufig ist sie harmlos. Die meisten Betroffenen müssen nicht operiert werden. Anders sah es bei Jolk aus. Nach mehr als vier Jahren Ruhe hatte er im Sommer 2017 wieder einen Schub. Ein Jahr später durchlebte er innerhalb von drei, vier Monaten dann gleich drei Schübe. Jolk entschied sich für eine Operation.

Das ist keine leichte Chirurgie. Wir müssen mit unseren Augen fühlen.

Dr. Jens Peter Hölzen

Hölzen und Demtröder nahmen den Eingriff vor. Zwei Wochen später zeigen sie Jolk, was der „Da Vinci“ alles kann. Um mit ihm arbeiten zu können, müssen Chirurgen eine zusätzliche Ausbildung absolvieren: 70 Stunden am Simulator, dazu 30 „Fahrstunden“. „Das ist keine leichte Chirurgie. Wir müssen mit unseren Augen fühlen“, sagt Hölzen. Dennoch biete der Operationsroboter nur Vorteile für den Chirurgen: „Man sitzt da ganz entspannt, bekommt keine Rückenschmerzen. Es ist ganz wichtig, dass man sich konzentrieren kann. Das ist ein enormer Sicherheitsaspekt.“

Bei Jolks Operation ging alles gut. Schmerzen hat er nur noch, wenn er auf die Schnitte drückt. Er verlor bei dem Eingriff lediglich etwa 15 Milliliter Blut. Das ist weniger, als ihm bei der Voruntersuchung abgenommen wurde. Dreieinhalb Tage nach dem Eingriff wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Vor 20 Jahren hätte er nach zwei Wochen noch auf der Station gelegen. Jetzt steht Jolk zwei Wochen nach dem Eingriff im Operationssaal, inspiziert den „Da Vinci“ und sagt über seine Genesung: „Ich fahre Fahrrad, ich gehe laufen, fast als wäre gar nichts gewesen.“

Robotik an der Uniklinik Münster

Die Urologie des UKM operiert bereits seit 2014 mit dem Roboter. Professor Andres Jan Schrader und sein Team behandeln mit dem „Da Vinci“-System Prostata, Blase oder Niere. „Da Vinci“ ist kein selbstständig arbeitender Roboter, sondern ein Übermittler, der dem Operateur eine besonders präzise und damit gleichzeitig schonende Durchführung der Operation ermöglicht. Bevor Schrader nach Münster gekommen ist, war er stellvertretender Klinikdirektor und Leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Ulm und hatte mit seinem Team um Oberarzt Dr. Johannes Müller mehr als 200 Eingriffe mit „Da Vinci“ durchgeführt. Der Patient profitiere nicht nur von kleinen Schnitten, weniger Schmerzen, kürzeren Liegezeiten und einem geringen Blutverlust, sondern insbesondere bei Operationen an der Prostata von einem geringeren Risiko wie Impotenz.

Seit dem 1. Juli besteht am UKM zusätzlich das erste „interdisziplinäre Robotik-Zentrum der Region“ unter der Leitung von Professor Andreas Pascher, Direktor der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie, in der auch Dr. Jens Peter Hölzen und Dr. Cédric Demtröder arbeiten. Pascher ist von der Charité in Berlin nach Münster gekommen. In der Klinik sollen die OP-Roboter die Behandlungsmethoden insbesondere in der Krebsmedizin verbessern, wie das UKM berichtet. Vor allem bei der Entfernung von Tumoren des Enddarmes, der Speiseröhre, der Bauchspeicheldrüse und der Leber ermögliche die Robotik den Chirurgen eine besonders exakte Durchführung. 

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